Eine Stimme neben Coltranes Tenorsaxofon
John Coltrane & Johnny Hartman stellt eine besonders klare Begegnung in den Mittelpunkt: Hartmans Baritonstimme und Coltranes Tenorsaxofon, begleitet von McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones. Sechs Songs bilden das Programm, aufgenommen am 7. März 1963 im Van Gelder Studio in Englewood Cliffs. Wer John Coltrane & Johnny Hartman auf Vinyl kaufen möchte, bekommt hier die Acoustic-Sounds-Series-Ausgabe als einzelne 180-Gramm-Stereo-LP mit 33⅓ RPM. Das Album ist konzentriert, übersichtlich und ganz auf diese Verbindung von Gesang und Instrumentalgruppe ausgerichtet.
Hartman bringt eine andere Art von Aussage in die Besetzung. Ein gesungener Satz hat Worte, ihre Betonung und eine erzählte Perspektive; ein Saxofon kann daneben eine Melodie aufnehmen, weiterführen oder anders gewichten. Die beiden Stimmen müssen nicht dasselbe tun, um zusammenzugehören. Gerade die Unterschiedlichkeit ihrer Mittel macht die Konstellation interessant. Coltrane steht hier nicht allein vor seinem Quartett, und Hartman singt nicht vor einem großen, austauschbaren Begleitorchester. Beide sind als Partner im Albumtitel ausdrücklich sichtbar.
Tyner am Klavier, Garrison am Kontrabass und Jones am Schlagzeug geben dieser Begegnung einen konkreten instrumentalen Rahmen. Es sind drei Musiker, die eng mit Coltranes Arbeit verbunden sind. Ihre Anwesenheit macht das Album auch für Hörer interessant, die den Saxofonisten zunächst aus seinen Instrumentalplatten kennen. Die vertraute Gruppe arbeitet hier mit einer zusätzlichen menschlichen Stimme und mit Songtexten. Dadurch verändert sich die Aufgabe, ohne dass die Musiker hinter einer anonymen Begleitfunktion verschwinden müssen.
Der belegte Aufnahmetag ist der 7. März 1963. Eine abweichende Datumsnotiz zur Ausgabe wurde gegen das Sessionverzeichnis geprüft; alle sechs LP-Titel gehören zu dieser Sitzung. Für das Album genügt diese klare Grundlage. Seine Geschichte braucht keine ausgeschmückten Anekdoten über den Ablauf im Studio. Die Begegnung ist bereits durch die Besetzung und das ausgewählte Repertoire konkret genug: fünf Musiker, sechs Songs und eine gemeinsame Aufnahme an einem Ort.

Drei Songs auf der ersten Seite
They Say It’s Wonderful eröffnet die LP. Irving Berlins Song setzt den Anfang eines Programms, das sich auf komponierte Lieder und ihre Interpretation konzentriert. Hartmans Gesang macht den sprachlichen Gehalt unmittelbar zum Teil der Aufnahme. Coltranes Instrument antwortet mit anderen Mitteln, denn es kann den Text nicht aussprechen und ist trotzdem nicht außerhalb seiner melodischen Umgebung. Diese Nachbarschaft bietet eine reizvolle Hörperspektive: derselbe Song als gesungene Erzählung und als Material für eine instrumentale Stimme.
Dedicated To You folgt als zweiter Titel. Die Auswahl bleibt damit bei einer direkten, persönlich adressierten Songperspektive. Für ein Album mit Gesang ist die Reihenfolge nicht nur eine Frage von Tonarten oder Tempi, sondern auch von unterschiedlichen erzählerischen Situationen. Man kann den Stücken folgen, ohne jedes Detail ihrer Entstehungsgeschichte zu kennen. Wer sich später näher mit Autoren und anderen Interpretationen beschäftigt, findet in der Tracklist einen Ausgangspunkt, kehrt hier aber immer zu dieser konkreten Besetzung zurück.
