Warum Norman Granz diese Aufnahmen doch veröffentlichte
The Alternate Blues erzählt schon durch seine Entstehung etwas Wesentliches über Jazz. Eine Aufnahmesitzung bringt häufig mehr hervor, als schließlich auf der ersten Platte erscheint. Manche Fassungen bleiben liegen, weil ein Einsatz nicht stimmt oder der Ablauf anders gerät als vorgesehen. Produzent Norman Granz machte für dieses Album eine Ausnahme von seiner Zurückhaltung gegenüber solchen Alternativaufnahmen. Nach der Beschreibung des Herausgebers überzeugte ihn das Spiel der drei Trompeter so sehr, dass auch diese Fassungen ein eigenes Publikum bekommen sollten. Der Wert eines musikalischen Augenblicks ließ sich hier offenbar nicht vollständig an der äußeren Fehlerfreiheit messen.
Die Begegnung fand am 10. März 1980 in den Group IV Studios in Los Angeles statt. Dizzy Gillespie, Clark Terry und Freddie Hubbard trafen auf ein Quartett unter Oscar Peterson: Joe Pass an der Gitarre, Ray Brown am Kontrabass und Bobby Durham am Schlagzeug. Aus derselben Sitzung stammt The Trumpet Summit Meets the Oscar Peterson Big 4. Das 1982 bei Pablo Today veröffentlichte The Alternate Blues öffnet einen weiteren Blick auf diese Zusammenkunft. Es ist deshalb sinnvoll, beide Albumnamen auseinanderzuhalten: gemeinsamer Ursprung, aber unterschiedliche Programme und eine eigene editorische Idee für die spätere Veröffentlichung.
Für Sammler ist das besonders reizvoll, weil die Alternative hier zum Gegenstand des Albums wird. Man hört nicht einfach zusätzliche Stücke, die nachträglich an eine bekannte Reihenfolge angehängt wurden. Vier Bluesfassungen stehen im Mittelpunkt; anschließend erweitert anderes Material den Blick auf dieselben Musiker. Die Platte lädt dazu ein, Wiederholung als Veränderung zu verstehen. Ein gemeinsamer Rahmen kann bleiben, während Formulierungen, Antworten und musikalische Entscheidungen neu entstehen. Gerade eine überschaubare Form macht solche Unterschiede zugänglich. Du musst dafür keine Soli transkribieren: Die Aufmerksamkeit für den nächsten Einsatz oder eine anders gewichtete Phrase genügt als Anfang.

Vier Wege durch den Blues und ein anderer Ausklang
Die erste Seite enthält Alternate One, Alternate Two und Alternate Three. Ihre nüchternen Namen lenken die Aufmerksamkeit auf das Spiel selbst. Statt drei voneinander unabhängiger Geschichten steht derselbe Bluesrahmen mehrfach zur Verfügung. Das ist für eine Hörsitzung eine schöne Möglichkeit: erst einer Fassung ganz folgen, dann bei der nächsten auf andere Beziehungen achten. Wer setzt eine Linie fort? Wo entsteht ein Gegensatz? Wie verändert sich die Wirkung, wenn eine kurze Antwort auf eine längere Phrase trifft? Das Interesse wächst aus den Entscheidungen innerhalb des bekannten Rahmens, nicht aus einem ständig wechselnden Thema.
Alternate Four eröffnet Seite B. Die Folge von vier Fassungen wird also durch den Seitenwechsel kurz unterbrochen und dann fortgesetzt. Danach bringt Wrap Your Troubles in Dreams einen benannten Standard ins Programm. Das Stück von Harry Barris, Ted Koehler und Billy Moll steht hier als eigene Aufnahme, bevor ein Ballad Medley den Schluss bildet. Dieser Wechsel ist mehr als eine Ergänzung zur Spielzeit: Nach den wiederkehrenden Bluesbegegnungen erhalten vertraute Songmelodien ihren eigenen Platz. Die zweite Seite führt damit vom erneuten Vergleich hin zu einer anderen Form musikalischer Erzählung.
