Zwei Musiker, ein Abend in Kansas
Tony Joe White braucht für diesen Konzertmitschnitt eine überschaubare Besetzung: seine Stimme, E-Gitarre und Mundharmonika, dazu Marc „Boom Boom“ Cohen am Schlagzeug. Am 18. Oktober 2003 spielen die beiden in den Blue Heaven Studios in Salina, Kansas, beim sechsten Blues Masters at the Crossroads. Neun Titel dieses Abends versammelt Blues Masters Live. Du begegnest damit einem Songwriter in seinem eigenen Repertoire, vom weithin bekannten „Polk Salad Annie“ bis zu Stücken, die außerhalb seines Publikums weniger selbstverständlich zum musikalischen Gedächtnis gehören.
Die kleine Besetzung ist dabei mehr als eine Personalangabe. Sie lenkt den Blick auf das Verhältnis zwischen einem Sänger, der zugleich Gitarre spielt, und seinem Schlagzeuger. Für Dich als Hörer bietet das einen konkreten Zugang: Achte darauf, wie Gesang, Gitarrenfigur und Schlagzeug einander Platz lassen. Whites Mundharmonika erweitert diese Konstellation um eine weitere Stimme. Die Aufnahme dokumentiert eine Begegnung auf der Bühne; Du musst dafür weder seine gesamte Diskografie kennen noch mit einer bestimmten Vorstellung davon beginnen, wie Blues zu klingen hat.
Chad Kassem hat diesen Mitschnitt lange vor seiner Veröffentlichung Besuchern vorgespielt. Die Pressemitteilung zur Reihe beschreibt ihn als eine seiner bevorzugten Vorführaufnahmen seit 2003. Das erklärt etwas von der persönlichen Bedeutung dieser Auswahl: Hier öffnet ein Veranstalter sein Archiv auch entlang eigener Erinnerungen. Für die Begleittexte zu Whites Album zeichnet Kassem selbst verantwortlich. Seine Nähe zum Künstler und zu diesem Abend ist damit Teil der Veröffentlichung, während das Konzert die Gelegenheit bietet, Dir Dein eigenes Bild zu machen.

Bekannte Songs zurück bei ihrem Erzähler
Whites Name ist mit Songs verbunden, die weit über seine eigenen Platten hinausreichten. „Polk Salad Annie“ brachte ihm 1969 einen amerikanischen Top-Ten-Hit; „Rainy Night in Georgia“ wurde im folgenden Jahr durch Brook Benton bekannt. Letzteres gehört nicht zu dieser LP. Die Unterscheidung lohnt sich, denn Blues Masters Live ist keine nachträglich zusammengestellte Sammlung aller berühmten Kompositionen. Es ist eine Auswahl aus einem bestimmten Auftritt, mit dessen eigener Reihenfolge und einer Mischung aus Wiedererkennen und Entdecken.
Seite A beginnt mit „Rich Woman Blues“ und führt anschließend zu „Willie And Laura Mae Jones“. Gerade dieses Stück hebt Kassem in der Pressemitteilung hervor. Seine Erinnerung macht neugierig auf den Vortrag, ohne Dir eine Reaktion vorzuschreiben. Danach folgen „Undercover Agent For The Blues“, „Do You Have A Garter Belt“ und „Rico“. Bereits die Titelauswahl stellt unterschiedliche Formen des Erzählens nebeneinander: benannte Figuren, eine direkte Frage, die Verkleidung im Titel des „Undercover Agent“. Wie White daraus einen Zusammenhang formt, kannst Du über die ganze Plattenseite verfolgen.
