Ein Konzert, in dem das ganze Orchester hervortreten darf
Bei einem Konzert denkt man gewöhnlich an einen Solisten: an die Violine vor dem Orchester, an den Flügel zwischen Dirigent und Publikum, an eine einzelne Stimme, die sich gegen ein größeres Ganzes behauptet. Béla Bartóks Konzert für Orchester verteilt diese Aufmerksamkeit anders. Hier wechseln die Rollen ständig. Eine Instrumentengruppe tritt aus dem gemeinsamen Klang heraus, wird zum Gegenüber einer anderen und kehrt wieder in den Zusammenhang zurück. Das ist mehr als eine Gelegenheit, die Fähigkeiten eines großen Orchesters vorzuführen. Bartók macht aus den Beziehungen zwischen seinen Spielern die eigentliche musikalische Handlung. Die Virtuosität liegt im Weiterreichen ebenso wie im Hervortreten.
Fritz Reiner und das Chicago Symphony Orchestra nahmen das Werk am 22. Oktober 1955 in der Orchestra Hall in Chicago auf. Richard Mohr betreute die Produktion, Lewis Layton die Aufnahmetechnik. Damit gehört diese Einspielung in die frühe Geschichte der RCA-Stereoaufnahmen und zugleich in eine besonders fruchtbare Phase der Zusammenarbeit zwischen Reiner und dem Chicagoer Orchester. Die Verbindung zum Komponisten ist jedoch wesentlich älter als diese Bänder. Reiner war Bartóks Schüler gewesen und kannte dessen musikalische Welt aus unmittelbarer Begegnung. Hier dirigiert also jemand, dessen Verhältnis zu dieser Partitur nicht erst am Pult begann.
Für eine Sammlung ist gerade die Verbindung dieser Geschichten reizvoll: ein Werk aus Bartóks amerikanischen Jahren, ein ungarischer Dirigent mit persönlichem Bezug zum Komponisten und ein amerikanisches Orchester, dessen gemeinsames Spiel unter Reiner große Aufmerksamkeit fand. Man muss daraus keinen Wettbewerb mit allen anderen Aufnahmen machen. Interessanter ist, wie sich diese konkrete Konstellation in den vielen wechselnden Aufgaben der Partitur entdecken lässt. Ein deutlich gesetzter Beginn, eine bewegliche Bläserantwort oder das gemeinsame Ende einer Phrase können dafür ebenso aufschlussreich sein wie die großen Steigerungen. Die Aufnahme lädt dazu ein, ein großes Ensemble aus seinen kleinen Beziehungen heraus kennenzulernen.

Von einer schwierigen Lebensphase zu einem neuen Orchesterwerk
Bartók schrieb das Konzert 1943 in den Vereinigten Staaten. Krankheit und die schwierigen Bedingungen seines amerikanischen Exils prägten diese Zeit. Der Auftrag Serge Koussevitzkys eröffnete ihm die Möglichkeit, noch einmal ein umfangreiches Orchesterwerk zu schaffen; Reiner und der Geiger Joseph Szigeti hatten sich für ihn eingesetzt. Die Partitur entstand zwischen August und Oktober in Saranac Lake im Staat New York. Koussevitzky dirigierte die Uraufführung am 1. Dezember 1944 mit dem Boston Symphony Orchestra. Der Bostoner Ursprung der Aufführungsgeschichte und die spätere Chicagoer Aufnahme sind zwei verschiedene Stationen, die hier zusammengehören, ohne miteinander verwechselt zu werden.
Die fünf Sätze bilden einen großen Bogen. Die Introduzione öffnet einen ernsten, zunächst suchenden Raum, bevor die Bewegung an Kraft gewinnt. Darauf folgt das Spiel der Instrumentenpaare, während die Elegia den langsamen Mittelpunkt bildet. Das Intermezzo interrotto unterbricht nicht nur dem Namen nach einen scheinbar geordneten Verlauf; das Finale führt die Energie schließlich in einen neuen Zusammenhang. Bartók beschrieb selbst einen Weg von der Strenge des Anfangs und der Trauer des dritten Satzes zur Lebensbejahung des Schlusses. Diese Richtung hilft beim ersten Hören, ohne die Vieldeutigkeit der einzelnen Abschnitte auf ein einfaches Programm zu reduzieren.
1945 überarbeitete Bartók den Schluss des Werks. Noch in seinen letzten Lebensjahren beschäftigte ihn damit die Gestalt einer Musik, die bald zu seinen bekanntesten Orchesterpartituren zählen sollte. Reiners Aufnahme entstand ein Jahrzehnt nach dem Tod des Komponisten. Sie ist keine Uraufführung und kein Dokument von Bartók selbst am Dirigentenpult, sondern eine eigenständige Interpretation eines inzwischen öffentlich gewordenen Werks. Gerade diese Unterscheidung macht die persönliche Verbindung nicht kleiner: Nähe zur Entstehungsgeschichte und die spätere praktische Arbeit mit einem anderen Orchester begegnen sich hier in einer ganz konkreten Aufnahme.

