Zwei Arten, eine Geige erzählen zu lassen
Bruchs „Schottische Fantasie“ und Vieuxtemps’ Fünftes Violinkonzert stellen die Geige ins Zentrum, aber sie geben ihr unterschiedliche Aufgaben. Bei Bruch begegnet sie Volksmelodien und einem Orchester, in dem die Harfe eine besondere Rolle spielt. Vieuxtemps verdichtet sein Konzert zu einem zusammenhängenden Bogen. Jascha Heifetz verbindet beide Welten auf dieser Aufnahme mit Sir Malcolm Sargent und dem New Symphony Orchestra of London.
Die reizvolle Frage ist hier nicht allein, was ein Geiger technisch bewältigt. Es geht darum, wie eine Melodie geführt wird: Wie viel Richtung erhält sie durch den Bogen, wie deutlich wird eine Wendung, und wie bleibt ein großer Zusammenhang erkennbar? Diese Kopplung bietet zwei sehr verschiedene Gelegenheiten, solchen Fragen nachzugehen.

Eine RCA-Aufnahme mit Decca-Handschrift
Die Sessions fanden im Mai 1962 in Walthamstow statt. Acoustic Sounds nennt Kenneth Wilkinson und das Decca-Aufnahmeteam. Das ist ein schönes Detail für alle, die Living Stereo automatisch mit ausschließlich amerikanischen RCA-Sitzungen verbinden. Hier führt der Weg nach London und zu einer anderen eingespielten Aufnahmepraxis.
Wichtiger als ein pauschales Klangetikett ist diese konkrete Zuordnung: ein bestimmter Solist, ein Dirigent, ein Londoner Ensemble und ein benanntes Team. Sie schützt auch vor Verwechslungen zwischen den verschiedenen Ausgaben. Die Geschichte der Aufnahme und das Mastering der heute angebotenen Pressung sind zwei unterschiedliche Ebenen, die zusammengehören, aber nicht dasselbe bedeuten.

Die Harfe steht schon im Werktitel
Bruchs ausführlicher Titel nennt Violine, Orchester und Harfe sowie die freie Verwendung schottischer Volksmelodien. Die Harfe ist damit nicht bloß ein hübsches Detail im Hintergrund. Sie gehört zur Vorstellung des Stücks. Beim Hören lohnt es sich, ihre Einsätze als Partner der Geige wahrzunehmen: Was verändert sich, wenn der gezupfte Ton zur gestrichenen Linie tritt?
Die Fantasie entstand 1879/80. Gewidmet ist sie Pablo de Sarasate, doch bei der Uraufführung 1881 in Liverpool spielte Joseph Joachim unter Bruchs Leitung. Widmungsträger und erster Solist sind also nicht identisch. Schon diese kleine Unterscheidung öffnet den Blick auf die Geigerwelt, für die Bruch schrieb – lange bevor Heifetz das Werk aufnahm.
Ein Konzert für eine Prüfung, nicht nur eine Prüfung der Finger
Vieuxtemps schrieb sein fünftes Konzert für den Wettbewerb des Brüsseler Konservatoriums. Die drei Abschnitte gehen ohne Pause ineinander über. Technische Anforderungen sind darin nicht als lose Nummern aufgereiht; sie müssen in einem fortlaufenden musikalischen Zusammenhang bestehen.
Der Beiname „Le Grétry“ verweist auf eine Melodie aus Grétrys Oper „Lucile“, die im langsamen Abschnitt aufgegriffen wird. Hinter der virtuosen Aufgabe steht also auch ein Bezug zum Gesang. Genau diese Verbindung macht die Kopplung mit Bruch so sinnvoll: Auf beiden Werken lohnt es sich, nicht nur den schnellen Passagen, sondern der Herkunft und Führung der Melodien zuzuhören.
Übrigens beginnt die angebotene Ausgabe entgegen der Reihenfolge im Albumtitel mit Vieuxtemps. Die „Schottische Fantasie“ folgt auf der zweiten LP. Wer die erste Seite auflegt, startet somit mit dem geschlossenen Konzertbogen, bevor sich Bruchs freiere Folge von Melodien öffnet.
Auch als SACD: Bruch: Scottish Fantasy / Vieuxtemps: Concerto No. 5
Mehr von Jascha Heifetz: Bruch: Concerto In G Minor / Mozart: Concerto In D Major
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: RCA Living Stereo – alle 25 Titel, Dirigenten und Solisten
Beteiligte Musiker
Genannte Solisten, Dirigenten und Ensembles. Einzelne Orchestermitglieder sind in den Albumcredits nicht vollständig namentlich ausgewiesen.
- Jascha HeifetzVioline
- Malcolm SargentDirigat
- New Symphony Orchestra of LondonOrchester
- Osian EllisHarfe (Schottische Fantasie)










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