Zwei französische Blicke auf das Meer
Debussys La Mer und Iberts Escales gehören zusammen, ohne dieselbe Vorstellung vom Meer zu erzählen. Bei Debussy wird es zum Gegenstand dreier sinfonischer Skizzen: Morgenlicht, bewegte Wellen und das Gespräch von Wind und Wasser. Ibert führt dagegen zu benannten Orten, zu Häfen und Landschaften des Mittelmeers. Auf dieser RCA-Aufnahme begegnen sich beide Werke unter Charles Munch mit dem Boston Symphony Orchestra. Das Programm verbindet eine große, weithin bekannte Orchesterpartitur mit einer kürzeren Reise, die ihre eigenen Farben und ihren eigenen Charakter besitzt. Die zweite Plattenseite ist dabei weit mehr als eine Zugabe.
Munch war für dieses Repertoire ein besonders interessanter Dirigent. 1891 in Straßburg geboren, hatte er zunächst als Geiger gearbeitet und war Konzertmeister des Leipziger Gewandhausorchesters gewesen. Von 1949 bis 1962 leitete er das Boston Symphony Orchestra als Musikdirektor. Seine Laufbahn verbindet damit unterschiedliche europäische Traditionen mit der Arbeit an einem amerikanischen Spitzenorchester. Französische Musik nahm in seinem Repertoire einen wichtigen Platz ein. Bei Debussy und Ibert geht es nicht nur um große Steigerungen, sondern auch um das Verhältnis von Bewegung, Transparenz und der Eigenfarbe einzelner Instrumentengruppen.
Die Aufnahme entstand im Dezember 1956 in der Symphony Hall in Boston; die Stereo-LP erschien 1958 als RCA Victor LSC-2111. Diese beiden Jahreszahlen bezeichnen unterschiedliche Schritte der Geschichte. Das Orchester arbeitete bereits seit mehreren Jahren mit Munch, als die Bänder aufgenommen wurden. Wer die Platte heute als Living-Stereo-Titel sammelt, begegnet deshalb nicht allein einer berühmten technischen Marke. Sie bewahrt auch einen konkreten Abschnitt der Zusammenarbeit zwischen einem Dirigenten und seinem Orchester, festgehalten in zwei Werken, die seine Verbindung zum französischen Repertoire besonders deutlich machen.

Charles Munch, Boston und Ralph Gombergs Oboe
Ein großes Orchester kann leicht als ein einziger Name wahrgenommen werden. Gerade diese Kopplung lädt jedoch dazu ein, innerhalb des Boston Symphony Orchestra auf unterschiedliche Stimmen zu achten. Streicher, Holzbläser, Blech und Schlagzeug übernehmen nicht ständig dieselbe Funktion. Eine Farbe kann für einen Moment hervortreten, eine Bewegung an eine andere Gruppe weiterreichen und anschließend wieder Teil eines größeren Zusammenhangs werden. Munchs Aufgabe besteht darin, diese Vorgänge zu einer musikalischen Form zu verbinden. Wer den Wechsel der Instrumentengruppen verfolgt, hört deshalb zugleich etwas über die Architektur der Werke.
Ein Musiker ist ausdrücklich als Solist genannt: Ralph Gomberg an der Oboe in Iberts Escales. Gomberg war von 1950 bis 1987 Solo-Oboist des Boston Symphony Orchestra. Seine lange Zugehörigkeit macht ihn zu einer wichtigen Persönlichkeit der Bostoner Orchesterkultur. Hier erhält sein Name einen konkreten musikalischen Bezug, denn Ibert setzt die Oboe als charakteristische Einzelstimme ein. Das ist ein schöner Gegenpol zur Größe des gesamten Apparats: Innerhalb einer farbenreichen Orchesterreise kann ein einzelnes Blasinstrument die Aufmerksamkeit auf sich ziehen und einer Passage ein sehr persönliches Gesicht geben.
Die Oboe ist für dieses Werk nicht nur eine zusätzliche Klangfarbe unter vielen. In Tunis–Nefta, dem zweiten Teil von Escales, steht ihre kantable Stimme im Mittelpunkt einer besonderen Atmosphäre. Ibert bezog sich bei diesem Satz auf Eindrücke aus Tunesien. Man muss die Musik nicht als genaue Abbildung eines Ortes verstehen, um ihren Reiz wahrzunehmen. Interessant ist, wie ein Orchester um eine Solostimme herum einen Raum bildet: durch Begleitfiguren, Klangschichten und das Verhältnis von Bewegung und Ruhe. Gombergs Mitwirkung gehört deshalb in die Beschreibung dieser Platte ebenso wie der Name des Dirigenten.
Munch und das Boston Symphony Orchestra spielen beide Werke. Die Kopplung ermöglicht somit einen Vergleich innerhalb derselben künstlerischen Partnerschaft. Debussys größere Form und Iberts kürzere Charakterbilder fordern unterschiedliche Arten des Zusammenhangs. Auf der einen Seite entwickeln sich Motive und Bewegungen über eine weit gespannte Folge, auf der anderen stehen drei benannte Stationen nebeneinander. Die Besetzung bleibt das große Orchester, doch seine Aufgaben ändern sich. Gerade diese Verschiedenheit gibt einer vollständigen Wiedergabe beider Plattenseiten ihren Sinn.

