Eine Band von 1956, ein Album von 1961
Steamin’ With The Miles Davis Quintet trägt die Energie einer eingespielten Band in sich und zugleich eine ungewöhnliche Zeitverschiebung. Die Musik wurde 1956 aufgenommen, das Album erschien erst 1961 bei Prestige als PRLP 7200. Wer die Jahreszahl auf einer Diskografie liest, begegnet deshalb nicht automatisch dem Miles Davis des Veröffentlichungsjahres. Hier stehen Davis, John Coltrane, Red Garland, Paul Chambers und Philly Joe Jones gemeinsam im Studio: jenes erste große Quintett, dessen Prestige-Aufnahmen einen besonders unmittelbaren Zugang zu seinem Repertoire eröffnen.
Rudy Van Gelder nahm die Musiker in Hackensack auf; Bob Weinstock betreute die Prestige-Produktion. Die beiden umfangreichen Termine vom 11. Mai und 26. Oktober 1956 lieferten Material für Cookin’, Relaxin’, Workin’ und Steamin’. Diese Alben gehören zusammen, sind aber keine austauschbaren Kapitel. Ihre jeweiligen Programme setzen unterschiedliche Schwerpunkte. Für Steamin’ stammen fünf der sechs Stücke vom Mai-Termin. Nur Well, You Needn’t wurde am 26. Oktober aufgenommen. Diese Zuordnung erklärt, warum die gemeinsame Entstehungsgeschichte der vier Platten nicht die genaue Sessionliste des einzelnen Albums ersetzt.
Der Abstand zwischen Aufnahme und Veröffentlichung macht die Platte für Sammler besonders interessant. Bis 1961 hatte Davis bereits andere Besetzungen und musikalische Zusammenhänge erschlossen. Prestige veröffentlichte hier einen früheren Zustand seiner Bandgeschichte, der dennoch keineswegs als bloßer Vorlauf gehört werden muss. Das Quintett besitzt eine eigene Sprache, und das Programm stellt diese Sprache an sechs fremden Kompositionen vor. Broadway-Melodien, Balladen und Stücke aus dem modernen Jazz werden zu Material einer gemeinsamen Arbeitsweise.
Dabei lässt sich der Albumtitel nicht als durchgehende Tempoanweisung lesen. Steamin’ enthält auch zwei Quartettballaden ohne Coltrane. Die Möglichkeit, Besetzung und Dichte zu verändern, gehört zur musikalischen Identität der Platte. Davis braucht keinen ununterbrochenen Aufmarsch des ganzen Quintetts, um seine Band vorzustellen. Die ruhigeren Abschnitte schärfen vielmehr das Ohr für das, was jeder Einzelne in den größeren Zusammenhang einbringt.

Miles Davis und Paul Chambers: Linie über dem Fundament
Die erste Seite beginnt mit The Surrey With The Fringe On Top, der Melodie von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II. Ein Theaterlied wird hier zum gemeinsamen Ausgangspunkt eines Jazzquintetts. Die interessante Frage ist nicht, ob die Musiker die Vorlage hinter sich lassen, sondern wie viel von ihrer melodischen Gestalt im Spiel erhalten bleibt. Davis und Coltrane können unterschiedliche Wege einschlagen und sich dennoch auf dieselbe Form beziehen. Red Garlands Klavier, Paul Chambers’ Bass und Philly Joe Jones’ Schlagzeug halten diese Beziehung beweglich.
Chambers verdient dabei eine eigene Aufmerksamkeit. Sein Kontrabass gehört nicht nur zum Untergrund, den man bemerkt, wenn er plötzlich fehlt. Er verbindet harmonische Stationen und gibt dem zeitlichen Verlauf eine Richtung. Wer bei einem Durchgang der Basslinie folgt, hört die Soli aus einer anderen Perspektive: als Antworten auf eine bereits laufende musikalische Bewegung. Das gilt besonders für eine Band, deren Rhythmusgruppe den Solisten nicht bloß hinterherläuft. Garland, Chambers und Jones gestalten den Zusammenhang, in dem eine Trompetenphrase knapp oder ein Tenorbeitrag drängend wirken kann.
Mit Salt Peanuts, der Komposition von Dizzy Gillespie und Kenny Clarke, verändert sich die Sprache der Vorlage. Das Stück gehört zur Bebop-Geschichte und rückt rhythmische Prägnanz in den Vordergrund. Statt allein die Geschwindigkeit zu verfolgen, lohnt es sich, auf die Absprachen zwischen Thema, Begleitung und solistischem Einsatz zu achten. Wo wird ein Akzent gemeinsam gesetzt, wo verschiebt ein Musiker das Gewicht? Gerade solche kleinen Reaktionen machen aus einer bekannten Nummer eine Aussage dieser konkreten Besetzung.
Something I Dreamed Last Night schließt die erste Seite mit einer anderen Konzentration. John Coltrane pausiert; Davis spielt mit dem Trio Garland, Chambers und Jones. Die Trompete mit Harmon-Dämpfer und das Klavier müssen ihren Raum nicht mit einer zweiten Bläserstimme teilen. Diese Reduktion verändert das Verhältnis der Stimmen, ohne die Begleiter in den Hintergrund zu verbannen. Die Ballade gehört zum Kern des Albums, nicht zu einer Erholungspause zwischen den vermeintlich wichtigeren schnellen Stücken.

