Kraft ist mehr als Lautstärke
Der Titel legt eine große Geste nahe. Interessant wird „The Power of the Orchestra“ aber dort, wo das Orchester seine Kraft noch zurückhält: in einer einzelnen Farbe, einer kurzen Bewegung, dem Abstand vor einem Einsatz. Die großen Ausbrüche haben eine Vorgeschichte. Wer nur auf sie wartet, verpasst einen erheblichen Teil dessen, was Mussorgskys Musik so bildhaft macht.
René Leibowitz und das Royal Philharmonic Orchestra verbinden hier „A Night on Bare Mountain“ mit „Pictures at an Exhibition“. Die Aufnahme entstand 1962 in der Londoner Kingsway Hall; Kenneth Wilkinson war für die Aufnahmetechnik verantwortlich. Damit steht neben dem Dirigenten und dem Orchester auch ein konkreter Aufnahmeraum hinter dem Ruf dieser Platte. Doch sie lässt sich ebenso gut ohne den Gedanken an einen Anlagen-Test hören: als Folge sehr unterschiedlicher musikalischer Zustände.

Hinter dem großen Tor stehen sehr konkrete Bilder
Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“ entstanden 1874 nach einer Gedächtnisausstellung für seinen verstorbenen Freund Viktor Hartmann. Das Klavierwerk reagiert damit nicht auf eine frei erfundene Galerie. Zeichnungen und Entwürfe stehen am Anfang einer musikalischen Folge, die den Besucher selbst durch die wiederkehrende „Promenade“ in die Ausstellung hineinholt.
Die Vorlagen sind dabei überraschend verschieden. Hinter „Gnomus“ steht ein grotesker Nussknacker, während das große Tor von Kiew auf einen Architekturentwurf verweist, der nicht gebaut wurde. Das monumentale Ende beschwört also kein Bauwerk, das Mussorgsky einfach hätte besichtigen können. Die Musik gibt einem Entwurf eine Größe und Gegenwart, die er außerhalb des Kunstwerks nicht erhielt. Dieses Detail macht den Schluss interessanter als die allgemeine Vorstellung einer prunkvollen russischen Kulisse.
Zwischen solchen Stationen ist die „Promenade“ mehr als ein hübsches Zwischenspiel. Sie erinnert daran, dass hier jemand schaut, weitergeht und das Gesehene mitnimmt. Ravels Orchestrierung von 1922 übersetzt diese Klavierwelt später in einen Wechsel von Instrumentalfarben. Auf einer Platte, deren Titel die Kraft des Orchesters verspricht, liegt deshalb ein wesentlicher Teil des Vergnügens im Kontrast: Nicht jedes Bild darf gleich schwer, gleich laut oder gleich monumental werden.

Vier Seiten, bewusst aufgeteilt
Bei dieser 45-RPM-Ausgabe liegt „A Night on Bare Mountain“ auf der ersten Seite. Die „Bilder einer Ausstellung“ verteilen sich auf die übrigen drei Seiten. Das ist vor dem Kauf eine hilfreiche Information: Der große Zyklus läuft hier nicht ohne Seitenwechsel durch. Dafür richtet die Ausgabe den Blick ausdrücklich auf die vierseitige Vinylpräsentation. Wer den Bogen des Werks verfolgen möchte, kann die Pausen als kurze Unterbrechung behandeln und beim nächsten Einsatz an derselben musikalischen Frage weiterhören.
Diese Ausgabe
Analogue Productions · RCA Living Stereo · AAPC 2659-45 · 2 LPs · je 180 g Vinyl · 45 RPM. George Marino masterte bei Sterling Sound vom originalen analogen Masterband. Presswerk: Quality Record Pressings (QRP). Mit zweiteiligem Einleger.
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: RCA Living Stereo – alle 25 Titel, Dirigenten und Solisten
Beteiligte Musiker
Dokumentierte Auswahl der beteiligten Musiker. Die Besetzung kann je Titel wechseln; die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
- René LeibowitzDirigat
- Royal Philharmonic OrchestraOrchester








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