Mit „Steamy Windows“ eröffnet die zweite Seite, gefolgt von „Even Trolls Love Rock And Roll“ und „Tunica Motel“. Den Abschluss übernimmt „Polk Salad Annie“. Die beiden Titel „Steamy Windows“ und „Undercover Agent For The Blues“ verbinden viele Hörer auch mit Tina Turner; Whites biografische Sekundärquelle führt beide unter seinen für sie bekannt gewordenen Songs. Hier stehen sie im Programm ihres Autors. Dieser Perspektivwechsel ist ein reizvoller Anlass, bekannte Titel neu zu betrachten: Was verändert sich für Dich, wenn dieselbe Komposition wieder mit dem Künstler verbunden ist, aus dessen Arbeit sie hervorging?
Eine Kirche wird Teil der Aufnahme
Blue Heaven ist kein beliebiger Ortsname auf dem Etikett. Die Studios befinden sich in einer restaurierten neugotischen Kirche. Nach der offiziellen Pressemitteilung war ihr Innenraum so angelegt, dass die Stimme eines Predigers ohne Verstärkung im ganzen Raum verständlich blieb. Diese architektonische Aufgabe gehört zum Hintergrund des Konzertortes. Für einen Auftritt mit Publikum entsteht daraus eine besondere Aufnahmesituation: Musiker, Zuhörer und Raum stehen in einer Beziehung, die sich im Studio nicht allein durch eine Liste von Geräten beschreiben lässt.
Die Konzertreihe Blues Masters at the Crossroads fand von 1998 bis 2018 statt. Mit der Veröffentlichungsreihe Blues Masters Live macht Acoustic Sounds bislang unveröffentlichte Aufnahmen daraus zugänglich. Whites Abend stammt aus dem Jahr 2003; die Schwesterveröffentlichung mit Tab Benoit hält einen Auftritt vom 19. Oktober 2002 fest. Beide führen nach Salina und zugleich in unterschiedliche Zusammenhänge der Musik Louisianas. Bei White steht das Duo mit Cohen im Mittelpunkt. Die beteiligten Musiker und die Programme gehören jeweils zu ihrem eigenen Konzert.
David Baker und Katsuhiko „Katsu“ Naito zeichneten Whites Auftritt live auf zwei Spuren auf: auf ½-Zoll-Analogband mit einer Geschwindigkeit von 15 ips, also 15 Zoll pro Sekunde. Bei einer solchen Aufnahme wird die Balance für die beiden Spuren während des Geschehens festgehalten. Der Raum ist laut Pressemitteilung bewusst Teil dieser Aufnahme. Die technischen Angaben machen den Weg vom Konzert zum Band nachvollziehbar; ein bestimmter Mikrofonplan oder ein konkretes Bandmaschinenmodell ist damit jedoch nicht beschrieben.

Vom Archivband zur LP
Für diese Ausgabe bearbeitete Matthew Lutthans die originalen analogen Masterbänder bei The Mastering Lab. APO Records veröffentlicht das Konzert unter der Katalognummer AAPO 1002 als einzelne 180-g-LP mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute. Gepresst wird bei Quality Record Pressings. Zur Ausstattung gehört eine direkt bedruckte Gatefold-Hülle, vom Hersteller als „direct-to-board“ bezeichnet. Aufnahmedatum und neue Herstellung liegen weit auseinander: Die LP erschließt einen Archivmitschnitt, dessen Ausgangspunkt ein konkreter Konzertabend bleibt.
Auch die Resonanz ist einzuordnen. Michael Fremer bewertet die Veröffentlichung in seiner auf der Acoustic-Sounds-Seite zitierten Rezension mit jeweils 11 von 11 Punkten für Musik und Klang. Das ist sein Urteil über die Platte. Für Deine eigene Begegnung bietet sich ein anderer, offener Ausgangspunkt an: die neun Songs in ihrer Seitenfolge, die beiden Musiker und die Frage, wie ein lange zurückliegender Abend als zusammenhängendes Programm wirkt.
Mehr von Tony Joe White: Sein Album Tony Joe White findest Du außerdem als 45-RPM-Ausgabe (AAPR 026-45) und als SACD (CAPR 026 SA). Zur selben Live-Reihe gehört Tab Benoit – Blues Masters Live.
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