My One And Only Love beendet Seite A. Guy Wood und Robert Mellin stehen hinter der Komposition und ihrem Text. Innerhalb der Platte nimmt der Song einen klaren Platz ein: Er ist der dritte von drei Titeln, nicht ein aus seinem Zusammenhang gelöster Einzelmoment. Die erste Seite lässt sich deshalb als kleiner vollständiger Bogen hören. Drei Songs bieten genug Wechsel im Material, während die gleichbleibende Gruppe die Verbindung zwischen ihnen hält.
Bei solchen Aufnahmen lohnt der Blick auf die Größe der Beiträge. Eine musikalische Aussage muss nicht besonders lang sein, um Gewicht zu bekommen. Der Gesang stellt bestimmte Anforderungen an Raum, Begleitung und Übergänge, und die Instrumente können darauf reagieren, ohne die Form ständig zu erweitern. Die dokumentierten Laufzeiten der ersten Seite liegen jeweils um fünf Minuten. Das Album gibt den Songs Platz, ohne aus ihnen ausgedehnte Suiten zu machen. Die Konzentration gehört zu seiner Gestalt.

Lush Life und die Arbeit der Begleiter
Lush Life von Billy Strayhorn eröffnet die zweite Seite. Der Komponistenname schafft eine Verbindung zu einem anderen großen Zusammenhang des Jazz, doch Strayhorn ist hier nicht als Mitspieler beteiligt. Hartman, Coltrane und die Rhythmusgruppe nehmen sich seines Songs an. Für die eigene Sammlung ist das ein schöner Weg, einen Autor über verschiedene Interpreten zu verfolgen. Man hört dabei nicht bloß dieselbe Komposition erneut, sondern eine andere Besetzung und eine andere Beziehung zwischen Stimme und Instrumenten.
You Are Too Beautiful von Richard Rodgers und Lorenz Hart folgt. Danach beschließt Autumn Serenade von Peter DeRose und Sammy Gallop die LP. Wieder stehen drei Songs auf einer Seite. Das gesamte Album bleibt bei sechs Titeln, ohne nachträglich eine zweite Sitzung oder ein Bonusprogramm anzuhängen. Die knappe Zahl der Stücke macht es leicht, ihre Reihenfolge im Gedächtnis zu behalten und bei späteren Durchgängen einzelne Übergänge oder wiederkehrende instrumentale Beziehungen bewusster wahrzunehmen.
McCoy Tyners Klavier gehört zu diesen Beziehungen. Es kann die harmonische Umgebung eines Songs deutlich machen und zugleich eine eigene Linie anbieten. Jimmy Garrisons Kontrabass und Elvin Jones’ Schlagzeug vervollständigen die Gruppe. Die drei sind nicht nur deshalb relevant, weil sie bekannte Namen tragen. Ihre Aufgaben bilden die Umgebung, in der Hartmans gesungene Phrasen und Coltranes Tenor überhaupt aufeinandertreffen. Wer zunächst nur auf die beiden Hauptstimmen achtet, findet hier einen guten Ansatz für einen zweiten, anders konzentrierten Durchgang.
Bob Thiele produzierte die Aufnahme, Rudy Van Gelder verantwortete die Tontechnik. Diese Rollen gehören zur Entstehungsgeschichte, nicht zur spielenden Besetzung. Auch die Songautoren bleiben von den fünf Musikern getrennt. Gerade bei einem Repertoirealbum verhindert diese klare Zuordnung, dass eine lange Namensliste den Blick auf die tatsächliche Gruppe verstellt. Der Musikerblock führt die Beteiligten deshalb kompakt auf, während die Texte den Zusammenhang von Songs, Sitzung und konkreter Ausgabe herstellen.
