Ein Debüt, das seine Menschen bereits kennt
John Prine ist Mitte zwanzig, als sein erstes Album 1971 bei Atlantic erscheint. Seine Lieder wirken dennoch nicht wie eine Sammlung erster Versuche. Sie begegnen Menschen, deren Leben längst eigene Umwege genommen hat: einem heimgekehrten Soldaten, alten Menschen, Liebenden, Einzelgängern und Figuren, die ihren Humor gerade dort bewahren, wo wenig Anlass dazu besteht. Prine schreibt dreizehn eigene Stücke und stellt ihnen keine große Erklärung voran. Er vertraut darauf, dass eine genaue Beobachtung mehr tragen kann als eine ausdrücklich formulierte Botschaft. Darin liegt die besondere Nähe dieses Debüts: Es lässt seinen Figuren Platz, bevor es ein Urteil über sie fällt.
Zur Entstehung gehört eine Freundschaft, die auch auf der fertigen Aufnahme Spuren hinterlässt. Steve Goodman macht Kris Kristofferson auf den jungen Songwriter in Chicago aufmerksam. Ein New Yorker Auftritt im Umfeld Kristoffersons führt anschließend zu Atlantic und Jerry Wexler. Die Geschichte lässt sich leicht als Entdeckung eines Talents erzählen; für das Album ist aber ebenso wichtig, was danach geschieht. Arif Mardin produziert Prines Lieder mit Musikern, die ihrer sprachlichen Eigenart einen tragfähigen Rahmen geben. Die Stimme muss weder geglättet noch in eine fremde Rolle gedrängt werden.
Der größte Teil entsteht in den American Sound Studios in Memphis. Eine Ausnahme ist Paradise, aufgenommen in den A&R Studios in New York. Diese zweite Stadt bringt zugleich eine andere kleine Besetzung ins Spiel. Schon daran zeigt sich, dass das Album nicht einfach mit einer einzigen, überall identischen Begleitband aufgenommen wurde. Hinter der scheinbar mühelosen Folge stehen unterschiedliche Lösungen für unterschiedliche Geschichten. Für eine Sammlung ist das ein Debüt, bei dem sich der Blick auf Texte, Stimmen und beteiligte Musiker gleichermaßen lohnt.

Dreizehn Lieder zwischen Mitgefühl und trockenem Witz
Illegal Smile und Spanish Pipedream eröffnen das Programm mit einem Sinn für Eigenwilligkeit, der Prines ernstere Themen nicht verdrängt, sondern zu ihnen gehört. Humor wird bei ihm nicht zum Gegenprogramm des Mitgefühls. Ein Mensch kann komisch sein und trotzdem seine Würde behalten; eine kleine Wendung kann eine ganze Lebenshaltung sichtbar machen. Die dritte Nummer, Hello In There, richtet den Blick auf das Älterwerden und auf Menschen, die im Alltag leicht übersehen werden. Diese Perspektive wirkt gerade deshalb, weil sie nicht aus der sicheren Entfernung einer allgemeinen These formuliert wird.
Auf der zweiten Seite dieser Ausgabe stehen Sam Stone, Paradise und Pretty Good. Sam Stone führt zu einem Kriegsveteranen und den Folgen seiner Rückkehr; Paradise verbindet Erinnerung an einen Ort mit dessen Veränderung. Prine braucht dafür keine monumentale musikalische Kulisse. Achte darauf, wie Stimme und Begleitung die Erzählung tragen und wie viel Bedeutung eine beiläufig wirkende Formulierung bekommen kann. Der Wechsel zum nächsten Stück löst die zuvor geweckte Anteilnahme nicht einfach wieder auf. Die verschiedenen Temperamente bleiben Bestandteile derselben menschlichen Welt.
Your Flag Decal Won’t Get You Into Heaven Anymore eröffnet Seite C, gefolgt von Far From Me und Angel From Montgomery. Politische Spitze, Beziehungserfahrung und der Blick auf ein unerfülltes Leben stehen eng nebeneinander. Die vierte Seite versammelt Quiet Man, Donald And Lydia, Six O’Clock News und Flashback Blues. Damit endet die Platte nicht bei einem einzigen großen Thema. Ihre Stärke liegt in der Reichweite einer Stimme, die sehr unterschiedliche Menschen ernst nimmt. Alle dreizehn Lieder stammen von Prine; bekannte spätere Interpretationen ändern nichts daran, wie geschlossen seine eigene erste Albumfolge angelegt ist.

