Ein Ballettabend für die Schallplattensammlung
The Royal Ballet Gala Performances verbindet zwei Welten, die auf Schallplatte besonders reizvoll zusammenfinden: die farbige Erzählkunst des Balletts und die Aufmerksamkeit für das Orchester als eigenständigen Klangkörper. Ernest Ansermet dirigiert hier das Orchestra of the Royal Opera House, Covent Garden. Das Programm führt durch acht Ballette und versammelt vertraute Melodien neben kürzeren Charakterstücken. Es ist kein vollständiger Theaterabend mit einem einzigen Handlungsbogen, sondern eine sorgfältig zusammengestellte Folge unterschiedlicher Szenen, Tänze und Stimmungen.
Aufgenommen wurde im Januar 1959 in der Kingsway Hall in London. Die Decca-Unterlagen nennen Michael Williamson als Produzenten und Kenneth Wilkinson als Toningenieur; veröffentlicht wurde das ursprüngliche Album bei RCA Victor Red Seal. Diese Verbindung erklärt, warum der Titel sowohl mit der RCA-Sammlerwelt als auch mit der britischen Aufnahmegeschichte verbunden ist. Die Stereo-Erstausgabe gehört zur Katalogfamilie LDS-6065. Für die vorliegende Wiederveröffentlichung ist die eigene Kennung AAPC 6065 maßgeblich. Originalaufnahme, ursprüngliches Album und spätere Ausgabe haben jeweils ihre eigene Geschichte.
Ansermet bringt eine enge Beziehung zum Ballett mit. Seine Arbeit im Umfeld von Diaghilevs Ballets Russes gehört zu seinem künstlerischen Hintergrund; hier trifft diese Erfahrung auf das Orchester eines Opern- und Balletthauses. Die Besetzung verdient eine genaue Benennung: Es spielt nicht das häufig mit ihm verbundene Orchestre de la Suisse Romande, sondern das Orchester des Royal Opera House. Schon daraus ergibt sich ein konkreter Zugang zum Album. Diese Musiker kennen den Zusammenhang zwischen musikalischem Verlauf und Bühnenbewegung aus der Theaterarbeit.

Tschaikowsky, Delibes und die Bewegung einer Szene
Die erste LP beginnt mit sechs Auszügen aus Tschaikowskys Nussknacker. Marsch, Tanz der Zuckerfee, Arabischer Tanz, Chinesischer Tanz, Tanz der Rohrflöten und Blumenwalzer bilden eine Folge sehr verschiedener Charaktere. Die Bekanntheit einzelner Melodien muss dabei nicht zum schnellen Wiedererkennen führen. Sie kann ebenso Anlass sein, auf die jeweilige Instrumentierung, den Wechsel der Register oder die Größe einer musikalischen Geste zu achten. Ein kurzer Tanz verlangt eine andere Form von Konzentration als ein weit ausschwingender Walzer.
Darauf folgen drei Ausschnitte aus La Boutique fantasque: Tarantella, Andante mosso und Can-Can. Rossinis Musik gelangt hier durch Respighis Bearbeitung in einen anderen Zusammenhang. Das Programm verbindet also nicht nur unterschiedliche Ballette, sondern auch verschiedene Wege, auf denen Musik für die Bühne entsteht. Ein bereits vorhandener musikalischer Gedanke kann durch Orchestrierung, Auswahl und neue Nachbarschaften eine andere Funktion erhalten. Gerade eine Zusammenstellung wie diese macht solche Beziehungen auf überschaubarem Raum erfahrbar.
Delibes’ Coppélia bringt mit Introduktionen, Mazurka, Walzer, Csárdás und Puppenwalzer eine weitere Bühnensprache ins Spiel. Die Stücke wechseln zwischen schwungvoller Bewegung und genauer gezeichneten Charakteren. Anschließend führen die Auszüge aus Adams Giselle in eine andere Welt: Introduktion und Walzer aus dem ersten Akt stehen neben Pas de deux und Variation aus dem zweiten. Das Album verlangt dabei keine vollständige Kenntnis der Handlungen. Es kann vielmehr die Neugier wecken, einzelne Werke später ausführlicher kennenzulernen.
Die erste LP bietet dadurch mehr als eine Reihe berühmter Nummern. Sie zeigt, wie unterschiedlich ein Orchester Tanz darstellen kann: durch rhythmische Prägnanz, melodische Weite, Leichtigkeit oder eine sorgfältig dosierte Steigerung. Ansermet hält diese verschiedenen Aufgaben innerhalb eines gemeinsamen Programms zusammen. Für den Hörer lohnt es sich, neben den Melodien auch die Übergänge zu beachten. Ein neuer Satz verändert oft sofort Maßstab und Perspektive des musikalischen Geschehens.

