Louisiana zu Gast in Kansas
Der Weg von Louisiana nach Salina führt auf dieser Platte mitten in eine musikalische Nachbarschaft. Tab Benoit steht am 19. Oktober 2002 in den Blue Heaven Studios auf der Bühne, mit 34 Jahren und einem Repertoire, in dem eigene Songs neben Stücken älterer Musiker seiner Heimat stehen. Blues Masters Live hält diesen Abend auf vier Plattenseiten fest. Wenn Du die Titelfolge liest, begegnen Dir Professor Longhair, Boozoo Chavis und Lil’ Bob über ihre Musik. Benoit bringt sie in den Zusammenhang seiner eigenen Arbeit: elf Titel, aufgenommen beim fünften Blues Masters at the Crossroads.
Die geografische Entfernung gehört zur Geschichte. Das Konzert findet in Kansas statt, seine musikalischen Bezugspunkte liegen weiter südlich. Benoit wuchs in Houma auf; im Blues Box in Baton Rouge begegnete er dem Blues als gelebter Praxis. In dem von Tabby Thomas betriebenen Club spielte er mit Musikern wie Thomas, Raful Neal und Henry Gray. Dieser Hintergrund erklärt, weshalb ein Abend mit älteren Künstlern für ihn mehr bedeutete als eine Festivalbegegnung. Auf der Bühne kamen Menschen und musikalische Erfahrungen zusammen, die seine Entwicklung begleitet hatten.
Zur Zeit des Auftritts war Benoit mit Wetlands unterwegs. In Salina spielten Carl Dufrene Jr. am Bass und Darryl White am Schlagzeug an seiner Seite. Diese kompakte Besetzung bildet den personellen Kern des Mitschnitts. Stimme, Gitarre, Bass und Schlagzeug geben Dir einen überschaubaren Ausgangspunkt, um die unterschiedlichen Traditionen im Programm zu verfolgen: Blues, New-Orleans-Rhythm-and-Blues, Swamp-Pop und Zydeco gehören laut der offiziellen Veröffentlichungsgeschichte zu Benoits musikalischem Umfeld.

Vier Seiten, viele Verbindungen
Schon Seite A setzt Eigenes und Überliefertes zueinander in Beziehung. „Muddy Bottom Blues“ eröffnet das Album, gefolgt von Professor Longhairs „Her Mind Is Gone“ und Benoits „Nice And Warm“. Der dritte Titel dauert hier mehr als acht Minuten. Mit seiner ausgedehnten Spielzeit beansprucht dieser Titel einen großen Teil der ersten Plattenseite und setzt dort einen deutlichen zeitlichen Schwerpunkt. Du kannst die Seite als kleine Einführung in Benoits musikalische Herkunft lesen: Ein eigener Song, eine Verbindung nach New Orleans und wieder eine eigene Komposition stehen unmittelbar nebeneinander.
Auf Seite B folgt „Let Love Take Control“, bevor „Dog Hill“ die Verbindung zu Boozoo Chavis herstellt. Bei „I Got Loaded“ wird aus der Verbindung über ein Stück eine persönliche Begegnung: Lil’ Bob, mit bürgerlichem Namen Camille Bob, ist bei diesem Titel dabei. Die Pressemitteilung nennt ihn ausdrücklich als Schöpfer des Songs und als Mitwirkenden dieser Aufführung. Damit besitzt der Mitschnitt einen konkret belegten Moment des Austauschs zwischen Generationen. Das Lied gehört hier zugleich zum Repertoire eines jüngeren Gitarristen und zur Geschichte eines anwesenden älteren Musikers.