Die Acoustic-Sounds-Series-Ausgabe auf einer LP
Die angebotene Neuauflage trägt die Katalognummer AIMP 80001 und erschien 2022 in der Verve/UMe Acoustic Sounds Series. Ryan K. Smith übernahm das Mastering bei Sterling Sound von den originalen Analogbändern. Die einzelne Stereo-LP wiegt 180 Gramm und wurde bei Quality Record Pressings gepresst. Das Klappcover im Tip-on-Stil stammt von Stoughton Printing. Diese Angaben beschreiben die aktuelle Ausgabe, während Impulse! und das Jahr 1963 den ursprünglichen Albumzusammenhang markieren.
Mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute und drei Titeln auf jeder Seite bleibt die Abfolge leicht zugänglich. Der Seitenwechsel trennt zwei kleine Songgruppen, ohne den Zusammenhang der Sitzung aufzulösen. Das Format passt zu einem Album, dessen Umfang nicht auf möglichst viele Minuten ausgerichtet ist. Man kann eine Seite vollständig hören oder die sechs Stücke nacheinander verfolgen. Die Tracklist unter dem Text zeigt vor dem Kauf genau, welche Songs zu dieser LP gehören.
Für Coltrane-Hörer eröffnet die Platte eine andere Perspektive auf eine vertraute Gruppe. Für Liebhaber von Jazzgesang bietet sie Hartman in einer kleinen, namentlich klar bestimmten Besetzung. Diese beiden Zugänge ergänzen sich. Man muss nicht erst zwischen Sänger und Saxofonist entscheiden, um einen Ausgangspunkt zu finden. Das Album lässt sich über den Text eines Songs, die Kontur einer Melodie oder die Arbeit des begleitenden Trios betreten und beim nächsten Hören aus einer anderen Richtung betrachten.
Gerade darin liegt sein Wert als zusammenhängende Veröffentlichung. Die sechs Songs stehen nicht nur als bekannte Titel nebeneinander. Dieselben fünf Musiker verbinden sie durch eine gemeinsame Session und eine klare instrumentale Konstellation. Hartmans Stimme gibt dieser Gruppe einen sprachlichen Mittelpunkt, Coltranes Tenor eine zweite melodische Perspektive. Die Platte bewahrt beides innerhalb eines überschaubaren Programms, das sich ohne große Vorkenntnisse entdecken und mit wachsender Aufmerksamkeit erneut hören lässt.
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Serie: Impulse! – alle 19 Platten: das Haus, das Trane baute
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Jimmy GarrisonVorhandenes Porträt; keine SessionabbildungKontrabassMitwirkung: Album-Besetzung; Einzelumfang nicht ausgewiesen
- Elvin JonesVorhandenes Porträt; keine SessionabbildungSchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung; Einzelumfang nicht ausgewiesen
- Johnny HartmanSpätere Vorlage: später, undatiertGesangMitwirkung: Album-Besetzung; Einzelumfang nicht ausgewiesen
- McCoy TynerPorträtvorlage: 1962KlavierMitwirkung: Album-Besetzung; Einzelumfang nicht ausgewiesen
- John ColtraneVorhandenes Porträt; keine SessionabbildungTenorsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung; Einzelumfang nicht ausgewiesen
Fünf Musiker, Aufnahme7.März1963 durch Sessionverzeichnis gegen falschen3.März-Credit abgesichert. Bob Thiele: Produktion; Rudy Van Gelder: Aufnahme. Autoren sind keine weiteren Musiker. Ryan K. Smith / Sterling Sound: Mastering vom originalen Analogband; QRP: Pressung; Stoughton: Cover.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael hört ein analytisches und zugleich warmes Klangbild mit schöner Bühne. Bei Johnny Hartmans Mitten hört er einen Unterschied zu einer anderen Aufnahme des Sängers, kann dessen Ursache aber nicht sicher zuordnen. Er vergibt starke 8,5 bis 9 von 10 Punkten und hat hier keinen direkten Pressungsvergleich vorgenommen.
🎧 Review video: John Coltrane And Johnny Hartman - The Acoustic Sound Series
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