Ein Abend zwischen Jazz und Funk
Als Jimmy Smith am 8. Februar 1972 in Los Angeles mitgeschnitten wurde, hatte er die Hammondorgel längst zu einer eigenständigen Jazzstimme gemacht. Auf Root Down stellte er dieses Instrument in einen anderen Zusammenhang: E-Bass, Gitarre, Schlagzeug und Congas bildeten eine Band, deren rhythmische Arbeit weit über die klassische Orgeltrio-Besetzung hinausging. Der Konzertmitschnitt erschien noch im selben Jahr bei Verve. Seine sechs Stücke halten einen Moment fest, in dem Soul, Funk und Jazz ohne große Grenzkontrollen ineinander übergingen. Smith musste dafür seine musikalische Herkunft nicht ablegen. Bluesphrasierung, lange Spannungsbögen und der Wechsel zwischen knappen Antworten und ausgreifenden Läufen blieben das Zentrum.
Das Datum macht die Repertoirewahl besonders anschaulich. Al Greens „Let’s Stay Together“ war damals eine neue Aufnahme; vier Tage nach Smiths Auftritt stand Greens Single an der Spitze der amerikanischen Popcharts. Hier begegnet man also keinem später zusammengestellten Rückblick auf bekannte Soulklassiker. Die Band reagierte auf ihre Gegenwart. Zugleich griff Smith mit „After Hours“ auf Avery Parrishs Bluesstück aus dem Jahr 1940 zurück. Zwischen diesen beiden Polen liegt die Idee des Albums: aktuelle Songs und ältere Formen werden Material für eine gemeinsame, unmittelbar verständliche musikalische Sprache.

Sechs Musiker, ein bewegliches Fundament
Arthur Adams spielt Gitarre, Wilton Felder Bass und Paul Humphrey Schlagzeug; Buck Clarke ergänzt Congas und Perkussion. Steve Williams ist an der Mundharmonika beteiligt; die späteren CD-Credits nennen dafür „After Hours“. Gerade der eigenständige Bass verändert die Aufgabenverteilung. Smith braucht das Fundament nicht durchgehend selbst auf Pedalen und tiefen Orgeltönen zu tragen und kann sich anders gegen die Begleitung setzen. Felder, auch als Mitglied der Crusaders bekannt, bringt eine Perspektive mit, in der Jazz und Soul ohnehin eng zusammengehören. Adams, Humphrey und Clarke machen daraus kein starres Raster: Gitarre, Trommeln und Handperkussion können unterschiedliche Akzente innerhalb desselben Pulses markieren.
Beim Hören lohnt es sich deshalb, die Aufmerksamkeit gelegentlich von der Orgel wegzunehmen. Welche Figur hält der Bass fest, während Smith darüber weiterzieht? Wo antwortet die Gitarre, und wie verändert eine kurze Congafigur den Bewegungsfluss? Solche Fragen erschließen die Band als Zusammenhang. Die Hammond bleibt die charakteristische Stimme, doch die Musik lebt von mehreren gleichzeitig handelnden Musikern. Auch die Mundharmonika in „After Hours“ setzt einen eigenen Akzent: Sie verbindet den älteren Bluesstoff mit der elektrisch verstärkten Umgebung dieses Abends, ohne den Titel zu einem bloßen historischen Einschub zu machen.

Ein Titel mit einem zweiten Leben
„Sagg Shootin’ His Arrow“, „Root Down (And Get It)“ und „Slow Down Sagg“ gehören zu Smiths eigenen Beiträgen. Zusammen mit „For Everyone Under The Sun“, „After Hours“ und „Let’s Stay Together“ ergeben sie das Programm der ursprünglichen LP. Die Titel zeigen verschiedene Zugänge zu derselben Grundfrage: Wie viel lässt sich aus einem wiederkehrenden rhythmischen Gedanken entwickeln? Wer sich an der melodischen Oberfläche orientiert, kann verfolgen, wie Smith Spannung durch Verdichtung, Pausen und den Zeitpunkt seiner Einsätze organisiert. Wer den Rhythmus verfolgt, entdeckt dieselben Stücke aus der Perspektive der Begleiter.
Eine jüngere Generation lernte Teile dieser Musik über die Beastie Boys kennen. Ihr „Root Down“ auf Ill Communication von 1994 griff auf Smiths Titel zurück; 1995 folgte die gleichnamige EP. Diese spätere Verbindung erklärt einen Teil der anhaltenden Bekanntheit des Albums, ersetzt aber nicht seinen ursprünglichen Zusammenhang. Die Musik war schon 1972 als zusammenhängender Konzertmitschnitt angelegt. Zu dieser LP gehören die sechs bearbeiteten Fassungen der Originalveröffentlichung. Die längeren, ungekürzten Versionen und der zusätzliche alternative Titel der CD-Ausgabe von 2000 sind ein anderes Programm und sollten beim Vergleich von Spielzeiten nicht mit dieser Platte gleichgesetzt werden.
Die Acoustic Sounds Series auf Vinyl
Diese Ausgabe erscheint in der Verve/UMe Acoustic Sounds Series als Stereo-LP mit 180 Gramm und 33⅓ Umdrehungen pro Minute. Ryan K. Smith übernahm das Mastering; der Herausgeber nennt die originalen analogen Bänder als Quelle. Die Platte wird bei Quality Record Pressings gefertigt und in einer Gatefold-Hülle von Stoughton präsentiert. Diese Angaben beschreiben die konkrete Neuauflage und ihre Herstellung. Das enthaltene Programm orientiert sich an der ursprünglichen LP und ihrer Aufteilung auf zwei Seiten.
Für die Einordnung im Regal ist vor allem das ursprüngliche Sechs-Titel-Programm entscheidend. Es bewahrt Root Down als kompaktes Livealbum und macht Smiths Verbindung von Blues, Jazz und zeitgenössischem Soul in der damaligen Reihenfolge zugänglich. Wer die Platte über das spätere Sample entdeckt hat, bekommt hier den musikalischen Zusammenhang zurück; wer Smith vor allem aus seinen kleineren Besetzungen kennt, begegnet einer anders organisierten Rhythmusgruppe. Die konkrete Ausgabe trägt die Produktnummer AVER 27381.
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Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Jimmy SmithOrgel (Hammond B-3), LeaderMitwirkung: Album-Besetzung
- Arthur AdamsGitarreMitwirkung: Album-Besetzung
- Wilton FelderBassMitwirkung: Album-Besetzung
- Paul HumphreySchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung
- Buck ClarkeCongas, PerkussionMitwirkung: Album-Besetzung
- Steve WilliamsMundharmonikaMitwirkung: Titelzuordnung offen
Steve Williams: Mitwirkung belegt. Die CD-Credits nennen „After Hours“; die genaue Reichweite auf der LP ist nicht abschließend gesichert.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Die Energie und Kraft von Jimmy Smiths Orgelspiel begeistern Michael bei dieser Liveaufnahme in der Acoustic-Sounds-Ausgabe. Für ihn ist es eine besonders mitreißende Platte. Er sagt ausdrücklich, dass ihm keine Originalpressung zum Vergleichen vorliegt; seine Empfehlung beruht auf dem Hören dieser Neuauflage.
🎧 Review video: New Amazing Records From Smith, Simone and Webster
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