Die zweite LP führt mit „Louisiana Style“ und „Crawfishin’“ weiter durch Benoits eigene Titelwelt. Anschließend steht das „Mardi Gras Medley“, mit 9:23 Minuten der längste Eintrag der Tracklist. „Cherry Tree Blues“ und „Bayou Boogie“ bilden die Schlussseite. Die Aufteilung lässt sich beim Hören bewusst mitnehmen: Jede Seite setzt einen neuen Anfang, während die Folge der elf Stücke den Abend zusammenhält. Auch die Mischung aus eigenen Songs und überliefertem Material bleibt dabei greifbar. Die Zusammenstellung öffnet damit verschiedene Zugänge: über vertraute Titel, über Benoits eigene Kompositionen oder über die musikalische Herkunft des Programms.
Ein Kirchenraum wird zum Aufnahmeort
Blue Heaven Studios gibt dieser Begegnung einen ungewöhnlichen Rahmen. Der Aufnahmeort in Salina ist eine restaurierte neugotische Kirche. Die Pressemitteilung beschreibt einen Raum, der so angelegt wurde, dass ein Prediger ohne Verstärkung überall zu hören war. Das ist für die Geschichte des Studios entscheidender als ein spektakulärer Größenvergleich: Hier wurde für Menschen gebaut, die gemeinsam zuhören. Hohe Buntglasfenster, Holzeinbauten und Bankreihen erinnern an diesen ursprünglichen Zweck. Auch als Konzert- und Aufnahmeort behält das Gebäude eine erkennbare eigene Gestalt.
Bei der Aufnahme waren David Baker und Katsuhiko „Katsu“ Naito verantwortlich. Aufgezeichnet wurde live auf zwei Spuren, auf Halbzollband mit 15 Zoll pro Sekunde. Das beschreibt eine Arbeitsweise, bei der die Aufführung unmittelbar in einer zweispurigen Aufnahme festgehalten wird. Zwei Spuren halten dabei die gemeinsam gespielte Musik fest; das Band wird zum Ausgangspunkt für die spätere Veröffentlichung. Für Dich als Hörer ist vor allem der Zusammenhang interessant: Musiker, Veranstaltung und Raum gehören zu demselben historischen Abend, den das Band bewahrt hat.
Die Konzertreihe Blues Masters at the Crossroads lief von 1998 bis 2018. Benoits Auftritt blieb anschließend mehr als zwei Jahrzehnte unveröffentlicht. Mit Blues Masters Live öffnet Acoustic Sounds dieses Archiv im Jahr seines vierzigjährigen Bestehens. Die Bedeutung liegt damit auch im Zeitpunkt der Veröffentlichung: Ein Konzert aus dem Jahr 2002 wird als eigenständiges Album zugänglich, mit seiner damaligen Besetzung und seinem damaligen Repertoire. Du begegnest dieser Kombination in einem erhaltenen Mitschnitt.

Vom Archivband auf zwei LPs
Die Ausgabe von APO Records trägt die Katalognummer AAPO 1001. Matthew Lutthans übernahm das Mastering im The Mastering Lab; als Quelle werden die originalen analogen Masterbänder genannt. Quality Record Pressings presste die beiden 180-Gramm-LPs, die mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute laufen. Untergebracht sind sie in einer direkt bedruckten Gatefold-Hülle. Das Begleitessay stammt von Keith Spera, dem in New Orleans ansässigen Musikjournalisten und Autor. So erhält die Aufnahme neben ihrer technischen Aufbereitung auch eine schriftliche Einordnung.
Zur Eröffnung derselben Reihe gehört außerdem Tony Joe Whites Blues Masters Live, aufgenommen am 18. Oktober 2003 im selben Haus. Der gemeinsame Ort verbindet zwei verschiedene Konzertabende. Bei Benoit steht das Trio im Mittelpunkt, ergänzt durch die belegte Begegnung mit Lil’ Bob bei „I Got Loaded“. Wenn Du Dich durch die vier Seiten hörst, kannst Du diesen Zusammenhang verfolgen: die eigenen Songs eines Musikers aus Louisiana, seine Verbindung zu älteren Stimmen und ein Raum in Kansas, in dem diese Geschichte für einen Abend zusammenkam.
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