Harry Belafonte zwischen Blues, Song und Erzählung
Belafonte Sings the Blues eröffnet einen besonderen Blick auf Harry Belafonte. Das 1958 bei RCA Victor veröffentlichte Album versammelt elf Titel, die Blues, Rhythm & Blues, populären Song und andere amerikanische Liedtraditionen miteinander verbinden. Der Titel beschreibt dabei einen künstlerischen Ausgangspunkt, keine Vorschrift für eine einzige musikalische Form. Belafonte nähert sich dem Material als Sänger und Erzähler. Im Zentrum steht, wie sich eine Geschichte durch die Gewichtung ihrer Worte, die Bewegung einer Melodie und den Abstand zwischen zwei Sätzen entfalten lässt.
Für die Aufnahmegeschichte ist das Album ebenfalls bemerkenswert: Der Herausgeber bezeichnet es als Belafontes erstes ursprünglich in Stereo aufgenommenes Album. Die Sessions verteilen sich auf New York im Januar und März 1958 sowie Hollywood im Juni desselben Jahres. Es handelt sich also um eine über mehrere Termine und Orte entstandene Produktion. Ed Welker ist als Produzent genannt. Das fertige Programm führt diese verschiedenen Aufnahmesituationen unter einer gemeinsamen Idee zusammen: Belafontes Begegnung mit einem Repertoire, dessen Ausdrucksmöglichkeiten weit über ein einzelnes Genreetikett hinausreichen.
Wer ihn vor allem mit seinem karibisch geprägten Repertoire verbindet, entdeckt hier einen anderen Schwerpunkt. Die Auswahl führt unter anderem zu Ray Charles, Billie Holiday sowie Harold Arlen und Johnny Mercer. Diese Namen markieren unterschiedliche musikalische Umfelder und Arten des Geschichtenerzählens. Gerade ihre Nachbarschaft macht den Reiz des Albums aus. Die Frage ist weniger, wie man alle elf Songs unter eine enge Definition bringt, als wie eine erkennbare Sängerpersönlichkeit ihnen Zusammenhang geben kann.
Dabei lohnt es sich, die sprachliche Seite ernst zu nehmen. Ein Refrain, eine beiläufig wirkende Wendung oder ein wiederholter Satz kann durch seinen Platz in der Interpretation eine andere Bedeutung gewinnen. Belafontes Arbeit mit einem Song lässt sich deshalb ebenso über Text und Form erschließen wie über die Melodie. Für Musikliebhaber bietet das Album eine Gelegenheit, bekannte Titel aus einer anderen Perspektive zu betrachten; für Sammler erweitert es das Bild eines Künstlers, dessen Diskografie mehrere amerikanische und karibische Traditionen miteinander in Beziehung setzt.

Vier Aufnahmetermine und drei musikalische Leiter
Die dokumentierten Termine sind der 29. Januar und der 29. März 1958 in New York sowie der 5. und 7. Juni 1958 in Hollywood. Für die Leitung werden Alan Greene, Bob Corman und Dennis Farnon genannt: Greene für den Januartermin, Corman für März und Farnon für die beiden Juni-Sessions. Diese Angaben machen deutlich, dass hinter dem einheitlichen Albumtitel mehrere Produktionsabschnitte stehen. Sie sollten nicht ohne weiteren Beleg in eine vermeintlich lückenlose Zuordnung aller Instrumentalisten zu jedem einzelnen Song verwandelt werden.
Belafonte bleibt die verbindende Stimme. Für den Hörer kann gerade die Frage interessant sein, wie ein Sänger über verschiedene Arrangements und Begleitkonstellationen hinweg seine eigene Vorstellung bewahrt. Welche Aufgaben übernimmt die Stimme selbst, welche werden durch das instrumentale Umfeld vorbereitet oder weitergeführt? Ein wiederkehrender Songgedanke kann durch Begleitung und zeitliche Gestaltung einen neuen Akzent erhalten. Darauf zu achten, öffnet einen Zugang, der über die bloße Wiedererkennung berühmter Titel hinausgeht.
Eine vollständige, gesicherte Liste aller beteiligten Einzelmusiker liegt für diese Ausgabe nicht vor. Im Musikerblock werden deshalb die belegten Namen und Leitungsaufgaben erhalten, während die übrige Begleitung als Ensemble ausgewiesen bleibt. Es wäre verführerisch, bekannte Studiomusiker aus anderen Belafonte-Aufnahmen hinzuzufügen; eine solche Übertragung würde die Geschichte dieser Platte jedoch ungenauer machen. Die vorhandenen Angaben reichen aus, um die Produktionsstruktur zu beschreiben, und ihre Grenzen dürfen sichtbar bleiben.
Die albumbezogene Studiovignette erinnert an den Aufnahmezusammenhang der späten 1950er-Jahre. Sie ist keine Rekonstruktion einer bestimmten Mikrofonierung oder einer nachgewiesenen Gerätekette. Im musikalischen Mittelpunkt steht die historische Darbietung, nicht eine nachträglich erfundene Studiogeschichte. Gerade bei einer Neuauflage mit klar benanntem Mastering ist es sinnvoll, die ursprüngliche Aufnahme, ihre dokumentierten Mitwirkenden und die heutige Herstellung als miteinander verbundene, aber unterschiedliche Ebenen zu betrachten.

