Ein Quintett, das keinen großen Rahmen braucht
Relaxin’ with the Miles Davis Quintet gehört zu den Platten, auf denen eine kleine Besetzung eine ganze musikalische Welt eröffnet. Miles Davis an der Trompete, John Coltrane am Tenorsaxofon, Red Garland am Klavier, Paul Chambers am Kontrabass und Philly Joe Jones am Schlagzeug brauchen dafür weder einen Bläsersatz noch zusätzliche Studiodekoration. Fünf Persönlichkeiten reichen, wenn ihre Beziehungen beweglich bleiben. Der Albumtitel beschreibt dabei keine Musik ohne Spannung. Er lenkt vielmehr den Blick auf die Selbstverständlichkeit, mit der ein eingespieltes Ensemble sehr unterschiedliche melodische und rhythmische Vorstellungen zusammenführen kann.
Die Aufnahmen entstanden an zwei Tagen des Jahres 1956: am 11. Mai und am 26. Oktober, jeweils bei Rudy Van Gelder in Hackensack. Bob Weinstock produzierte. Aus dem Material dieser Sessions gingen die vier Prestige-Alben Cookin’, Relaxin’, Workin’ und Steamin’ hervor. Sie stehen in engem Zusammenhang, sind aber keine austauschbaren Titel für dieselbe Zusammenstellung. Relaxin’ besitzt ein eigenes Programm aus sechs Stücken. Die Veröffentlichung erfolgte 1958; für Sammler bleibt die ursprüngliche Prestige-Nummer PRLP 7129 ein eindeutiger Bezugspunkt zwischen Albumgeschichte und späteren Wiederveröffentlichungen.
Auch die Verteilung der Titel auf die beiden Aufnahmetage lässt sich benennen. „It Could Happen to You“ und „Woody’n You“ stammen aus der Mai-Session. „If I Were a Bell“, „You’re My Everything“, „I Could Write a Book“ und „Oleo“ wurden im Oktober aufgenommen. Diese Ordnung ist nicht identisch mit der Reihenfolge auf der Platte. Gerade das macht deutlich, dass ein Album seine Gestalt auch durch Auswahl und Zusammenstellung gewinnt. Zwei Arbeitstage werden zu einem musikalischen Bogen, der sich auf zwei LP-Seiten mit jeweils drei Titeln verfolgen lässt.

Miles Davis und John Coltrane im gemeinsamen Raum
Davis und Coltrane bilden keine bloße Verdoppelung einer Melodiestimme. Ihre Instrumente und musikalischen Persönlichkeiten eröffnen verschiedene Wege durch dasselbe Material. Für Hörer kann es reizvoll sein, darauf zu achten, wie ein Thema unter wechselnder Führung seinen Schwerpunkt verändert. Eine Trompetenphrase und eine Tenorsaxofonlinie müssen nicht dieselbe Art von Nachdruck besitzen, um zum selben Stück zu gehören. Der Zusammenhang entsteht durch das gemeinsame Repertoire und durch eine Rhythmusgruppe, die auf beide reagieren kann. Das Quintett lebt gerade davon, dass seine Mitglieder in diesem Rahmen erkennbar bleiben.
Red Garland ist dafür eine Schlüsselfigur. Sein Klavier kann harmonische Orientierung geben, einen Solisten begleiten und selbst in den Vordergrund treten. Paul Chambers und Philly Joe Jones bilden dabei keine unbewegliche Unterlage. Bass und Schlagzeug gehören zur Gesprächsstruktur der Musik. Wer nur die beiden Bläser verfolgt, erhält bereits viel; wer zusätzlich die Begleitung wahrnimmt, entdeckt eine weitere Ebene von Antworten und Übergängen. Das Album eignet sich deshalb sowohl als Begegnung mit einem berühmten Quintett als auch für die wiederholte Beschäftigung mit einzelnen Rollen innerhalb einer kleinen Jazzbesetzung.
Die erhaltenen Studiogespräche gehören zum Charakter der Veröffentlichung. Sie lassen etwas vom Arbeitszusammenhang bestehen, statt sämtliche Spuren zwischen den musikalischen Darbietungen zu entfernen. Daraus sollte keine erfundene Szene mit ausgedachten Zitaten werden. Schon der belegte Umstand ist interessant genug: Die Aufnahme präsentiert nicht ausschließlich abstrakte, voneinander isolierte Werke, sondern bewahrt auch Momente des gemeinsamen Musizierens im Studio. Für eine Platte mit diesem Titel passt das besonders gut. Nähe entsteht hier durch konkrete Menschen und ihre Arbeitsweise, nicht durch eine nachträglich hinzugefügte Erzählung über angebliche private Gefühle.

Sechs Stücke, sechs Wege in das Songbook
„If I Were a Bell“ eröffnet das Album und gibt dem Quintett Raum, einen Song in eine Jazzdarstellung mit eigener zeitlicher Ausdehnung zu verwandeln. Die Melodie ist Ausgangspunkt und Bezugslinie, nicht der vollständige Inhalt der Aufführung. Darin liegt eine grundlegende Freude an dieser Musik: Man kann an einem bekannten Thema festhalten und zugleich verfolgen, wie die Musiker innerhalb seiner Möglichkeiten eigene Sätze bilden. Der Übergang von Melodie zu Improvisation muss nicht als Bruch erscheinen. Er kann wie eine Fortsetzung wirken, in der eine vertraute Frage mehrere persönliche Antworten erhält.