Das Medley verbindet Here’s That Rainy Day, The Gypsy und If I Should Lose You. Zusammen mit Wrap Your Troubles in Dreams sind das die vier Standards, die der Herausgeber als zusätzliches Material gegenüber dem ersten Album hervorhebt. In der Tracklist bleibt das Medley ein zusammenhängender Eintrag mit drei benannten Teilen. Diese Unterscheidung hilft, wenn verschiedene Kataloge scheinbar unterschiedliche Stückzahlen zeigen. Auf der angebotenen LP stehen sechs Haupttitel; der letzte umfasst drei Songs. Die Verbindung von vier Bluesfassungen und diesem abschließenden Standardrepertoire gibt der Platte ihre besondere Form und hält sie davon ab, bloß als Sammlung austauschbarer Restaufnahmen zu erscheinen.

Drei Bläserpersönlichkeiten und vier aufmerksame Partner
Bei Gillespie, Terry und Hubbard macht bereits die Besetzung neugierig auf individuelle Unterschiede. Gillespie ist an der Trompete dokumentiert, Terry und Hubbard mit Trompete und Flügelhorn. Eine genaue Verteilung jedes Instruments auf jeden einzelnen Titel geht aus den verwendeten Albumcredits nicht hervor. Für den Zugang zur Platte reicht zunächst die gemeinsame musikalische Situation: drei eigenständige Bläser, die innerhalb derselben Sitzung aufeinander reagieren. Du kannst auf Tonansatz, Phrasenlänge und das Verhältnis zwischen Bewegung und Pause achten. Solche Merkmale lassen Persönlichkeit hervortreten, ohne dass man die Begegnung als Wettbewerb mit einem Sieger behandeln muss.
Oscar Peterson und Joe Pass bringen zwei harmonisch vollständige Instrumente zusammen. Das Klavier kann Akkorde setzen und Linien führen; die Gitarre kann unterstützen, antworten und ihrerseits in den Vordergrund treten. Mit Ray Brown und Bobby Durham steht daneben eine Bass-Schlagzeug-Verbindung, die der ganzen Gruppe Halt gibt. Petersons „Big 4“ ist deshalb keine bloße Begleitmaschine hinter berühmten Trompetennamen. Das Quartett besteht selbst aus vier Persönlichkeiten. Ein schöner zweiter Hördurchgang richtet die Aufmerksamkeit gezielt auf diese Ebene: Wie wird Raum für den nächsten Solisten geöffnet, und wie bleibt der Zusammenhang erhalten, wenn die Bläser ihre Richtung ändern?
Die Entstehungsgeschichte schärft dabei den Blick für den Unterschied zwischen einem planmäßigen Ablauf und einem überzeugenden musikalischen Moment. Dass Granz Alternativfassungen aufhob, bedeutet nicht, dass jede Unregelmäßigkeit automatisch wertvoll wäre. Seine Auswahl stellt vielmehr die Frage, was an diesen Darbietungen erhaltenswert ist. Für eine Sammlung erweitert das Album den Begriff der fertigen Aufnahme: Nicht nur die zunächst bevorzugte Fassung kann etwas Wesentliches über eine Begegnung erzählen. Gerade Hörer, die die beteiligten Musiker bereits aus anderen Besetzungen kennen, finden hier Gelegenheit, vertraute Handschriften im unmittelbaren Austausch und unter wiederkehrenden Bedingungen zu verfolgen.