Von Ray Charles bis „God Bless the Child“
Die erste Seite beginnt mit „A Fool for You“ von Ray Charles. Es folgen „Losing Hand“, geschrieben unter dem Namen Charles Calhoun von Jesse Stone, und „One for My Baby“ von Harold Arlen und Johnny Mercer. Bereits diese Folge verbindet verschiedene Formen vokaler Erzählung. Ein Bluesbezug kann in Text, Haltung oder musikalischer Herkunft liegen, ohne dass jeder Titel denselben Aufbau besitzen muss. Für das Album ist diese Offenheit produktiv: Belafonte kann sich dem jeweiligen Song widmen, statt ihn in ein einheitliches Muster zu zwingen.
„In the Evenin‘ Mama“, „Hallelujah I Love Her So“ und „The Way That I Feel“ vervollständigen die erste Seite. Mit „Hallelujah I Love Her So“ erscheint Ray Charles erneut im Programm. Die Auswahl bewegt sich zwischen verschiedenen emotionalen Lagen und Erzählhaltungen. Es lohnt sich, auf den Übergang von einem Song zum nächsten zu achten und die erste Seite als Folge zu hören. Unterschiede innerhalb des Repertoires tragen zu ihrem Charakter bei, ebenso wie die Kontinuität der zentralen Stimme.
Die zweite Seite eröffnet „Cotton Fields“. Darauf folgt „God Bless the Child“, geschrieben von Billie Holiday und Arthur Herzog Jr. Mit „Mary Ann“ kehrt das Album ein drittes Mal zu einem Song von Ray Charles zurück. „Sinners Prayer“ und „Fare Thee Well“ schließen das elf Titel umfassende Programm ab. Diese Mischung macht die Platte zu einem interessanten Knotenpunkt innerhalb einer Sammlung: Mehrere Songtraditionen und Autoren begegnen sich, ohne ihre unterschiedlichen Herkunftsgeschichten zu verlieren.
Bei historischen Veröffentlichungen können Autorenangaben von Ausgabe zu Ausgabe abweichen. Für „Cotton Fields“ und „In the Evenin‘ Mama“ stehen dokumentierte Pressungscredits und die überlieferte Werkgeschichte nicht widerspruchsfrei nebeneinander. Die vollständige Faktenakte hält diese Unterschiede fest, statt sie stillschweigend zu glätten. Für das Hören bleibt die konkrete Interpretation entscheidend; für eine sorgfältige Sammlung gehört zugleich dazu, den Credit einer bestimmten Hülle nicht automatisch mit einer abschließend geklärten Urheberschaft gleichzusetzen.
Ryan K. Smiths Mastering für Analogue Productions
Die hier angebotene Ausgabe von Analogue Productions trägt die Bestellnummer AAPF 1972. Sie präsentiert das Album als 200-Gramm-Stereo-LP mit 33⅓ Umdrehungen, gepresst bei Quality Record Pressings. Das Mastering stammt von Ryan K. Smith bei Sterling Sound. Hinzu kommt eine klassische Tip-on-Hülle von Stoughton Printing. Diese Angaben kennzeichnen die konkrete AP-Veröffentlichung; Masteringcredits anderer Neuauflagen desselben Albums sollten nicht auf sie übertragen werden.
Das Programm bleibt auf einer einzelnen LP mit sechs Titeln auf der ersten und fünf auf der zweiten Seite erhalten. Für Hörer, die eine Albumfolge gern in längeren Abschnitten erleben, ist diese 33⅓-Aufteilung ein praktischer Vorteil: Ein Seitenwechsel gliedert die elf Songs. Die Wahl dieses Formats ist zunächst eine Entscheidung über die konkrete Ausgabe und ihre Handhabung. Ein allgemeines Klangversprechen lässt sich daraus allein ebenso wenig ableiten wie aus dem Gewicht des Vinyls.
Der Reiz von Belafonte Sings the Blues liegt in der Verbindung einer unverwechselbaren Stimme mit einer sorgfältig ausgewählten, stilistisch offenen Songfolge. Das Album ergänzt das vertraute Bild Belafontes um eine konzentrierte Begegnung mit Blues und amerikanischem Song. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir übernehmen den US-Import und versenden aus Hilden. Für anspruchsvolle Sammler bietet diese dokumentierte Neuauflage einen klaren Zugang zu einer besonderen RCA-Produktion von 1958; für Musikliebhaber stehen elf Geschichten bereit, die sich über Worte, Melodien und ihre jeweilige Interpretation erschließen lassen.
Mehr von Harry Belafonte: Belafonte At Carnegie Hall
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Harry BelafontePorträtvorlage 1963GesangMitwirkung: Alle Titel
- Alan GreeneOrchesterleitungMitwirkung: New York, 29. Januar 1958; Titel nicht vollständig zugeordnet
- Bob CormanOrchesterleitungMitwirkung: New York, 29. März 1958; Titel nicht vollständig zugeordnet
- Dennis FarnonOrchesterleitungMitwirkung: Hollywood, 5./7. Juni 1958; Titel nicht vollständig zugeordnet
- Studioorchester / studio orchestrasEnsembles; Einzelmusiker nicht vollständig dokumentiertMitwirkung: Wechselnde Besetzungen, keine erfundene Gesamtband
Elf Titel; Aufnahme New York Januar/März und Hollywood Juni 1958. Produktion Ed Welker. Drei getrennte Dirigentencredits, keine durchgehende Einzelmusikerliste. Historische Autorencredits zu Cotton Fields/In the Evenin’ Mama sind widersprüchlich; konkrete Pressungscredits erhalten und in der Redaktion erläutert.








Rezensionen
Es gibt noch keine Rezensionen.