Karma: eine große Form, getragen von vielen Stimmen
Karma fordert eine andere Art von Aufmerksamkeit als ein Album aus vielen kurzen Stücken. Pharoah Sanders stellt mit The Creator Has a Master Plan eine ausgedehnte Komposition in den Mittelpunkt, deren Verlauf über beide Plattenseiten reicht. Das schafft einen besonderen Maßstab: Eine wiederkehrende Figur kann zum Orientierungspunkt werden, während sich die Musik um sie herum verändert. Man muss dabei nicht jede Einzelheit sofort einordnen. Es genügt zunächst, Beziehungen wahrzunehmen: zwischen Stimme und Saxofon, zwischen dem Fundament der Bässe und den verschiedenen rhythmischen Ebenen, zwischen einem wiedererkennbaren Gedanken und seiner weiteren Entwicklung.
Die Aufnahme gehört zum Impulse!-Katalog und wird im Sessionverzeichnis als Album von 1969 geführt. Für The Creator Has a Master Plan ist der 14. Februar 1969 in den RCA Studios in New York dokumentiert. Colors entstand dort am 19. Februar mit veränderter Besetzung. Hinter dem Album stehen also zwei Sitzungen. Bob Thiele betreute die Produktion, Bob Simpson die Aufnahmetechnik. Die Namen helfen, das Projekt konkret zu verorten; sie ersetzen nicht die musikalische Erfahrung, geben ihr aber einen verlässlichen historischen Rahmen.
Sanders spielt hier Tenorsaxofon. Mit Leon Thomas, der für Gesang und Perkussion genannt wird, besitzt das Album zugleich eine deutlich erkennbare menschliche Stimme neben dem Blasinstrument. Diese Verbindung ist ein guter Zugang auch für Hörer, die mit ausgedehnten Jazzformen wenig vertraut sind. Gesang kann einen Bezugspunkt anbieten, während das Ensemble den Zusammenhang erweitert. Dabei bleibt Raum für unterschiedliche Erwartungen: Man kann dem großen Bogen folgen oder sich auf einen einzelnen Mitspieler konzentrieren. Der Albumtitel allein legt nicht fest, wie man die Musik empfinden muss. Ihre Wirkung entsteht aus dem, was die beteiligten Stimmen miteinander tun.

The Creator Has a Master Plan und der Weg zu Colors
Die erste Seite gehört dem ersten Teil von The Creator Has a Master Plan. Auf der zweiten Seite setzt sich das Stück fort, bevor Colors folgt. Diese Aufteilung ist für die vorliegende Ausgabe besonders wichtig, weil verkürzte Produktlisten die gesamte zweite Seite lediglich als Colors bezeichnen. Damit würde die Form des Albums falsch beschrieben. Tatsächlich enthält die LP zwei Kompositionen, wobei das lange Hauptstück in zwei über die Seiten verteilten Teilen erscheint. Der Seitenwechsel ist eine Unterbrechung des Abspielens, kein Beleg dafür, dass musikalisch ein ganz neues Stück begonnen hätte.
Beim Hören lässt sich dieser Zusammenhang bewusst mitnehmen. Merke dir am Ende der ersten Seite weniger einen einzelnen Effekt als die Richtung, in die sich die Musik bewegt. Wenn die Nadel auf der zweiten Seite wieder aufsetzt, wird die Fortsetzung Teil derselben Erinnerung. Das ist eine besondere Erfahrung des LP-Formats: Eine große Form muss durch eine kurze praktische Pause hindurch zusammengehalten werden. Wer sonst eine digitale Fassung ohne Seitenwechsel hört, begegnet hier einer anderen zeitlichen Organisation. Keine davon muss zur grundsätzlich richtigen erklärt werden; die konkrete Ausgabe macht ihre eigene Handhabung erforderlich.
Colors bildet anschließend einen kürzeren Abschluss. Die häufig übernommene Angabe 19:17 ist keine gesicherte Laufzeit dieses Stücks, sondern eine problematische Seitenangabe. Die dokumentierte Ausgabennotiz nennt für Colors 5:43; für den zweiten Teil von Creator bleibt die genaue Teilzeit offen. Das ist keine Kleinigkeit für Sammler: Eine falsche Trackliste lässt ein anderes Album erwarten. Im Reiter unter dieser Geschichte stehen deshalb der erste Teil auf Seite A, die Fortsetzung als B1 und Colors als B2. So bleibt die Übersicht knapp, ohne den tatsächlichen Ablauf zu verkürzen oder aus einer ungesicherten Differenzrechnung eine scheinbar exakte Zeit zu erzeugen.

Elf Beteiligte, zwei Basspaare und eine wechselnde Rhythmusgruppe
Für The Creator Has a Master Plan sind neun Musiker dokumentiert. Neben Pharoah Sanders und Leon Thomas spielen Lonnie Liston Smith am Klavier, James Spaulding an der Flöte und Julius Watkins am Horn. Reggie Workman und Richard Davis bilden die Bassbesetzung; Billy Hart ist am Schlagzeug und Nat Bettis an der Perkussion beteiligt. Diese Kombination erklärt, warum es sich lohnt, auch jenseits des Tenorsaxofons aufmerksam zu bleiben. Flöte und Horn bringen unterschiedliche Möglichkeiten von Linie und Farbe ein, während zwei Bassisten einen anderen Ausgangspunkt schaffen als ein einzelner Bass innerhalb eines üblichen Quartetts.
