Ein Bluesmann baut sich seinen eigenen Himmel
Schon der erste Titel von Soul Blues gibt die Richtung vor: „I’m Going to Build Me a Heaven of My Own“. Lightnin’ Hopkins braucht keine große Bühne, um eine ganze Welt entstehen zu lassen. Eine Stimme, eine Gitarre und eine Geschichte genügen. In diesem Fall beginnt sie mit der Begegnung mit einem bärtigen Mann, der sich als Jesus vorstellt. Hopkins macht daraus kein feierliches Glaubensbekenntnis, sondern eine jener eigensinnigen Erzählungen, in denen Alltag, Übertreibung, Witz und ernst gemeinte Sehnsucht nebeneinander Platz finden. Der Blues ist hier keine starre Form, die mit Worten gefüllt wird. Er ist die Art, in der dieser Mann denkt, erzählt und auf seine Umgebung antwortet.
Die Aufnahmen entstanden am 4. und 5. Mai 1964; Prestige veröffentlichte das Album 1965 unter der Nummer 7377. Hopkins war längst kein unbeschriebenes Blatt. Seine Musik führte den texanischen Blues in die Gegenwart, ohne dafür die Ecken seiner Persönlichkeit abzuschleifen. Besonders reizvoll ist, wie wenig Aufwand er benötigt, um einen Song zu seinem eigenen zu machen. Auch Willie Dixons „My Babe“ steht in dieser Umgebung nicht wie ein fremdes Repertoirestück zwischen Eigenkompositionen. Es wird Teil derselben Unterhaltung: eine bekannte Vorlage, die sich dem Ausdruck und dem Rhythmus eines individuellen Erzählers unterordnet.
Für Sammler hat Soul Blues außerdem eine ungewöhnlich konkrete zweite Geschichte. Diese Analogue-Productions-Ausgabe bildet den Abschluss der 25 Titel umfassenden Prestige-Stereo-Reihe. Zugleich ist sie die dokumentierte Ausnahme innerhalb der insgesamt fünfzig Mono- und Stereo-Wiederveröffentlichungen: Für dieses Album stand kein brauchbares Originalmasterband mehr zur Verfügung. Wie die Musik dennoch erhalten und neu herausgebracht wurde, gehört deshalb zur Identität dieser Ausgabe. Zunächst aber lohnt es sich, bei Hopkins zu bleiben. Hinter der besonderen Quellenlage steht ein Album mit zehn eigenständigen Erzählungen, nicht bloß ein bemerkenswerter Restaurierungsfall.

Drei Musiker – und zwei bewusst einsame Momente
An Hopkins’ Seite spielen Leonard Gaskin am Kontrabass und Herbie Lovelle am Schlagzeug. Die beiden begleiteten ihn bereits auf Goin’ Away, das im Juni 1963 aufgenommen worden war. Wer beide Alben nebeneinander stellt, begegnet also einem vertrauten kleinen Ensemble. Die Verbindung ist nützlich, weil sie den Blick vom vermeintlichen Gegensatz zwischen „Solo-Blues“ und „Band-Blues“ wegführt. Entscheidend ist hier, wie viel Raum die Begleitung dem Sänger lässt. Bass und Schlagzeug erweitern die musikalische Situation, ohne dass Hopkins seine Rolle als Erzähler an eine größere, festgelegte Maschinerie abgeben müsste.
Dabei muss die Besetzung titelgenau gelesen werden. „I’m a Crawling Black Snake“ und „Darling, Do You Remember Me?“ sind Soloaufnahmen von Hopkins; Gaskin und Lovelle sind auf den übrigen acht Titeln beteiligt. Diese beiden Ausnahmen sind mehr als eine Fußnote für die Credits. Sie verändern die Perspektive innerhalb des Albums. Wo nur Stimme und Gitarre übrig bleiben, fällt jede Antwort zwischen Gesangszeile und Instrument unmittelbar auf Hopkins selbst zurück. Die LP enthält damit den Wechsel zwischen gemeinsam getragenen Songs und der ganz auf eine Person konzentrierten Darbietung bereits in ihrer ursprünglichen Folge.
Die Namen der Stücke öffnen unterschiedliche Räume: „Rocky Mountain Blues“ blickt in die Ferne, „I Mean Goodbye“ formuliert eine Trennung, „Black Ghost Blues“ und „Lonesome Graveyard“ rufen die dunkleren Bilder des Blues auf. Daraus sollte man keine lückenlose Biografie zusammensetzen. Hopkins arbeitet mit Rollen, überlieferten Motiven und erzählerischer Freiheit. Gerade darin liegt die Anziehungskraft: Man hört nicht nur jemandem zu, der Ereignisse berichtet, sondern einem Musiker, der aus Worten, Wiederholung und Timing eine Figur entstehen lässt. Seine Gitarre ist in diesem Zusammenhang Gesprächspartner und Gliederung zugleich.

