Ein Recital als musikalische Visitenkarte
Ein großer Geiger lässt sich nicht allein an den großen Konzerten erkennen. Manchmal erzählen acht Stücke für Violine und Klavier ebenso viel über seine Vorstellung von Musik: darüber, wie er eine Linie spannt, einen Tanz zum Schwingen bringt oder einen virtuosen Einfall in eine verständliche Erzählung verwandelt. Henryk Szeryng in Recital, 1960 bei RCA Victor Red Seal unter der Nummer LSC-2421 veröffentlicht, ist eine solche Begegnung. Das Programm reicht von der Vitali zugeschriebenen Chaconne über Tartini und Gluck bis zu Schumann, Halffter und Wieniawski. Charles Reiner sitzt am Klavier. Zwei Musiker tragen hier einen ganzen Abend im Taschenformat.
Szeryng verbindet in diesem Repertoire mehrere Traditionen. Seine Ausbildung bei Carl Flesch in Berlin und Jacques Thibaud in Paris gehört zu einer Biografie, die über nationale Schulen hinausführt. Der in Polen geborene Geiger fand später in Mexiko eine zweite Heimat. Für diese Platte ist jedoch weniger eine Aufzählung seiner Lebensstationen entscheidend als die Verbindung von Disziplin und Ausdruck, die das Programm verlangt. Eine sauber geführte Phrase muss ebenso selbstverständlich wirken wie ein rascher Figurenwechsel; ein kurzer Charakter darf nicht bloß als Pause zwischen technisch anspruchsvolleren Nummern erscheinen.
Die Auswahl zeigt außerdem eine besondere Vorstellung vom klassischen Recital. Historische Werke und spätere Bearbeitungen stehen nebeneinander, ohne ihre verschiedenen Entstehungszusammenhänge zu verstecken. Kreisler, Francescatti und Heifetz treten als Bearbeiter auf. Diese Namen gehören zur Geschichte einer Geigenkultur, die vorhandene Musik für das eigene Instrument neu erschloss. Wer hier ausschließlich unveränderte Barockoriginale erwartet, würde am Wesen des Programms vorbeihören. Es geht auch darum, wie Generationen von Geigern musikalische Gedanken weiterreichen, ihnen neue Konturen geben und dabei ihre eigene Vorstellung von Klang und Gestik einbringen.
Die ursprüngliche RCA-Veröffentlichung gehört in das Jahr 1960. Ein genaues Aufnahmedatum und ein gesicherter Aufnahmeort liegen für diese Ausgabe nicht vor. Diese Grenze ist kein Hindernis für die musikalische Einordnung: Besetzung, Programm und Veröffentlichung sind dokumentiert. Sie genügt aber, um der Versuchung zu widerstehen, aus der vertrauten Living-Stereo-Gestaltung eine konkrete Studioszene abzuleiten.

Charles Reiner und die Kunst des gemeinsamen Atmens
Der Pianist dieser Aufnahme heißt Charles Reiner. Er ist nicht mit dem Dirigenten Fritz Reiner zu verwechseln, dessen Name auf vielen anderen RCA-Living-Stereo-Platten erscheint. Gerade in einem Recital ist diese Unterscheidung mehr als eine Randnotiz. Der Klavierpart schafft den harmonischen Raum, setzt Übergänge in Bewegung und bestimmt mit, wie frei die Violine eine Melodie entfalten kann. Szeryng spielt nicht vor einer neutralen Begleitfläche. Die musikalischen Proportionen entstehen zwischen zwei Personen, die aufeinander reagieren müssen.
Die erste Plattenseite enthält zwei ausgedehnte Werke: die Chaconne in g-Moll und Tartinis Teufelstriller-Sonate in der Bearbeitung von Fritz Kreisler. Damit beginnt das Album nicht mit einer Reihe kurzer Zugaben, sondern mit genügend Raum für Entwicklung. Bei einer Chaconne lohnt es sich, auf das Verhältnis von Wiederkehr und Veränderung zu achten. Ein harmonischer Zusammenhang bleibt als Orientierung erhalten, während die Geige ihre Aussage verändert. Die Spannung entsteht nicht allein aus immer größerer Schwierigkeit, sondern aus der Frage, wie jede neue Wendung auf das bereits Gehörte antwortet.
Tartinis Sonate bringt einen anderen erzählerischen Maßstab. Schon der geläufige Beiname lenkt die Aufmerksamkeit auf die Virtuosität. Doch Triller, Läufe und Doppelgriffe gewinnen erst dann musikalische Bedeutung, wenn sie in eine verständliche Linie eingebunden sind. Ein ergiebiger Höransatz besteht deshalb darin, den Verlauf einer Phrase über ihre auffälligen technischen Momente hinaus zu verfolgen. Wo bereitet Reiners Klavier einen Einsatz vor? Wo verändert sich das Gewicht einer Kadenz? Und wie bleibt eine Melodie erkennbar, wenn die geigerische Oberfläche immer beweglicher wird?
Die beiden längeren Stücke bilden auf einer 33⅓-LP eine zusammenhängende erste Seite. Das passt zum Charakter dieser Ausgabe: Man kann sich auf einen größeren Verlauf einlassen, bevor das Wenden der Platte einen neuen Abschnitt eröffnet. Die Drehzahl ist dabei kein pauschales Qualitätsurteil. Hier hat sie einen konkreten musikalischen Nutzen, weil sie die ursprüngliche Dramaturgie des Programms auf zwei Seiten bewahrt.

