Eine Stimme, die keine große Besetzung braucht
Ein Mann, seine Stimme, eine Gitarre: Bei Son House ist diese kleine Aufzählung noch keine Beschreibung der musikalischen Kräfte. Seine Stimme kann einen Satz wie eine Predigt in den Raum stellen, eine Silbe festhalten und den nächsten Gedanken mit einer beinahe körperlichen Entschiedenheit beginnen. Die Gitarre begleitet dabei nicht einfach einen gleichmäßigen Gesang. Ihr metallischer Ton, die gleitenden Bottleneck-Linien und die kurzen rhythmischen Antworten gehören zur selben Sprache. Father of Folk Blues hält diese Verbindung in Aufnahmen von 1965 fest. Es ist Musik eines älteren Künstlers, dessen Weg weit vor dem damaligen Folk- und Bluesrevival begonnen hatte – und der nun eine neue Hörerschaft erreichte.
House war bereits 1930 für Paramount aufgenommen worden; weitere historische Dokumente entstanden Anfang der vierziger Jahre im Zusammenhang mit den Aufnahmen der Library of Congress. Danach verschwand er über lange Zeit aus dem Blickfeld des wachsenden Bluespublikums. 1964 wurde er in Rochester im Staat New York wiedergefunden. Das erklärt einen Teil der besonderen Stellung dieser Columbia-Platte: Hier singt kein junger Musiker ein altes Repertoire nach. Ein tatsächlicher Vertreter jener früheren Blueswelt nimmt seine eigene Musik unter veränderten Bedingungen wieder auf. Zwischen den frühen Platten und diesen Bändern liegen Jahrzehnte, und diese Distanz gehört zur Geschichte des Albums.
Der Titel Father of Folk Blues stammt aus der Zeit, in der das wiederentdeckte Werk für ein neues Publikum eingeordnet und vermarktet wurde. Er sollte nicht dazu verleiten, House auf eine väterliche Symbolfigur zu reduzieren oder ihm die Erfindung einer ganzen Musik zuzuschreiben. Aufschlussreicher ist, wie persönlich er die überlieferten Formen behandelt. Eine wiederkehrende Textzeile kann den nächsten Ausbruch vorbereiten; ein Gitarrenmotiv trägt nicht bloß Harmonie, sondern den Widerstand und die Bewegung des Vortrags. Die Platte eignet sich deshalb besonders für Hörer, die hinter späteren Bluesrock-Gesten deren ältere Ausdrucksmöglichkeiten kennenlernen möchten, ohne diese Musik lediglich als Vorstufe von etwas anderem zu betrachten.

Son House und Alan Wilson: Hilfe, Aufmerksamkeit, eigene Autorität
Die Columbia-Aufnahmen wurden von John Hammond betreut, dem Produzenten und Talentsucher, nicht seinem gleichnamigen Sohn, dem Bluesmusiker. Im Mittelpunkt steht durchgehend Son House mit Gesang und akustischer Gitarre. Bei den instrumentierten Stücken ist der Resonatorcharakter ein wichtiger Teil des Ausdrucks: Der Ton besitzt eine andere Ansprache als der einer gewöhnlichen Holzdecke, und der Bottleneck kann zwischen fest umrissenen Tönen und gleitenden Verbindungen wechseln. Daraus entsteht kein undifferenzierter Dauerklang. Anschlag, Abdämpfen, Nachklang und Stimme müssen jeweils ihren Platz finden. Gerade die kleinen Unterbrechungen lassen die rhythmische Arbeit erkennen.
Eine besondere Rolle spielte Alan Wilson. Der junge Blueskenner, später als Mitglied von Canned Heat berühmt, beschäftigte sich intensiv mit Houses frühen Aufnahmen und half ihm im Zuge seiner Rückkehr, Teile seines früheren Repertoires wieder aufzunehmen. Diese Unterstützung verdient einen konkreten Namen, ohne daraus die Behauptung zu machen, Wilson habe House seine eigene Musik erst geben müssen. Das Wissen des jüngeren Musikers und die Erfahrung des älteren begegneten sich. Auf diesem Album lässt sich die Zusammenarbeit an zwei Titeln festmachen: Wilson spielt die zweite Gitarre auf Empire State Express und Mundharmonika auf Levee Camp Moan.
Diese Zuordnung ist wichtig, denn das Album ist weder ein durchgehend besetztes Duo noch eine Aufnahme mit Canned Heat. Wilson tritt an bestimmten Stellen hinzu; House bleibt die tragende Stimme und musikalische Autorität. Auf Empire State Express eröffnet die zweite Gitarre ein anderes Gespräch als die Mundharmonika auf Levee Camp Moan. Es lohnt sich, nicht nur auf das hinzugefügte Instrument zu achten, sondern auch darauf, wie viel Platz zwischen den Äußerungen bleibt. Auf den anderen Titeln ist die Konzentration auf House selbst ebenso wesentlich. Die Besetzung ist klein, ihre Unterschiede von Stück zu Stück sind es keineswegs.