Von Schwanensee bis zu Chopins Ballettwelt
Auf der zweiten LP begegnet zunächst erneut Tschaikowsky. Die Auswahl aus Schwanensee enthält den Tanz der kleinen Schwäne, ein Pas de deux und einen Walzer. Die Nachbarschaft macht deutlich, wie eng einprägsame rhythmische Figuren und weit gespannte melodische Linien innerhalb eines Balletts zusammengehören können. Auf Schallplatte tritt die Musik aus ihrem sichtbaren Bühnenzusammenhang heraus. Gleichzeitig bleibt die Vorstellung von Bewegung ein hilfreicher Begleiter: ein Schritt, eine Drehung, ein Anhalten oder das gemeinsame Auftreten mehrerer Tänzer.
Schumanns Carnaval erscheint in orchestrierter Form mit „Pierrot“, „Reconnaissance“, „Aveu“ und „Pantalon et Colombine“. Hier steht eine Folge kurzer Charaktere im Vordergrund. Danach kehrt das Programm mit Fliederfee, Rosen-Adagio und Walzer aus Dornröschen zu Tschaikowsky zurück. Die wiederholte Begegnung mit demselben Komponisten verteilt sich auf unterschiedliche Ballette und zeigt zugleich, wie vielfältig seine Aufgaben innerhalb eines solchen Bühnenwerks sein können. Das Album bietet dadurch Wiedererkennung, ohne sich auf eine einzige Stimmung festzulegen.
Den Abschluss bildet Les Sylphides, mit Musik von Chopin in der Orchesterfassung von Roy Douglas. Das Prélude A-Dur op. 28 Nr. 7, die Mazurka C-Dur op. 67 Nr. 3 und die Grande valse brillante Es-Dur op. 18 führen vom Klaviergedanken in die orchestrale Ballettwelt. Nach den vorherigen Szenen bekommt diese andere Herkunft besonderes Gewicht. Die Zusammenstellung lässt sich so auch als kleine Reise durch Möglichkeiten der Bearbeitung und Instrumentierung verstehen, ohne ihren unmittelbaren Reiz als musikalisches Programm zu verlieren.
Zum Charakter des Albums gehört das Begleitheft. Die Analogue-Productions-Ausgabe integriert ein reich bebildertes, 22-seitiges Buch in das Klappcover. Darin begegnet man Produktionen und Persönlichkeiten des Royal Ballet, darunter Margot Fonteyn, Nadia Nerina und Beryl Grey. Arnold L. Haskell gehört zu den Autoren der Begleittexte. Das Heft erweitert die Musik um ihren Bühnenzusammenhang und gibt dem Sammler etwas in die Hand, das über die reine Tonträgerverpackung hinausgeht. Es lädt zum Blättern ebenso ein wie die Platten zum wiederholten Hören.
Zwei LPs mit 33⅓ und Bernie Grundmans Schnitt
Die hier angebotene Ausgabe AAPC 6065 umfasst zwei Stereo-LPs mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute, angegeben mit 180 Gramm und gepresst bei Quality Record Pressings. Der Schnitt geht auf Bernie Grundmans Arbeit mit dem originalen Analogband zurück. Der Herausgeber dokumentiert die Nutzung vorhandener Metallteile und eines daraus neu hergestellten Stampers. Das ist eine wichtige Unterscheidung: Eine neue Pressung bedeutet in diesem Fall nicht automatisch einen neu angefertigten Lackschnitt.
Stoughton Printing fertigt das aufwendig gestaltete Tip-on-Klappcover mit integriertem Buch. Musik und Ausstattung greifen damit den besonderen Anspruch der ursprünglichen Veröffentlichung auf. Die ebenfalls erhältliche 45-RPM-Box und die SACD-Fassung gehören zur selben Albumfamilie, haben aber eigene Formatdaten. Hier steht ausdrücklich die Doppel-LP im Mittelpunkt. Ihre vier Seiten fassen die acht Werkgruppen in größeren Hörabschnitten zusammen und lassen dem Programm einen anderen Ablauf als eine Ausgabe mit häufigerem Plattenwechsel.
Für Sammler klassischer Stereoaufnahmen verbindet diese Fassung eine klar benannte Aufnahmegeschichte mit einer besonders anschaulichen Programmauswahl. Für Ballettfreunde bietet sie vertraute und weniger vertraute Momente in einer gemeinsamen Folge. Und wer das Repertoire erst entdeckt, bekommt viele mögliche Ausgangspunkte auf zwei Platten. Das Vergnügen liegt dabei nicht nur im Erkennen berühmter Melodien, sondern im Wechsel der Farben, Charaktere und Bewegungen — einer kleinen Bühnenwelt, die sich auch ohne sichtbare Tänzer entfalten kann.
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Auch als SACD: The Royal Ballet Gala Performances
Kundenfragen: 45 oder 33⅓ RPM: Welche Ausgabe lohnt sich? · Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Ernest AnsermetPorträt: BestandsporträtLeitungMitwirkung: Werkfolge
- Orchestra of the Royal Opera House, Covent GardenOrchesterMitwirkung: Werkfolge
Auszüge aus acht Balletten; keine Gesamtaufnahmen. LP1/LP2 und laufende Nummern, keine unbelegte Seitenaufteilung.








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