Sechs Miniaturen mit eigenem Gewicht
Auf der zweiten Seite verändert sich das Zeitmaß. Tartinis Variationen über ein Thema von Corelli, hier in der Bearbeitung von Zino Francescatti, eröffnen eine Folge kürzerer Stücke. Eine Variation kann schon mit einer kleinen Änderung von Artikulation oder Bewegungsrichtung eine neue Perspektive herstellen. Das Ohr darf deshalb auf die Beziehungen zwischen den Abschnitten achten, statt die Musik nur als Abfolge immer neuer Kunststücke zu betrachten. Die Kompaktheit verlangt eine andere Form von Konzentration als die großen Bögen der ersten Seite.
Glucks Mélodie aus Orfeo, von Kreisler für dieses Umfeld eingerichtet, stellt das Singen auf der Violine in den Mittelpunkt. Danach folgt Kreislers eigenes Allegretto im Stil Boccherinis. Der Titel bezeichnet bewusst eine stilistische Annäherung; das Stück wird dadurch nicht zu einer Komposition Boccherinis. Solche kleinen Unterschiede sind für ein liebevoll zusammengestelltes Recital wesentlich. Sie zeigen, dass Erinnerung an eine ältere musikalische Sprache und persönliche Erfindung nebeneinander bestehen können. Das Programm erzählt Musikgeschichte durch die Praxis des Spielens und Bearbeitens.
Schumanns Vogel als Prophet erscheint in einer Bearbeitung von Jascha Heifetz. Auch Halffters Danza de la gitana ist mit diesem Bearbeiternamen verbunden. Die beiden Nummern machen besonders anschaulich, wie unterschiedlich eine Geige Charakter zeichnen kann: durch fragende Linien und kurze Gesten ebenso wie durch tänzerische Bewegung. Dabei muss man den Stücken keine erfundene Geschichte unterlegen. Schon das Verhältnis zwischen Melodie, Akzent und Klavierantwort liefert genügend Anhaltspunkte, um ihre Eigenart wahrzunehmen. Wieniawskis Scherzo-Tarantelle op. 16 beschließt die Platte und führt die Virtuosität noch einmal ausdrücklich ins Zentrum.
Für eine Sammlung ist dieses Nebeneinander reizvoll. Es ergänzt die großen Konzertaufnahmen eines Geigers um eine persönlichere Repertoireansicht und erinnert daran, dass ein kurzes Stück ebenso sorgfältig geformt sein will wie ein langer Satz. Die zweite Seite ist damit kein Anhang. Sie gehört zur Aussage des Albums: Unterschiedliche Maßstäbe der Form verlangen dieselbe Aufmerksamkeit für musikalischen Zusammenhang.
Die Analogue-Productions-Ausgabe
Diese Ausgabe trägt die Katalognummer AAPC 2421 und gehört zur zweiten RCA-Living-Stereo-Wiederveröffentlichungsserie von Analogue Productions. Sie enthält eine Stereo-LP mit 33⅓ Umdrehungen. Ryan K. Smith übernahm bei Sterling Sound das Remastering von den originalen Dreispur-Masterbändern; Quality Record Pressings ist als Presswerk genannt, Gary Salstrom für die Galvanik. Für die ursprüngliche Aufnahme sind John Pfeiffer als Produzent und John Crawford als Toningenieur dokumentiert. Diese Arbeitsschritte gehören zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Aufnahme- und Editionsgeschichte und sollten nicht miteinander vermischt werden.
Die aktuelle Herstellerangabe nennt 180-Gramm-Vinyl. Die dokumentierte frühe AP-Ausgabe von 2018 wurde dagegen mit 200 Gramm geführt. Das ist eine Auflagenunterscheidung, kein Anlass, das Gewicht einer ungeprüften Lagerplatte zu versprechen. Zur Ausstattung gehört eine aufwendig gefertigte Tip-on-Hülle im klassischen RCA-Umfeld. Die Nennung der Dreispurbänder beschreibt die Quelle des Remasterings; die angebotene Platte ist eine Stereoausgabe, kein dreikanaliges Wiedergabeformat.
Wer Living Stereo sammelt, findet hier eine andere Perspektive als bei den großen Orchesterproduktionen. Zwei Instrumente rücken die Gestaltung einzelner Töne, Übergänge und gemeinsamer Einsätze in den Vordergrund. Die interessante Frage lautet nicht nur, wie eindrucksvoll eine Geige abgebildet wird, sondern wie überzeugend sich das musikalische Verhältnis zwischen Geige und Klavier verfolgen lässt. Diese Platte lädt dazu ein, Szeryngs Repertoiregestaltung ebenso ernst zu nehmen wie seinen Namen auf dem Cover.
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Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Henryk SzeryngPorträt: Porträtvorlage 1964ViolineMitwirkung: Alle Titel
- Charles ReinerKlavierMitwirkung: Alle Titel
- John PfeifferProduktionMitwirkung: Alle Titel
- John CrawfordToningenieurMitwirkung: Alle Titel
Charles Reiner ist der Pianist, nicht der Dirigent Fritz Reiner. Aufnahmedatum und -ort sind nicht gesichert. John Pfeiffer und John Crawford sind Produktionscredits.








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