Drei weitere Perspektiven auf dasselbe Quintett
Auf Seite B folgt Diane, bevor Thelonious Monks Well, You Needn’t einen deutlich anderen kompositorischen Bezugspunkt setzt. Gerade die Nachbarschaft unterschiedlicher Vorlagen macht den Reiz dieses Repertoires aus. Die Band kann einen populären Song und ein Stück von Monk durch ihre gemeinsame Sprache verbinden, ohne deren Eigenarten einzuebnen. Für das Hören ist es ergiebig, nicht nur die Solisten zu vergleichen, sondern auch zu verfolgen, wie Garland die harmonischen Ereignisse gewichtet und wie Jones Übergänge vorbereitet.
Well, You Needn’t ist zugleich die einzige Aufnahme dieses Albums vom Oktober-Termin. Die übrigen fünf Titel gehören zum 11. Mai 1956. Das hörbare Zusammengehören eines Albums muss also nicht mit einem einzigen Aufnahmetag gleichgesetzt werden. Es kann aus einer gemeinsamen Besetzung, einem gewachsenen Repertoire und einer passenden Auswahl entstehen. Die Sessiondaten geben dafür einen historischen Rahmen; sie ersetzen nicht die musikalische Verbindung, die sich beim Hören zwischen den Nummern entwickeln kann.
Mit When I Fall In Love endet die Platte erneut im Quartett. Coltrane ist wie bei Something I Dreamed Last Night nicht beteiligt. Die beiden Balladen bilden dadurch keine identischen Ruhepunkte, wohl aber eine bewusst wahrnehmbare Besetzungsparallele über die Seiten hinweg. Es lohnt sich, Davis’ Phrasen nicht nur nach ihren Tönen zu verfolgen, sondern auch nach ihren Abständen. Was geschieht im Klavier, während die Trompete schweigt? Wie bleibt der Puls beweglich, ohne die Melodie zu bedrängen? Solche Fragen führen mitten in das Zusammenspiel.
Für eine Sammlung lässt sich Steamin’ sowohl einzeln als auch neben den drei Schwesteralben hören. Der Vergleich muss kein Wettbewerb um die „beste“ Platte werden. Er kann zeigen, wie dieselben Musiker aus verschiedenen Liedern unterschiedliche Gesprächssituationen entwickeln. Hier steht keine Komposition von Davis im Programm. Seine Handschrift entsteht durch Auswahl, Besetzung und die Art, in der die Band vorhandenes Material gemeinsam bewohnt.
Die Analogue-Productions-LP und ihre Auflagengeschichte
APRJ 7200 ist die Mono-LP von Analogue Productions aus der Prestige Mono Series. Die Ausgabe läuft mit 33⅓ Umdrehungen und wird bei Quality Record Pressings gefertigt. Kevin Gray bei Cohearent Audio ist für das Mastering der Reihe von den originalen Mono-Masterbändern genannt; Gary Salstrom für die Galvanik. Die aktuelle Produktbeschreibung führt 180-Gramm-Vinyl. Frühere AP-Pressungen wurden mit 200 Gramm angeboten, darunter die dokumentierte Ausgabe von 2014. Eine damalige Nummerierung der ersten Exemplare ist keine pauschale Eigenschaft heutiger Lieferungen.
Bei diesem Titel verdient außerdem eine Nachpressung von 2022 Beachtung: Dort ist für Seite A zusätzlich Momchil Zanev als Lackfolienschneider dokumentiert. Deshalb wäre es zu ungenau, jede spätere physische Platte unabhängig von ihrer Matrize als ausschließlich von Kevin Gray geschnitten zu beschreiben. Das Mastering-Konzept der AP-Reihe und die konkrete Schnittgeschichte einer einzelnen Auflage sind miteinander verbunden, aber nicht in jedem Fall identisch. Die genaue Lagercharge wurde hier nicht anhand der Auslaufrillen bestimmt.
Die einzelne 33⅓-LP bewahrt die Aufteilung in zwei Seiten mit jeweils drei Titeln. Das hält beide Balladen an ihren jeweiligen Seitenenden und macht den Seitenwechsel zu einem sinnvollen Teil der Dramaturgie. Mono führt das Ensemble in einem gemeinsamen Bild zusammen; daraus folgt kein Versprechen über die Wirkung auf jeder Anlage. Die musikalische Substanz liegt in den Beziehungen zwischen fünf starken Persönlichkeiten – und in den Momenten, in denen vier von ihnen ausreichen, um einen ganzen Song auszufüllen.
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Im Magazin: Miles Davis: Eine Geschichte in Platten
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Künstlerseite: Alle Titel von Miles Davis
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Analogue Productions Prestige – alle 50 Platten, Musiker und Session-Pfade
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Miles DavisPorträt: 1950er-JahreTrompeteMitwirkung: Alle Titel
- John ColtranePorträt: 1950er-JahreTenorsaxofonMitwirkung: alle außer A3, B3
- Red GarlandPorträt: 1950er-JahreKlavierMitwirkung: Alle Titel
- Paul ChambersPorträt: 1958KontrabassMitwirkung: Alle Titel
- Philly Joe JonesPorträt: 1962SchlagzeugMitwirkung: Alle Titel
B2: 26. Oktober 1956; alle übrigen Titel: 11. Mai 1956. John Coltrane fehlt auf A3 und B3. Laufzeiten sind Orientierungswerte aus der Albumdiskografie.












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