Mehtas Los Angeles: eine große Sinfonie am Ende einer Ära
Mahlers dritte Sinfonie ist Musik, für die man sich Zeit nehmen darf. Sechs Sätze führen durch sehr unterschiedliche Welten, vom ausgedehnten ersten Satz über tänzerische und naturhafte Episoden bis zur menschlichen Stimme und dem langsamen Finale. Zubin Mehta nahm das Werk im März 1978 mit dem Los Angeles Philharmonic in der Royce Hall der UCLA auf. Es war das letzte Jahr seiner Amtszeit als Musikdirektor des Orchesters, die 1962 begonnen hatte. Damit dokumentiert diese Einspielung eine gewachsene Zusammenarbeit an einem Werk, das besonders viel gemeinsamen Atem verlangt.
Mehta war noch sehr jung gewesen, als er die Leitung in Los Angeles übernahm. Sechzehn Jahre später standen Dirigent und Orchester für eine Verbindung, die über einzelne Gastspiele oder kurzfristige Projekte weit hinausging. Die dritte Sinfonie bietet einen geeigneten Rahmen, um eine solche Partnerschaft zu betrachten: Sie verlangt große Kräfte, aber nicht ununterbrochen große Lautstärke. Ebenso wichtig sind die Übergänge zwischen den Dimensionen, das Verhältnis einzelner Stimmen zum Ensemble und die Fähigkeit, einen langen Verlauf nicht aus dem Blick zu verlieren.
Als Altistin wirkt Maureen Forrester mit. Ihre Beziehung zu Mahlers Musik hatte einen besonderen biografischen Hintergrund: Nach ihrem New Yorker Debüt 1956 arbeitete sie mit Bruno Walter, der selbst eng mit Mahler verbunden gewesen war. Für diese Aufnahme kommen außerdem die Frauenstimmen des Los Angeles Master Chorale unter Roger Wagner und der California Boys’ Choir unter Douglas Neslund hinzu. Gerade diese vollständige Besetzung macht deutlich, dass die Sinfonie im Laufe ihres Weges neue Ausdrucksmittel gewinnt, statt von Anfang an sämtliche Kräfte zugleich vorzuführen.
Die Aufnahme gehört zur Decca-Geschichte. Ray Minshull produzierte, James Lock und Simon Eadon verantworteten den Ton. Der Aufnahmeort liegt in Kalifornien, das Aufnahmeteam steht in der britischen Decca-Tradition. Die Analogue-Productions-Katalognummer AAPC 117 darf deshalb nicht zu einer Zuordnung zur RCA-Living-Stereo-Reihe verleiten. Hier begegnet man einer anderen Produktion, einem anderen Orchesterzusammenhang und einem Werk, dessen Dimensionen auf zwei LPs verteilt sind.

Von Pan und Naturbildern zur menschlichen Stimme
Mahler arbeitete in den 1890er-Jahren an der Sinfonie und vollendete sie 1896. Zeitweise verband er ihre Sätze mit programmatischen Überschriften: Pan, der erwachende Sommer, Blumen, Tiere und Engel gehörten zu diesem gedanklichen Umfeld. Solche Bilder können beim Einstieg helfen, ohne die Musik auf eine einzige Erzählung festzulegen. Sie machen vor allem verständlich, warum das Werk unterschiedliche Maßstäbe nebeneinanderstellt. Ein kleines Motiv, eine ferne Stimme und ein großer orchestraler Zusammenhang können zu Teilen derselben Welt werden.
Der erste Satz nimmt besonders viel Raum ein. Bei dieser LP-Ausgabe reicht er über die erste Seite hinaus und endet erst auf Seite B. Das ist kein nebensächliches Verpackungsdetail, sondern ein Hinweis auf die Architektur des Werkes. Man sollte nicht mit der Erwartung eines kurzen Auftakts beginnen. Der Satz bildet selbst einen großen Zusammenhang, dem die übrigen fünf Sätze in wechselnden Perspektiven folgen. Auf Seite B schließt sich das Tempo di Menuetto an; Sidney Harth ist für das Violinsolo dieses Satzes genannt.
Im dritten Satz tritt das Posthorn als besondere Farbe hinzu. Robert DiVall übernimmt das Solo. Das Instrument und seine räumliche Vorstellung gehören zu den charakteristischen Momenten der Sinfonie: Musik scheint für einen Augenblick aus einer anderen Entfernung zu kommen. Danach folgt mit „O Mensch! O Mensch!“ der vierte Satz, in dem Forrester singt. Die menschliche Stimme erscheint also nicht als beiläufige Ergänzung, sondern verändert die Art, wie das Werk zu seinen Hörern spricht.
Der fünfte Satz bringt Alt, Frauenchor und Knabenchor zusammen; das bekannte „Bimm bamm“ gehört zu seiner Klangvorstellung. Das Finale ist wiederum rein instrumental und langsam. Gerade diese Reihenfolge verdient Aufmerksamkeit: Die Sinfonie endet nicht mit dem größten Vokalapparat, sondern kehrt zum Orchester zurück. Ein ursprünglich erwogener weiterer Satz, „Das himmlische Leben“, fand später seinen Platz als Finale der vierten Sinfonie. Die vollständige Dritte wurde 1902 in Krefeld unter Mahlers Leitung uraufgeführt, mehrere Jahre nach ihrer Vollendung.