Bei Colors bleiben Sanders, Thomas, Smith, Watkins und Workman dabei. Ron Carter übernimmt den zweiten Basspart, Freddie Waits das Schlagzeug. Spaulding, Davis, Hart und Bettis gehören zur anderen Sitzung. Über beide Aufnahmen hinweg ergeben sich damit elf unterschiedliche Musiker, nicht sechzehn zusätzliche Personen aus zwei unverbunden nebeneinander kopierten Listen. Die Zuordnungen stehen im Musikerblock ausdrücklich dabei. Wer die Rolle eines einzelnen Bassisten oder Schlagzeugers verfolgen möchte, kann so beim richtigen Stück beginnen. Gerade bei einem Album mit wechselnder Besetzung ist eine kurze, aber genaue Teilnahmeangabe hilfreicher als eine lange undifferenzierte Namensreihe.
Ein schöner Hörzugang besteht darin, zunächst die Klangfarben um Sanders herum zu verfolgen. Wo tritt die Flöte als eigene Linie hervor? Wie verändert das Horn den Eindruck eines gemeinsamen Einsatzes? Welche Orientierung geben Klavier und Bässe, wenn die Aufmerksamkeit zur Stimme wandert? Solche Fragen sind Einladungen zum eigenen Hören, keine Behauptung einer von uns durchgeführten Pressungsvergleichsprobe. Sie halten die Musik offen für persönliche Wahrnehmung. Das Album gewinnt dadurch an Kontur: Seine Größe liegt auch in den unterschiedlichen Aufgaben der Beteiligten und in der Geduld, mit der man ihre Beziehungen über längere Zeit verfolgen kann.
Karma auf Vinyl: die Impulse!-Wiederveröffentlichung AIMP 57201
Die angebotene Ausgabe trägt die Artikelnummer AIMP 57201 und gehört zur Acoustic Sounds Series. Sie präsentiert Karma als Stereo-LP auf 180-Gramm-Vinyl mit 33⅓ U/min. Laut Anbieter verantwortet Ryan K. Smith bei Sterling Sound das Mastering aus den originalen Analogbändern. Gepresst wird bei Quality Record Pressings, mit einem Stoughton-Tip-on-Klappcover als Verpackung. Das sind Angaben zur konkreten Wiederveröffentlichung und damit eine brauchbare Grundlage, wenn du verschiedene Angebote desselben Albums miteinander vergleichst.
Die Herstellerbeschreibung ordnet die Reihe einem analogen Herstellungsansatz zu. Daraus wird hier kein selbst durchgeführter technischer Nachweis und kein pauschales Klangversprechen abgeleitet. Entscheidend ist die klare Zuordnung von Aufnahme, Ausgabe und Format. Auch die historische Datierung verlangt Sorgfalt: Eine Ausgabennotiz nennt abweichend 1970 und führt nur einen Aufnahmetag auf; das Sessionverzeichnis dokumentiert beide Februartermine und die Veröffentlichung unter Impulse! 1969. Die vollständige Quellenkorrektur ist in der begleitenden Faktenakte erhalten. Für die musikalische Orientierung bleibt der Ablauf beider Sitzungen und beider Kompositionen maßgeblich.
Wer Karma auf Vinyl kaufen möchte, erhält mit dieser LP ein Album, dessen große Form Aufmerksamkeit und Zeit verdient. Die einzelne Schallplatte macht den Seitenwechsel innerhalb von Creator ausdrücklich erfahrbar; Colors bleibt danach als eigener Schluss erhalten. Die sorgfältige Ausgabe bietet dafür einen nachvollziehbaren physischen Rahmen. Ihr stärkstes Argument sind die Musiker selbst: Sanders und Thomas im Zentrum, umgeben von eigenständigen Partnern, deren Beiträge sich beim wiederholten Hören immer genauer unterscheiden lassen. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Serie: Impulse! – alle 19 Platten: das Haus, das Trane baute
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Reggie WorkmanVorhandenes Porträt; keine SessionabbildungKontrabassMitwirkung: Creator (beide Teile); Colors
- Richard DavisVorhandenes Porträt; keine SessionabbildungKontrabassMitwirkung: Creator (beide Teile)
- Billy HartVorhandenes Porträt; keine SessionabbildungSchlagzeugMitwirkung: Creator (beide Teile)
- James SpauldingFlöteMitwirkung: Creator (beide Teile)
- Julius WatkinsVorhandenes Porträt; keine SessionabbildungHornMitwirkung: Creator (beide Teile); Colors
- Nat BettisPerkussionMitwirkung: Creator (beide Teile)
- Lonnie Liston SmithKlavierMitwirkung: Creator (beide Teile); Colors
- Pharoah SandersPorträtvorlage: 2006TenorsaxofonMitwirkung: Creator (beide Teile); Colors
- Leon ThomasGesang, PerkussionMitwirkung: Creator (beide Teile); Colors
- Ron CarterVorhandenes Porträt; keine SessionabbildungKontrabassMitwirkung: Colors
- Freddie WaitsSchlagzeugMitwirkung: Colors
The Creator Has a Master Plan: 14. Februar 1969, neun Musiker. Colors: 19. Februar 1969, sieben Musiker. Beide RCA Studios, New York. Seite B enthält die Fortsetzung von Creator und Colors; 19:17 ist keine gesicherte Colors-Laufzeit. Wiederveröffentlichung: Ryan K. Smith / Sterling Sound, originale Analogbänder; QRP, 180 g; Stoughton-Klappcover (Anbieterangaben).
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael lobt Raum, Dynamik und Instrumententrennung. Die Passage gilt ausdrücklich sowohl für Karma als auch für Journey in Satchidananda. Trotz der im Video erwähnten Vorbehalte Chad Kassems zur Aufnahmequalität empfindet Michael beide Ausgaben als hervorragend klingend.
🎧 Review video: Acoustic Sounds Series: Alice Coltrane Journey In Satchidananda
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