Spanien ist hier eine Frage der Orchesterfarben
„Spain“ ist kein einzelnes Werk, sondern ein sorgfältig zusammengestellter Blick auf spanische Musik. Fritz Reiner und das Chicago Symphony Orchestra verbinden Granados, Falla und Albéniz zu einem Programm, das zwischen Theater, Tanz und musikalischen Ortsbildern wechselt. Gerade diese Abwechslung macht die Platte interessant: Nicht ein durchgehend gleicher Tonfall hält sie zusammen, sondern die Möglichkeiten eines Orchesters, unterschiedliche Gesten deutlich voneinander abzusetzen.
Die Aufnahme gehört in Reiners Chicagoer Jahre und stammt aus dem Jahr 1958. Unter dem schlichten Ländertitel treffen sehr unterschiedliche Ursprünge aufeinander. Ein Opernzwischenspiel steht neben Ballettmusik; Klavierstücke erscheinen in Orchesterfassungen. Wer diese Herkunft mitdenkt, hört keine lose Folge pittoresker Nummern, sondern unterschiedliche Arten, eine musikalische Szene zu gestalten.

Theatermusik ohne Bühne
Granados’ Intermezzo aus „Goyescas“ eröffnet einen Weg in das Programm. Falla ist mit „La vida breve“ und den Tänzen aus „Der Dreispitz“ vertreten. Diese Musik kommt aus Zusammenhängen, in denen Bewegung und dramatische Situation eine konkrete Rolle spielen. Auf einer Schallplatte sind Bühnenbild und Handlung nicht sichtbar. Das Orchester muss die Aufmerksamkeit allein mit Klang und zeitlicher Gestaltung führen.
Gerade deshalb lohnt es sich, nicht nur den auffälligen Akzenten zu folgen. Wie wird ein Tanzrhythmus vorbereitet? Welche Instrumentengruppe übernimmt eine Figur, welche beantwortet sie? Wann wirkt eine Wiederholung anders, obwohl das Material vertraut bleibt? Hinter der unmittelbaren Ansprache steckt eine differenzierte Arbeit mit Gewicht, Artikulation und Farbe.

Albéniz kommt vom Klavier
Bei „Fête-Dieu à Séville“ und „Triana“ ist der Ausgangspunkt ein anderer. Beide gehören zu Albéniz’ Klavierzyklus „Iberia“; auf dieser Platte erscheinen sie in Orchesterfassungen von Enrique Fernández Arbós. Damit hört man nicht einfach ein Werk in größerer Lautstärke. Eine Klaviertextur wird auf verschiedene Instrumente verteilt. Linien, die zwei Hände zusammenhalten müssen, können im Orchester voneinander wegtreten und eigene Farben bekommen.
„Fête-Dieu à Séville“ bezieht sich auf die Fronleichnamsprozession in Sevilla, „Triana“ auf das dortige Viertel. Diese Titel geben Orientierung, ohne dass man die Musik auf eine Postkartenbeschreibung festlegen muss. Interessanter ist, wie Bewegung und unterschiedliche musikalische Schichten ein Ortsbild entstehen lassen.
„Navarra“ ist nicht einfach ein weiteres Iberia-Stück
Ein kleines Detail wird in Zusammenstellungen leicht verwischt: „Navarra“ gehört nicht zum abgeschlossenen Zyklus „Iberia“. Auch wenn die Stücke gemeinsam auf Platten erscheinen, sollte man Werk und Albumprogramm auseinanderhalten. Gerade für Sammler ist diese Trennung hilfreich: Der Zusammenhang auf dem Cover ist eine kuratierte Verbindung, nicht automatisch die ursprüngliche Werkordnung.
Die Doppel-45er macht die Programmgruppen gut nachvollziehbar. Granados und „La vida breve“ teilen sich die erste Seite; die Dreispitz-Tänze erhalten die zweite. „Navarra“ steht auf Seite C, die beiden Iberia-Stücke auf Seite D. Das lädt dazu ein, nicht nur die farbigen Höhepunkte mitzunehmen, sondern die Übergänge zwischen den verschiedenen musikalischen Welten bewusst zu hören. Die Reise findet im Orchester statt.
Mehr aus der Reihe: RCA Living Stereo Series
Auch als SACD: Spain
Mehr von Fritz Reiner: Tchaikovsky: 1812 Overture · Bartok: Music For Strings, Percussion And Celesta / Hungarian Sketches
Künstlerseite: Alle Titel von Fritz Reiner
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: RCA Living Stereo – alle 25 Titel, Dirigenten und Solisten
Beteiligte Musiker
Genannte Solisten, Dirigenten und Ensembles. Einzelne Orchestermitglieder sind in den Albumcredits nicht vollständig namentlich ausgewiesen.
- Fritz ReinerDirigat
- Chicago Symphony OrchestraOrchester








Rezensionen
Es gibt noch keine Rezensionen.