Zehn Titel zwischen Erzählung, Predigt und offenem Rhythmus
Die vorliegende Ausgabe beginnt mit Death Letter, auch als Death Letter Blues bezeichnet. Die Nachricht vom Tod einer geliebten Frau wird nicht in einer glatten, fortlaufenden Melodie erzählt. Wiederholungen, Wortakzente und die Antworten der Gitarre geben der Geschichte Gewicht. Das Stück gehört zu Houses bekanntesten Aufnahmen, doch der Albumzusammenhang verhindert, dass es allein als berühmte Bluesnummer stehen bleibt. Mit Pearline folgt auf derselben Plattenseite eine andere persönliche Anrede. Schon diese beiden Titel zeigen, wie ein eng umrissener musikalischer Wortschatz verschiedene Bewegungen und Spannungen entwickeln kann.
Die zweite Seite verbindet Louise McGhee, John the Revelator und Empire State Express. Besonders John the Revelator verändert die Aufmerksamkeit: Hier trägt die Stimme ohne Gitarrenbegleitung. Das biblische Bild und der rufende Charakter machen hörbar, wie nah geistliche Rede und Houses musikalische Ausdrucksweise beieinanderliegen können. Auf Empire State Express kommt anschließend Wilsons zweite Gitarre hinzu. Für die Orientierung auf dieser Doppel-LP ist das die Position B3. Es ist ein guter Punkt, um die Begleitmusikertabelle tatsächlich mit dem laufenden Album zu verbinden: Ein zusätzlicher Name bedeutet hier einen bestimmten Eingriff in die Besetzung und nicht eine pauschale Mitwirkung an allen zehn Stücken.
Preachin’ Blues, Grinnin’ in Your Face und Sundown bilden die dritte Seite. Grinnin’ in Your Face stellt Stimme und Händeklatschen in den Vordergrund; eine Gitarre ist für diese eindringliche Warnung nicht nötig. Das lange Levee Camp Moan eröffnet Seite D und gibt dem Wechsel zwischen House und Wilsons Mundharmonika Zeit. Zum Abschluss folgt Motherless Children. Dieser zehnte Titel erweitert das ursprüngliche, neun Stücke umfassende Columbia-Album. Die Analogue-Productions-Ausgabe ist deshalb nicht schlicht mit dessen alter Titelfolge gleichzusetzen – und ebenso wenig mit einer vollständigen Sammlung sämtlicher Aufnahmen der damaligen Sessions. Sie bietet eine klar bestimmbare Albumfassung mit einer zusätzlichen Darbietung.
Die Analogue-Productions-Ausgabe auf zwei LPs mit 45 U/min
Unter der Katalognummer AAPB 092-45 erscheint Father of Folk Blues als Stereo-Doppel-LP mit 45 U/min. Ryan K. Smith fertigte das Remastering beziehungsweise den Lackschnitt bei Sterling Sound von den originalen Masterbändern an. Galvanik und Pressung werden Quality Record Pressings zugeordnet; dazu kommt ein glänzend ausgeführtes Tip-on-Cover von Stoughton. Bei dieser konkreten Ausgabe sind damit die wesentlichen Stationen vom Mastering bis zur Hülle benannt. Sie gehören zur Vinylfassung. Angaben zur Herstellung einer ebenfalls erschienenen SACD sollten nicht unbesehen auf diese Schallplatten übertragen werden.
Die aktuelle Herstellerangabe nennt 180-Gramm-Vinyl; ältere dokumentierte Auflagen derselben Katalognummer werden mit 200 Gramm geführt. Das Gewicht allein ist daher kein zuverlässiger Weg, die gesamte Veröffentlichungsgeschichte dieses Titels zu beschreiben. Die entscheidenden Merkmale dieser angebotenen Fassung sind die zwei Schallplatten, die Wiedergabe mit 45 U/min, Ryan K. Smiths Bearbeitung und die QRP-Fertigung. Die vier Seiten gliedern das Programm in zwei, drei, drei und zwei Titel. Das verlangt häufiger einen Seitenwechsel als eine einzelne LP mit 33⅓ U/min, gibt den einzelnen Abschnitten aber auch ein überschaubares Format. Die höhere Drehzahl ist eine technische Voraussetzung dieser Ausgabe, kein automatisches Versprechen für jede Anlage und jeden Geschmack.
Für die Beschäftigung mit der Aufnahme bieten sich sehr konkrete Fragen an: Wie lange bleibt ein angeschlagener Gitarrenton neben der Stimme stehen? Wo verändert House das Verhältnis von Gesang und Puls? Wie anders wirkt ein unbegleiteter Vortrag gegenüber dem späten Dialog mit der Mundharmonika? Die Platte beantwortet solche Fragen nicht durch eine große Zahl von Instrumenten, sondern durch die Vielfalt innerhalb ihrer kleinen Besetzung. Für eine Sammlung, die Blues als eigenständige musikalische Sprache ernst nimmt, ist das ein gewichtiger Grund, bei diesem Album genauer hinzuhören. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Son HousePorträtvorlage 1965Gesang; Gitarre außer B2/C2; Handclaps C2Mitwirkung: Zehn Titel; B2 John the Revelator und C2 Grinning in Your Face ohne Gitarre
- Alan WilsonSpätere Porträtvorlage 1970Zweite Gitarre B3; Mundharmonika D1Mitwirkung: Empire State Express; Levee Camp Moan
Columbia-Aufnahmen 1965, produziert von John Hammond. Alan Wilson: zweite Gitarre auf Empire State Express, Mundharmonika auf Levee Camp Moan; Dick Watermans zeitgenössische Aussage und offizielle Wilson-Diskografie bestätigen dies. Motherless Children ist der zusätzliche zehnte Titel dieser AP-Ausgabe.









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