Doug Sax, Pablo und die konkrete 33⅓-Ausgabe
Diese Neuauflage AAPJ 152 gehört zur Pablo-Reihe von Analogue Productions. Sie erscheint als 180-Gramm-Stereo-LP mit 33⅓ U/min. Doug Sax verantwortet das Mastering bei The Mastering Lab vom originalen analogen Masterband; der Herausgeber nennt Quality Record Pressings für die Pressung und Stoughton Printing für das Tip-on-Cover. Damit ist die Herstellung dieser Ausgabe konkret beschrieben. Die Sax-Zuordnung sollte auch bei einem Blick auf benachbarte Pablo-Titel erhalten bleiben: Die Reihe enthält unterschiedliche Masteringarbeiten und lässt sich nicht pauschal einem einzigen Schnittmeister zuordnen.
Bei den ursprünglichen Produktionscredits stehen Steve Williams für die Aufnahmetechnik und Dennis Sands für den Remix. Phil Stern wird als Fotograf genannt; Sheldon Marks und Norman Granz sind mit der Hüllengestaltung verbunden. Solche Angaben gehören zur Geschichte der Veröffentlichung, während das neue Vinyl seine eigene Herstellungsebene hinzufügt. Die dokumentierte Wiederauflage knüpft an eine frühere Analogue-Productions-Ausgabe an. Daraus folgt keine Behauptung, Doug Sax habe diesen Schnitt erst 2024 angefertigt. Ebenso ist eine dokumentierte Nummerierung der ersten Exemplare keine Zusage, dass jedes heute angebotene Exemplar nummeriert wäre.
Auf einer einzelnen LP bleibt das Programm in zwei langen Abschnitten erfahrbar. Ein Seitenwechsel trennt die ersten drei Bluesfassungen vom vierten Blues und dem anschließenden Standardteil. Das ist ein praktischer Bestandteil der Edition, kein allgemeines Argument für die Überlegenheit einer Drehzahl. Wer an improvisatorischen Varianten, an drei markanten Bläsern und an Petersons Quartett interessiert ist, bekommt hier eine ungewöhnlich klar umrissene Begegnung. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Pablo – alle 30 Platten, Musiker und das Sessionbuch
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Dizzy GillespieVorhandene Porträtvorlage 1974TrompeteMitwirkung: Albumbesetzung; keine titelgenaue Aufteilung belegt
- Clark TerryVorhandene Porträtvorlage 1964Trompete, FlügelhornMitwirkung: Albumbesetzung; keine titelgenaue Aufteilung belegt
- Freddie HubbardVorhandene Porträtvorlage 1962Trompete, FlügelhornMitwirkung: Albumbesetzung; keine titelgenaue Aufteilung belegt
- Oscar PetersonVorhandene Porträtvorlage 1977KlavierMitwirkung: Albumbesetzung; keine titelgenaue Aufteilung belegt
- Joe PassVorhandenes Porträt; keine SessionabbildungGitarreMitwirkung: Albumbesetzung; keine titelgenaue Aufteilung belegt
- Ray BrownVorhandene Porträtvorlage 1976KontrabassMitwirkung: Albumbesetzung; keine titelgenaue Aufteilung belegt
- Bobby DurhamSchlagzeugMitwirkung: Albumbesetzung; keine titelgenaue Aufteilung belegt
Group IV, Los Angeles, 10.3.1980; veröffentlicht 1982. Norman Granz: Produktion; Steve Williams: Ton; Dennis Sands: Remix; Phil Stern: Fotografie; Sheldon Marks und Norman Granz: Gestaltung. Sieben Musiker als Sessionbesetzung, keine unbelegte Zuordnung aller Solisten zu jedem Take. Vier Blues-Takes, Wrap Your Troubles in Dreams und ein dreiteiliges Balladenmedley. Doug Sax: historischer AP-Schnitt bei The Mastering Lab, kein neuer Schnitt von 2024.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael lobt an dieser Pablo-Neuauflage besonders das plane und ruhige Vinyl seines Exemplars. Gerade die vielen leisen Passagen im ersten Stück auf Seite eins profitieren für ihn davon. Seine Begeisterung gilt sowohl dieser ungestörten Wiedergabe als auch dem bluesgeprägten Zusammenspiel der Musiker.













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