Ein Tag für den Blues
Am 24. Oktober 1960 nimmt John Coltrane in den Atlantic Studios in New York sechs Stücke auf, die später Coltrane Plays The Blues bilden. Es ist die intensive Arbeitsphase, aus der auch My Favorite Things hervorgeht. Mit McCoy Tyner, Steve Davis und Elvin Jones steht ihm eine Rhythmusgruppe gegenüber, deren Zusammenspiel gerade Gestalt annimmt. Der Blues wird dabei zum gemeinsamen Ausgangspunkt: eine vertraute Sprache, in der sich sehr unterschiedliche Stimmen entfalten können.
Das Album erscheint erst 1962, als Coltrane bereits bei Impulse! ist. Diese zeitliche Verschiebung macht es besonders reizvoll, sich auf die Aufnahme selbst einzulassen. Hier begegnen wir einem Musiker im Aufbruch, der innerhalb einer klaren Form nach neuen Möglichkeiten sucht. Wer Coltrane vor allem mit seinen späteren großen Erweiterungen verbindet, findet hier einen unmittelbaren Zugang zu seiner musikalischen Neugier.

Vier Musiker, manchmal nur drei
Coltrane wechselt zwischen Tenor- und Sopransaxofon. Auf „Blues To Bechet“ und „Mr. Syms“ ist das Sopran zu hören; die übrigen Titel gehören dem Tenor. Nicht weniger entscheidend ist die wechselnde Besetzung: McCoy Tyner setzt bei „Blues To Bechet“ und „Blues To You“ aus. Saxofon, Kontrabass und Schlagzeug tragen diese beiden Stücke allein.
Gerade diese Gegenüberstellung lädt zum genauen Zuhören ein. Was verändert sich, wenn das Klavier als harmonischer Partner wegfällt? Wie gestalten Steve Davis und Elvin Jones den Raum zwischen den Saxofonphrasen? Das sind keine Randdetails einer Besetzungsliste, sondern ein Schlüssel zum Album. Auch als Komponist ist Jones beteiligt: Das eröffnende „Blues To Elvin“ stammt von ihm, die fünf weiteren Stücke von Coltrane.

Sechs Titel, ein offenes Gespräch
Nach den drei Blues-Titeln folgen „Mr. Day“, „Mr. Syms“ und „Mr. Knight“. Die überschaubare Zahl der Stücke gibt den Musikern Zeit, ihre Gedanken auszuführen. Statt das Album auf einzelne spektakuläre Momente zu reduzieren, lohnt sich der Blick auf die Übergänge: auf ein rhythmisches Motiv, eine Antwort des Basses oder einen Wechsel in Coltranes Phrasierung.
Darin liegt die besondere Einladung dieser Platte. Sie lässt sich ohne Vorwissen entdecken und belohnt zugleich die Rückkehr. Für eine Sammlung, in der Jazz als lebendiges Zusammenspiel zählt, ist Coltrane Plays The Blues eine ebenso zugängliche wie ergiebige Begegnung mit dieser frühen Konstellation.
Die Atlantic-75-Ausgabe mit 45 RPM
Diese Stereoausgabe von Analogue Productions trägt die Katalognummer AAPA 041-45 und verteilt die sechs Originaltitel auf zwei 180-Gramm-LPs mit 45 RPM. Ryan K. Smith übernahm den Schnitt bei Sterling Sound; als Quelle nennt der Herausgeber das Originalmasterband. Die Verpackung ist ein laminiertes Tip-on-Klappcover von Stoughton.
Bei der Reihe sind nummerierte Erstexemplare und spätere unnummerierte Pressungen zu unterscheiden; ein bestimmtes Exemplar oder Presswerk sollte daraus nicht ungeprüft abgeleitet werden. Die Ausgabe enthält die sechs Albumtitel ohne Bonusmaterial. Vier Plattenseiten geben diesem Blues-Tag einen klar gegliederten Rahmen – und einen guten Anlass, ihm bewusst Zeit zu widmen.
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Serie: Atlantic 75 Series – alle 75 Alben, Zeitreise und die Menschen hinter Atlantic
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- John ColtraneSopransaxofon, TenorsaxofonMitwirkung: Sopran: B1, D1 · Tenor: übrige Titel
- McCoy TynerKlavierMitwirkung: A1, C1, D1, D2 · nicht B1/B2
- Steve DavisKontrabassMitwirkung: Album-Besetzung
- Elvin JonesSchlagzeug, Komposition A1Mitwirkung: Album-Besetzung
Coltrane: Sopran auf B1 und D1, Tenor auf den übrigen Titeln. Tyner spielt nicht auf B1 und B2. Produktion: Nesuhi Ertegun; Toningenieur: Tom Dowd. Mastering dieser Ausgabe: Ryan K. Smith.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael hebt die vielen Details, musikalischen Informationen und die räumliche Darstellung hervor. Das Zusammenspiel der Band kommt für ihn besonders gut zur Geltung. Die zusätzlich erwähnten Vergleiche mit Erstpressungen betreffen My Favorite Things und Giant Steps, nicht dieses Album.
🎧 Review video: YES 90125 - Coltrane Plays The Blues - Joe Walsh
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Ralf Doerner –
Eine tolle Platte eines absoluten Perfektionisten 😍