Eine Plattenseite lang bei einer Stimme bleiben
Soul Blues eignet sich besonders für einen Hörzugang, der nicht nach möglichst vielen Soli oder spektakulären Besetzungswechseln sucht. Interessanter ist die Frage, wie Hopkins eine Zeile vorbereitet, wie er sie verlängert und wann er der Gitarre die Antwort überlässt. Man kann beim Wiederhören einmal bewusst die Begleitung verfolgen und danach die beiden Solotitel dagegenstellen. Was geschieht mit dem Gefühl von Bewegung, wenn Bass und Schlagzeug fehlen? Welche Arbeit übernimmt die Gitarre zwischen den Worten? Solche Fragen führen mitten in die Musik, ohne dass man dafür ein musiktheoretisches Vokabular benötigt.
Die 33⅓-U/min-LP bewahrt die ursprüngliche Aufteilung in zwei Seiten mit jeweils fünf Titeln. Das passt zu einem Album, dessen Wirkung aus der Abfolge kurzer und längerer Geschichten entsteht. Auf Seite A führt der große Himmelsentwurf über „My Babe“ und „Too Many Drivers“ bis zu „Rocky Mountain Blues“; Seite B reicht vom Abschied bis zum Friedhofsbild des Schlussstücks. Einmal wenden, dann die zweite Hälfte als zusammenhängenden Abschnitt erleben: Das ist hier ein sehr nachvollziehbarer Grund für das klassische LP-Format. Es ist eine Frage des Ablaufs, keine pauschale Klangbehauptung zugunsten einer Drehzahl.
Auch innerhalb einer Hopkins-Sammlung besitzt das Album einen klaren Platz. Die wiederkehrende Rhythmusgruppe verbindet es mit Goin’ Away, die beiden Solotitel öffnen einen anderen Blick auf denselben Musiker. Die spätere Aufnahme in die Zusammenstellung Double Blues zeigt zudem, dass diese Musik über ihre erste Veröffentlichung hinaus weitergetragen wurde. Wer sich für die Persönlichkeit hinter dem Genrebegriff interessiert, findet hier einen besonders ergiebigen Ansatz: nicht den Blues als dekorative Stimmung, sondern einen Erzähler, dessen Eigentümlichkeiten das Repertoire zusammenhalten.
APRJ 7377: eine offen dokumentierte Rettung der Quelle
Diese Ausgabe ist Analogue Productions APRJ 7377, eine Stereo-LP mit 33⅓ U/min, gepresst bei Quality Record Pressings und mit einer Tip-on-Hülle von Stoughton Printing. Der Herausgeber führt die aktuelle Ausgabe mit 180 Gramm; ältere, dokumentierte Auflagen wurden mit 200 Gramm angeboten. Daraus folgt keine Zusage einer bestimmten älteren oder nummerierten Pressung. Für die Einordnung wichtiger als das Gewicht ist bei diesem Titel ohnehin der Masteringweg, der ausdrücklich von den übrigen Prestige-Wiederveröffentlichungen abweicht.
Laut Analogue Productions fertigte Ryan K. Smith bei Sterling Sound eine hochauflösende 24-Bit/192-kHz-Datei aus der Abtastung einer sauberen Original-LP an. Das zunächst angelieferte Band erwies sich seinerseits als Überspielung einer Schallplatte; das eigentliche Originalband gilt seit den frühen 1970er-Jahren als verschollen. Die neue Abtastung wurde sorgfältig von verbliebenen Störgeräuschen bereinigt und bildete die Grundlage des Masterings. Soul Blues ist damit keine durchgehend analoge Neuauflage vom Originalband. Diese Transparenz macht es möglich, die Edition nach ihrer tatsächlichen Herkunft zu beurteilen.
Auch die Stereoangabe verdient die Erläuterung des Herausgebers: Die zugrunde liegende originale Stereo-LP besitzt nur eine geringe seitliche Verteilung und kann deshalb sehr monoähnlich wirken. Eine breite Links-rechts-Aufstellung sollte man aus dem Wort „Stereo“ hier nicht ableiten. Der Reiz dieser Ausgabe liegt in der sorgfältig dokumentierten Wiederzugänglichmachung einer Aufnahme, deren beste erhaltene Quelle eine Schallplatte war – und in Hopkins’ Musik, die den technischen Sonderfall mit einer unverwechselbaren menschlichen Stimme füllt.
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Serie: Analogue Productions Prestige – alle 50 Platten, Musiker und Session-Pfade
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Lightnin‘ HopkinsPorträt: 1960er-JahreGesang, GitarreMitwirkung: Alle Titel
- Leonard GaskinPorträt: 1960KontrabassMitwirkung: A1–A3, A5, B1–B3, B5
- Herbie LovelleSchlagzeugMitwirkung: A1–A3, A5, B1–B3, B5
4./5. Mai 1964; Betreuung Ozzie Cadena, Ton Rudy Van Gelder, Begleittext Chris Albertson. Aufnahmeort in den Quellen NYC/Englewood Cliffs nicht einheitlich. Hopkins solo auf A4 und B4; Gaskin/Lovelle auf allen übrigen Titeln. Autor von Too Many Drivers widersprüchlich; keine eindeutige Zuschreibung.









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