Paare, Unterbrechungen und die Kunst des gemeinsamen Spiels
Der zweite Satz bietet einen besonders anschaulichen Zugang zu Bartóks Orchesterdenken. Fagotte, Oboen, Klarinetten, Flöten und gedämpfte Trompeten treten paarweise auf. Jedes Paar besitzt nicht nur eine eigene Klangfarbe, sondern bewegt sich auch in einem anderen Tonabstand. Wer keine Partitur lesen möchte, kann trotzdem sehr genau folgen: zunächst dem Eintritt eines neuen Paars, dann der Art, wie sich seine beiden Stimmen zueinander verhalten. Die kleine Trommel setzt einen wiedererkennbaren Rahmen. So entsteht aus einer Reihe kleiner Auftritte eine sorgfältig organisierte Form, deren Witz von der Genauigkeit der Beteiligten lebt.
In der Elegia verschiebt sich die Aufmerksamkeit. Die Instrumente erscheinen nicht mehr vor allem als charaktervolle Paare; Linien, Farben und Nachklänge bilden eine andere Art von Zusammenhang. Ein sinnvoller Hörzugang ist, zwischen Vordergrund und Umgebung zu unterscheiden: Welche Stimme führt gerade, welche bereitet ihren Eintritt vor, welche bleibt nach ihr noch im Raum? Im Intermezzo interrotto wiederum wird der Einbruch ins Geschehen selbst zum Ereignis. Ein zunächst vertraut wirkender Verlauf gerät aus der Ordnung. Der Kontrast muss nicht durch eine auswendig gelernte Deutung erklärt werden, um seine Wirkung zu entfalten. Er lässt sich unmittelbar als Veränderung musikalischer Umgangsformen verfolgen.
Das Finale verlangt Beweglichkeit vom gesamten Ensemble. Rasche Linien, weitergegebene Motive und große gemeinsame Gesten müssen zueinanderfinden, ohne dass die Einzelheiten bloß unter der Lautstärke verschwinden. Reiners Chicagoer Aufnahme ist deshalb auch eine schöne Einladung, die eigene Aufmerksamkeit bei jedem Durchlauf anders zu verteilen. Einmal können die Streicher im Mittelpunkt stehen, beim nächsten Mal die Bläserübergaben oder der Anteil des Schlagwerks an der Form. Namentlich gesichert sind hier Reiner und das Chicago Symphony Orchestra; eine vollständige Besetzung sämtlicher Pulte dieser Sitzung wird nicht nachträglich aus allgemeinen Orchesterlisten zusammengesetzt. Das Werk ehrt viele einzelne Spieler, auch wenn die Albumangaben sie nicht alle individuell benennen.
Die 33⅓-Ausgabe: fünf Sätze auf einer Schallplatte
Diese Analogue-Productions-Ausgabe trägt die Katalognummer AAPC 1934 und gehört zur Wiederveröffentlichung der RCA-Living-Stereo-Aufnahmen. Der Herausgeber nennt Ryan K. Smith bei Sterling Sound für das Remastering und den Schnitt mit 33⅓ U/min aus dem originalen Masterband. Die zugrunde liegende Aufnahme ist zweispurig; die LP ist eine Stereoausgabe. Für die Galvanik wird Gary Salstrom, für die Pressung Quality Record Pressings genannt. Die konkrete Produktbeschreibung führt 200-Gramm-Vinyl. Diese Angaben beziehen sich auf die einzelne LP und sollten nicht mit den Produktionsdaten der späteren Doppel-LP verwechselt werden.
Der Unterschied zur ebenfalls erhältlichen 45er-Fassung ist hier besonders wichtig. Dort stehen zwei Schallplatten und ein anderes Mastering im Mittelpunkt; bei AAPC 1934 ohne „-45“ erhältst du das Werk auf einer LP. Für Hörer, die Bartóks großen Verlauf mit weniger Unterbrechungen verfolgen möchten, hat dieses Format einen nachvollziehbaren Reiz. Die fünf Sätze bleiben als Teile eines zusammenhängenden Werks erfahrbar, während die Seiten nur einmal gewechselt werden müssen. Eine höhere Drehzahl ist nicht automatisch die passendere Entscheidung für jeden Hörabend. Sorgfältige Herstellung, die gewünschte Form des Hörens und die exakte Ausgabe gehören bei der Auswahl zusammen.
Enthalten ist das Konzert für Orchester. Bartóks Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta ist eine andere Aufnahme und kein zusätzliches Werk dieser LP, auch wenn verwandte Veröffentlichungen beide Kompositionen nebeneinander anbieten. Die klare Zuordnung schützt vor falschen Erwartungen und lässt den Blick bei dem bleiben, was diese Platte tatsächlich bietet: Reiners Chicagoer Einspielung von 1955, fünf unterschiedlich geformte Sätze und ein Orchester, das seine solistischen Möglichkeiten als gemeinsame Sprache entfaltet. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Künstlerseite: Alle Titel von Fritz Reiner
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Fritz ReinerPorträtvorlage 1958DirigentMitwirkung: Alle fünf Sätze
- Chicago Symphony OrchestraOrchesterMitwirkung: Alle fünf Sätze; Einzelbesetzung nicht belegt
- Béla BartókVorhandene Albumillustration; KomponistKomposition; kein Mitspieler dieser AufnahmeMitwirkung: Werk von 1943, Schluss überarbeitet 1945
Chicago, Orchestra Hall, 22.10.1955 gemäß bereits geprüfter P22/P41-Faktenbasis; Richard Mohr: Produktion, Lewis Layton: Toningenieur. Nur Concerto for Orchestra, fünf Sätze. Bartók wird als Komponist, nicht als Mitspieler geführt. Einzelbesetzung der Orchesterpulte offen.









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