„You’re My Everything“ und „I Could Write a Book“ vervollständigen die erste Seite. Die Titel verweisen auf die Songtradition, aus der Jazzmusiker immer wieder Material für ihre eigene Gegenwart gewinnen. Entscheidend ist nicht allein, welche Melodie gewählt wird, sondern wer sie in welchem Zusammenhang spielt. Davis, Coltrane und Garland sind dabei keine austauschbaren Sprecher eines bereits feststehenden Textes. Ihre Einsätze verändern die Perspektive. Chambers und Jones sorgen dafür, dass solche Wechsel Teil einer gemeinsamen Bewegung bleiben. Das bekannte Lied wird zur Form, in der die Band ihre Unterschiede miteinander vereinbaren kann.
Seite zwei beginnt mit Sonny Rollins’ „Oleo“. Wer Davis’ frühere Aufnahme im Umfeld von Bags’ Groove kennt, hat hier einen besonders anregenden Vergleichspunkt: derselbe Titel, aber eine andere konkrete Ensemblekonstellation. „It Could Happen to You“ und Dizzy Gillespies „Woody’n You“ schließen die LP. Damit reicht das Programm von Songs des amerikanischen Unterhaltungstheaters und populären Repertoires bis zu Kompositionen aus dem Jazz selbst. Die Auswahl ist konzentriert, ohne einförmig zu sein. Sechs Stücke genügen, um unterschiedliche melodische Ausgangspunkte in der Sprache dieses Quintetts zusammenzuführen.
Prestige Mono: das konkrete Originalprogramm auf Vinyl
Die Analogue-Productions-Ausgabe APRJ 7129 gehört zur Prestige-Mono-Reihe. Kevin Gray schnitt sie bei Cohearent Audio von den analogen Mono-Masterbändern. Quality Record Pressings übernahm die Herstellung, Gary Salstrom die Galvanik. Die aktuelle LP wird mit 180 Gramm angeboten und läuft mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute. Eine Tip-on-Hülle gehört zur Ausstattung. Damit sind Quelle, Schnitt, Presswerk und Format konkret benannt. Das ist für die Auswahl einer audiophilen Ausgabe hilfreicher als ein pauschales Versprechen, jede Anlage müsse damit denselben Eindruck von Nähe oder Größe erzeugen.
Mono ist hier die Identität der Ausgabe, nicht ein fehlender Zusatz. Alle fünf Musiker gehören zu einem gemeinsamen Klangbild; der musikalische Abstand zwischen ihren Stimmen muss nicht durch Links-rechts-Verteilung erklärt werden. Für die Beschäftigung mit dem Zusammenspiel kann gerade diese Konzentration reizvoll sein. Gleichzeitig bleibt eine Produktbeschreibung bei belegbaren Tatsachen: Ein sorgfältiger Mono-Schnitt ist keine Garantie für eine bestimmte persönliche Wahrnehmung. Er bietet eine nachvollziehbare Herstellung und eine klar bezeichnete Fassung. Die Entscheidung zwischen Ausgaben kann damit auf überprüfbaren Angaben statt auf unbelegten Superlativen beruhen.
Frühere 200-Gramm-Pressungen und Hinweise auf die Nummerierung erster Exemplare gehören zur Geschichte dieser Wiederveröffentlichung. Daraus folgt keine Nummerierungs- oder Gewichtsbehauptung für die aktuelle 180-Gramm-Ausgabe. Auch andere Prestige-Titel auf SACD sind nicht automatisch Formatvarianten dieses Albums. Relaxin’ bleibt dieses sechsteilige Programm aus zwei Sessions von 1956. Für Musikliebhaber liegt sein bleibender Wert im Quintett selbst: in fünf deutlich unterscheidbaren Stimmen, die zusammen eine Sprache bilden. Diese LP gibt dieser Begegnung einen überschaubaren, sorgfältig dokumentierten Rahmen – zwei Seiten, sechs Stücke und reichlich Anlass, auf die Beziehungen dazwischen zu achten.
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Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Miles DavisPorträt: 1950er-JahreTrompeteMitwirkung: Album-Besetzung
- John ColtranePorträt: 1950er-JahreTenorsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung
- Red GarlandPorträt: 1950er-JahreKlavierMitwirkung: Album-Besetzung
- Paul ChambersPorträt: 1958KontrabassMitwirkung: Album-Besetzung
- Philly Joe JonesPorträt: 1962SchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung
Quintett laut Sessionlisten. B2 und B3: 11. Mai 1956; A1–A3 und B1: 26. Oktober 1956. Laufzeiten nach der dokumentierten AP-Ausgabe, Abweichungen anderer Ausgaben bleiben in der Quellenakte.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Im Vergleich mit der Craft-Small-Batch-Ausgabe hört Michael bei der AP-Ausgabe einen weicheren, wärmeren Charakter. Craft wirkt auf ihn analytischer und bei Miles’ Trompete energischer. Beide bekommen von ihm neun von zehn Punkten: unterschiedliche Klangcharaktere, kein eindeutiger Sieger.
🎧 Review video: Miles Davis Quintet – Relaxin' Small Batch vs. Analogue Production
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