Eine Aufnahme für den langen Zusammenhang
Bei einer so umfangreichen Sinfonie ist es verlockend, zuerst die spektakulären Stellen zu suchen. Ebenso ergiebig kann es sein, auf die Wechsel der Größenordnung zu achten. Wann wirkt eine Stimme allein, wann als Teil einer Gruppe, wann als Teil des gesamten Orchesters? Wie verändert sich die Wahrnehmung, wenn nach rein instrumentalen Sätzen erstmals eine Sängerin einsetzt? Solche Fragen verlangen keinen technischen Vergleichstest. Sie helfen, den Bau des Werkes beim Hören nach und nach selbst zu entdecken.
Forrester ist dabei mehr als ein prominenter Zusatzname. Ihre Partie verbindet sich mit einem bestimmten Abschnitt der Sinfonie und einer bestimmten Stimmlage: Sie singt Alt in den Sätzen vier und fünf. Ebenso bleiben die Aufgaben von Harth und DiVall klar voneinander getrennt. Der eine ist mit der Violine im zweiten Satz verbunden, der andere mit dem Posthorn im dritten. Wer diese Namen kennt, kann einzelne musikalische Momente bewusster verfolgen und die Aufnahme als gemeinsame Arbeit vieler Beteiligter wahrnehmen.
Auch die Chöre verdienen ihre eigene Erwähnung. Der California Boys’ Choir und die Frauenstimmen des Los Angeles Master Chorale sind unterschiedliche Ensembles mit jeweils eigener Leitung. In knappen Albumangaben verschwinden solche Unterschiede schnell hinter einem allgemeinen „Chor“. Hier gehören sie zum Verständnis der Besetzung. Das Gleiche gilt für das Aufnahmeteam: Eine Decca-Produktion mit Minshull, Lock und Eadon ist nicht einfach eine austauschbare große Orchesteraufnahme aus den Siebzigerjahren, sondern ein konkret benennbares Dokument.
Die zwei LPs laufen mit 33⅓ RPM. Das gibt den sechs Sätzen Raum auf vier Seiten und hält die Zahl der Unterbrechungen im Rahmen des Doppelalbums. Der erste Satz bleibt dennoch geteilt; die Seitenübersicht macht diese Aufteilung sichtbar. Für den Hörabend ist es hilfreich, die Wechsel als praktische Stationen einzuplanen und den musikalischen Zusammenhang darüber hinaus mitzunehmen. Die längeren Seiten sind ein nachvollziehbarer Grund für dieses Format, ohne dass aus der Drehzahl allein ein Klangurteil abgeleitet werden müsste.
Willem Makkee, Decca-Bänder und die Ausgabe AAPC 117
Für diese Analogue-Productions-Ausgabe übernahm Willem Makkee das Mastering und den Lackschnitt. Der Herausgeber nennt die Originalbänder und einen Schnitt auf einer Neumann VMS 80; gepresst wird bei Quality Record Pressings. Diese Angaben gehören zur vorliegenden Doppel-LP. Sie unterscheiden sie sowohl von historischen Decca- und London-Ausgaben als auch von einer separat erschienenen SACD. Identische Musik bedeutet bei solchen Editionen nicht automatisch eine identische technische Herstellung.
Die Doppeltaschen-Klapphülle bietet Platz für die beiden Platten und für die Begleittexte von David Matthews und Henry-Louis de La Grange. Zur Gestaltung gehört auch François Bouchers „Pan und Syrinx“ auf der Rückseite. In Verbindung mit Mahlers zeitweiligen Programmideen ist das ein reizvoller visueller Bezug, ohne dass man daraus eine verbindliche Erklärung der gesamten Sinfonie machen müsste. Die Hülle lädt dazu ein, sich zwischen den Seitenwechseln auch mit dem Werk und seiner Aufführungsgeschichte zu beschäftigen.
Die erste AP-Ausgabe ist mit 200 Gramm dokumentiert; spätere Pressungen und die heutige Herausgeberbeschreibung nennen 180 Gramm. Welche Variante ein bestimmtes Exemplar besitzt, muss an diesem selbst festgestellt werden. Für die Auswahl der Aufnahme sind zunächst die feste Besetzung, März 1978 als Aufnahmemonat und Makkees Schnitt entscheidend. So bleibt klar, was musikalische Identität ist und was sich zwischen Pressungsauflagen unterscheiden kann.
Diese Platte richtet sich an Hörer, die einer Sinfonie einen ganzen Abend zutrauen. Sie bietet keine Abkürzung durch Mahler, sondern eine Gelegenheit, seine ungewöhnlich große Form mit einer konkret benannten Gruppe von Musikern zu verfolgen. Mehtas langjährige Verbindung mit Los Angeles, Forresters Mahler-Erfahrung und die Arbeit der Chöre und Solisten geben der Einspielung ihren historischen Ort. Die Wiederveröffentlichung macht diesen Ort als vollständiges Doppelalbum wieder zugänglich.
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Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Zubin MehtaDirigentMitwirkung: Album-Besetzung
- Los Angeles PhilharmonicOrchesterMitwirkung: Album-Besetzung
- Maureen ForresterAltMitwirkung: IV, V
- Los Angeles Master ChoraleChorMitwirkung: V · Leitung: Roger Wagner
- California Boys‘ ChoirKnabenchorMitwirkung: V · Leitung: Douglas Neslund
- Sidney HarthVioline (Solo)Mitwirkung: II
- Robert DiVallPosthornMitwirkung: III
- Roger WagnerChorleitungMitwirkung: V
- Douglas NeslundChorleitungMitwirkung: V
Aufnahme: März 1978, Royce Hall, UCLA, Los Angeles. Produktion: Ray Minshull; Ton: James Lock und Simon Eadon. AP-Lackschnitt: Willem Makkee; Pressung: Quality Record Pressings. Chor- und Solistenangaben folgen den Credits der Decca-Aufnahme; die Seitenübersicht enthält alle sechs Sätze.









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