Memphis, Paradise und Steve Goodmans zweite Rolle
Auf elf Titeln wird Prines akustische Gitarre und Gesang von einer umfangreicheren Studiobesetzung begleitet. Reggie Young spielt Leadgitarre, John Christopher Rhythmusgitarre und Leo LeBlanc Pedal Steel. Bobby Emmons an der Orgel und Bobby Wood am Klavier erweitern die harmonischen Farben. Mike Leech, Gene Chrisman und Hayward Bishop bilden mit Bass, Schlagzeug und Perkussion das rhythmische Fundament. Diese Namen sind mehr als ein Anhang: Sie erklären, wie das Album folknahe Direktheit mit der Beweglichkeit einer erfahrenen Studioband verbinden kann, ohne seine Lieder zu überladen.
Paradise setzt davon eine klar unterscheidbare Besetzung ab. Neben John Prine sind Steve Goodman mit akustischer Gitarre und Harmoniegesang, Dave Prine an der Fiddle und Neil Rosengarden am Bass beteiligt. Goodman bleibt also nicht nur der Freund, der eine Begegnung ermöglicht hat. Er gehört hörbar zur musikalischen Geschichte der Platte. Gerade dieser Zusammenhang macht die Aufnahme persönlich, ohne dass man ihr eine erfundene Studioszene hinzufügen müsste: Vermittlung, Freundschaft und gemeinsames Musizieren sind hier tatsächlich miteinander verbunden.
Auch Flashback Blues hat eigene Credits. Goodman spielt wieder akustische Gitarre, diesmal kommt Noel Gilbert an der Fiddle hinzu. Mike Leech bleibt am Bass; Hayward Bishop übernimmt das Schlagzeug, während Gene Chrisman Tamburin spielt. Eine pauschale Liste würde diesen kleinen, aber wichtigen Rollenwechsel verdecken. Beim nächsten Durchgang lohnt sich deshalb ein Vergleich der beiden Ausnahmen mit der größeren Memphis-Besetzung. Nicht jede Farbe muss benannt werden, um sie wahrzunehmen. Die genaue Besetzung bietet einfach einen zweiten Zugang zu Liedern, die auch ohne Vorwissen unmittelbar verständlich bleiben.
Atlantic 75: John Prine auf zwei 45er-LPs
Diese Veröffentlichung ist die Stereo-Doppel-LP AAPA 004-45 aus der Atlantic 75 Series von Analogue Productions. Die beiden Schallplatten wiegen jeweils 180 Gramm und laufen mit 45 Umdrehungen pro Minute. Für Mastering und Lackschnitt ist Ryan K. Smith bei Sterling Sound verantwortlich. Der Herausgeber nennt das originale Masterband als Quelle. Diese konkrete Zuordnung ist für Sammler wesentlich: Der Name eines anderen Mastering-Ingenieurs gehört nicht zu dieser Ausgabe, auch wenn er in älteren Produktangaben auftaucht.
Die dreizehn Titel verteilen sich auf vier Seiten: zunächst drei, dann nochmals drei, auf Seite C weitere drei und zum Abschluss vier Stücke. Eine solche 45er-Aufteilung schafft andere Schnittbedingungen als eine einzelne 33⅓-LP und verlangt zugleich mehr Seitenwechsel. Wer das Album am liebsten ohne Unterbrechung verfolgt, wird diesen praktischen Unterschied mitbedenken; wer seine Sammlung gezielt um diese Ausgabe erweitert, findet hier das vollständige Originalprogramm in der ausgewiesenen Atlantic-75-Fassung. Eine höhere Drehzahl allein ersetzt dabei kein begründetes Urteil über ein konkretes Exemplar.
Zur Ausstattung gehört eine Tip-on-Klapphülle von Stoughton Printing mit zwei Einschubtaschen. Die ersten 2.000 Exemplare der Reihe wurden nummeriert und bei Quality Record Pressings gefertigt; für unnummerierte Nachpressungen kommt auch RTI infrage. Eine bestimmte Nummer oder ein bestimmtes Presswerk wird ohne Prüfung des Lagerexemplars nicht zugesichert. Entscheidend bleiben die exakte Katalognummer, Ryan K. Smiths Bearbeitung und Prines vollständiges Debüt: dreizehn Geschichten, deren Aufmerksamkeit für andere Menschen den Weg zurück zur Platte immer wieder lohnend macht. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Auch als SACD: John Prine
Kundenfragen: Atlantic 75: welche Titel lohnen sich? · Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Atlantic 75 Series – alle 75 Alben, Zeitreise und die Menschen hinter Atlantic
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- John Prineakustische Gitarre, GesangMitwirkung: Alle 13 Titel
- Reggie YoungLeadgitarreMitwirkung: A1, A2, A3, B1, B3, C1, C2, C3, D1, D2, D3
- Leo LeBlancPedal-Steel-GitarreMitwirkung: A1, A2, A3, B1, B3, C1, C2, C3, D1, D2, D3
- John ChristopherRhythmusgitarreMitwirkung: A1, A2, A3, B1, B3, C1, C2, C3, D1, D2, D3
- Bobby EmmonsOrgelMitwirkung: A1, A2, A3, B1, B3, C1, C2, C3, D1, D2, D3
- Bobby WoodKlavierMitwirkung: A1, A2, A3, B1, B3, C1, C2, C3, D1, D2, D3
- Mike LeechBassMitwirkung: A1, A2, A3, B1, B3, C1, C2, C3, D1, D2, D3, D4
- Gene ChrismanSchlagzeug; TamburinMitwirkung: Schlagzeug: A1, A2, A3, B1, B3, C1, C2, C3, D1, D2, D3; Tamburin: D4
- Hayward BishopPerkussion; SchlagzeugMitwirkung: Perkussion: A1, A2, A3, B1, B3, C1, C2, C3, D1, D2, D3; Schlagzeug: D4
- Steve GoodmanHarmoniegesang, akustische Gitarre; akustische GitarreMitwirkung: Harmoniegesang, akustische Gitarre: B2; akustische Gitarre: D4
- Dave PrineFiddleMitwirkung: B2
- Neil RosengardenBassMitwirkung: B2
- Noel GilbertFiddleMitwirkung: D4
Titelnummern bzw. Seitenangaben beziehen sich auf diese Ausgabe. Albumcredits bedeuten nicht jedes Instrument auf jedem Titel.













Rezensionen
Es gibt noch keine Rezensionen.