Von Debussys Skizzen zu Iberts Häfen
Debussy arbeitete zwischen 1903 und 1905 an La Mer. Bemerkenswert ist, dass ein Teil dieser Arbeit fern der Küste in Burgund entstand. Das Meer erscheint hier also auch als Erinnerung und Vorstellung, nicht nur als unmittelbar beobachtete Natur. Die Verbindung zu Bildern ist ebenfalls greifbar: Für den Umschlag der Partitur wurde Hokusais berühmte Welle verwendet. Dennoch ist die Musik keine bloße Illustration eines Bildes. Sie entwickelt ihre eigene zeitliche Ordnung, in der kleine Bewegungen wachsen, Farben wechseln und größere Zusammenhänge entstehen. Das macht sie auch jenseits eines konkreten Meeresbildes fesselnd.
De l’aube à midi sur la mer führt von der Morgendämmerung zum Mittag auf dem Meer. Jeux de vagues richtet den Blick auf das Spiel der Wellen, bevor Dialogue du vent et de la mer die dritte Skizze bildet. Die Titel geben Orientierung, ohne jeden musikalischen Vorgang festzuschreiben. Ein lohnender Hörzugang besteht darin, auf Veränderungen zu achten: Wann wird aus einer kleinen Bewegung ein größerer Zug? Welche Instrumente tragen einen Gedanken weiter? Wie verändert sich die Wirkung einer Farbe, wenn sie in einem anderen Zusammenhang wiederkehrt? So bleibt die Vorstellung des Meeres offen für die musikalische Form.
Die Uraufführung fand 1905 in Paris mit dem Orchestre Lamoureux unter Camille Chevillard statt und wurde zunächst zurückhaltend aufgenommen. Das heute so vertraute Werk musste seinen Platz erst finden. Ibert, eine Generation jünger, vollendete Escales 1922; die Uraufführung folgte 1924 unter Paul Paray, ebenfalls mit dem Lamoureux-Orchester. Seine Mittelmeereindrücke gehen auf eine Reise von 1921 zurück. Die drei Stationen heißen Rome–Palerme, Tunis–Nefta und Valencia. Sie geben dem Werk eine andere Art von Geografie als Debussys nicht an einzelne Häfen gebundenes Meer.
Iberts Reise führt damit von Italien über Nordafrika nach Spanien. Die Ortsnamen sind Ausgangspunkte einer orchestralen Fantasie, kein Anspruch auf eine vollständige musikalische Darstellung dieser Kulturen. Rhythmus, melodische Gestalt und Instrumentation unterscheiden die Stationen voneinander. Gerade nach La Mer kann das sehr reizvoll sein: Das Thema Meer bleibt gegenwärtig, während die Perspektive wechselt. Eine Sammlung gewinnt durch diese Kopplung zwei eigenständige Werke, die sich gegenseitig beleuchten. Debussys groß angelegte Skizzen und Iberts Hafenbilder machen aus dem gemeinsamen Thema ein vielfältiges Programm.
Living Stereo als zusammenhängende Orchester-LP
Diese Analogue-Productions-Ausgabe trägt die Katalognummer AAPC 2111. Ryan K. Smith bei Sterling Sound übernahm das Remastering und den Lackschnitt vom originalen Masterband. Der Herausgeber nennt Gary Salstrom für die Galvanik und Quality Record Pressings für die Herstellung der 180-Gramm-LP. Es handelt sich um eine Stereo-Schallplatte mit 33⅓ Umdrehungen. Damit sind die technischen Angaben dieser konkreten Vinyl-Ausgabe beschrieben; die ebenfalls existierende SACD ist ein anderes Format. Für die LP steht die Wiedergabe des vollständigen RCA-Programms auf zwei Seiten im Mittelpunkt.
Debussys La Mer liegt auf der ersten Seite, Iberts Escales auf der zweiten. Diese Aufteilung hat einen deutlichen musikalischen Vorteil: Jedes Werk kann ohne Unterbrechung durch einen zusätzlichen Seitenwechsel gehört werden. Die drei Skizzen Debussys behalten ihren großen Bogen, während Iberts drei Stationen als eine zusammenhängende Reise bestehen bleiben. Gerade bei Orchesterwerken ist das ein überzeugender Grund für 33⅓. Das Format unterstützt die Form der Musik und lässt den natürlichen Abschluss eines Werkes zum passenden Moment für das Wenden der Platte werden.
Für Freunde französischer Orchestermusik verbindet diese Aufnahme mehrere reizvolle Ebenen: Munchs Bostoner Jahre, eine der bedeutenden Partituren Debussys, Iberts eigenständige Klangfantasie und Ralph Gombergs ausdrücklich hervorgehobene Solostimme. Für Living-Stereo-Sammler ist sie zugleich eine konkrete Erinnerung daran, dass hinter jeder Katalognummer Musiker, Werke und Entscheidungen über ein Programm stehen. Das Meer liefert den gemeinsamen Horizont; was die Platte lebendig macht, sind die unterschiedlichen Wege, auf denen zwei Komponisten und dieselben Interpreten diesen Horizont mit Musik füllen.
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Auch als SACD: Debussy: La Mer (The Sea) / Ibert: Port Of Call
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Charles MunchDirigentMitwirkung: Debussy und Ibert
- Boston Symphony OrchestraOrchesterMitwirkung: Debussy und Ibert
- Ralph GombergOboe (Solo)Mitwirkung: Ibert: Escales
Aufnahme: Symphony Hall, Boston, Dezember 1956; die diskografischen Nachweise nennen den 9./10. Dezember. Erstveröffentlichung als RCA LSC-2111: 1958. Original-Begleittext: John N. Burk. AP-Remastering/Lackschnitt: Ryan K. Smith, Sterling Sound; Galvanik: Gary Salstrom; Pressung: Quality Record Pressings. Originalproduzent und Aufnahmeingenieur bleiben ungeklärt.









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