Zwei Musiker, ein ungewöhnlicher Vorschlag
Bei Sounds Unheard Of! steckt die Überraschung bereits in der Besetzung: Shelly Manne und Jack Marshall spielen als Duo. Marshall brachte die Idee auf, wie Manne auf der ursprünglichen Hülle erzählte. Beide kannten sich aus gemeinsamer Arbeit, doch ein ganzes Album nur mit Gitarre und Perkussion stellte andere Anforderungen. Die Gitarre kann eine Melodie tragen und ihre Harmonien andeuten; der Perkussionist muss für jedes Stück einen eigenen Bezug dazu finden. Dafür steht Manne ein weit größeres Instrumentarium zur Verfügung als ein gewöhnliches Schlagzeug. Das Ergebnis beginnt bei einer sehr einfachen personellen Konstellation und öffnet daraus viele Möglichkeiten.
Aufgenommen wurde 1962 bei Contemporary Records in Los Angeles. Lester Koenig produzierte, Howard Holzer betreute die Aufnahme. Die Liner Notes schrieb Vernon Duke, der Komponist von „April In Paris“ und „Autumn In New York“. Die Beteiligten formulierten ihren Anspruch schon damals ausdrücklich musikalisch. Das ungewöhnliche Instrumentarium sollte innerhalb der Songs funktionieren. Holzer hielt in den technischen Erläuterungen außerdem fest, dass keine Overdubs verwendet wurden. Die unterschiedlichen Klänge entstanden im Spiel der beiden Musiker. Dieser Hinweis macht das Album besonders interessant: Was nach mehreren nebeneinander arbeitenden Perkussionisten aussehen könnte, ist die Aufgabe eines einzigen Spielers mit Händen und Füßen.

Was sich alles spielen lässt
Die Originalhülle nennt für jeden Titel die verwendeten Klangquellen. Bei „Poinciana“ gehören dazu Boo-Bam-Röhrentrommeln, Kastagnetten, Fingerzimbeln und Bambus-Schlitzstäbe. Bei „By Myself“ kommen unter anderem Schlägel aus Stricknadeln und Gummibällen, ein Aschenbecher und ein Mikrofonständer ins Spiel. „Stormy Weather“ nutzt angeschlagene Klaviersaiten bei gehaltenem Pedal. Solche Details verwandeln die Titelliste in eine zweite Art von Partitur: Sie erzählt, mit welchen Gegenständen und Instrumenten Manne die jeweilige musikalische Aufgabe angeht. Die Namen der Standards bleiben vertraut, während sich ihre klangliche Umgebung von Stück zu Stück verändert.
Auch Marshall wechselt seine Mittel. Die Hüllenerläuterungen beschreiben Flamencotechniken bei „Poinciana“, Arpeggien im Zusammenhang mit Fernando Sor bei „My Funny Valentine“ und eine Verbindung zu Django Reinhardt in „Night And Day“. Seine Gitarre liefert damit mehr als eine gleichbleibende Grundlage für Mannes Experimente. Beide Partner variieren ihre Sprache. In „Begin The Beguine“ wird sogar eine eigens gestimmte spanische Gitarre mit Paukenschlägeln als Perkussionsinstrument eingesetzt. „Makin' Whoopee“ bringt Manne dagegen an das normale Jazzschlagzeug zurück. Der Wechsel zwischen vertrauten und ungewöhnlichen Mitteln gehört zur Anlage des gesamten Programms.

Standards als gemeinsame Orientierung
Zwölf bekannte Kompositionen geben den Versuchen eine nachvollziehbare Form. Neben „My Funny Valentine“ und „Stormy Weather“ stehen „The Continental“, „I'll Remember April“ und „The Boy Next Door“. „The Continental“ führt zum Film The Gay Divorcee, „The Piccolino“ zu Top Hat. Beide Songs entstammen der Welt des Filmmusicals der 1930er-Jahre. In diesem Duo begegnen sie einem anderen Maßstab: Die große Bühne wird auf zwei Musiker und ihre Entscheidungen reduziert. Gerade wer die Melodien kennt, kann verfolgen, wie viel Wiedererkennung erhalten bleibt, wenn sich die Instrumente und die Art des Zusammenspiels deutlich verändern.
Die Platte gehört auch in die frühe Geschichte von Stereo als Erlebnis für das heimische Musikhören. Ihr ungewöhnlicher Aufbau eignete sich für Vorführungen, doch die Stücke geben dem Hören einen musikalischen Zusammenhang. Man kann den Instrumentenwechseln folgen oder sich zunächst ganz auf Marshalls Melodieführung konzentrieren. Dann erschließt sich Mannes Arbeit beim nächsten Durchgang aus einer anderen Perspektive. Beide waren vielseitige Studiomusiker: Marshall arbeitete als Gitarrist, Arrangeur und Komponist, Manne verband Studioarbeit mit eigenen Jazzgruppen und seinem Club. 1966 folgte mit Sounds! ein weiteres gemeinsames Duoalbum. Die Zusammenarbeit hatte also eine Fortsetzung über dieses besondere Projekt hinaus.
Die Ausgabe von Analogue Productions
Diese Analogue-Productions-Neuauflage präsentiert Sounds Unheard Of! als 180-Gramm-LP mit 33⅓ Umdrehungen. Bernie Grundman verantwortet Mastering und Lackschnitt bei Bernie Grundman Mastering. Als Ausgangsmaterial nennt der Herausgeber das originale analoge Masterband. Die ursprüngliche Aufnahme gehört zu Contemporary und trägt Howard Holzers Toncredit; die Masteringarbeit Grundmans gehört zu dieser späteren Ausgabe. Das historische Album erschien in der Contemporary-Popular-Reihe unter den Nummern M5006 beziehungsweise S9006. Diese Herkunft ist ein hilfreicher Anhaltspunkt beim Einordnen eines Titels, der innerhalb des Contemporary-Katalogs einen ungewöhnlichen Platz einnimmt.
Die LP wird bei Quality Record Pressings gefertigt. Stoughton Printing liefert ein Tip-on-Klappcover im Stil der ursprünglichen Ausgabe. Das Programm bleibt bei den zwölf Albumtiteln. Die Präsentation bietet damit die Möglichkeit, sich zugleich mit den Songs und der Idee hinter ihrer Instrumentierung zu beschäftigen. Für eine Jazzsammlung ist das Album eine eigenwillige Ergänzung: zwei erfahrene Musiker, bekannte Kompositionen und eine Aufnahmeform, die das Verhältnis von Melodie und Perkussion Stück für Stück neu untersucht. Die konkreten Instrumentenangaben der Originalhülle sind dabei besonders lohnendes Begleitmaterial, weil sie viele der musikalischen Entscheidungen greifbar machen.
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Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
| Name | Instrument / Rolle | Mitwirkung |
|---|---|---|
| Shelly Manne | Perkussion, Schlagzeug | Album-Besetzung |
| Jack Marshall | Gitarre | Album-Besetzung |
Duo auf allen zwölf Titeln; Mannes Perkussionsinstrumente wechseln je Stück. Arrangements ohne Overdubs laut Originalhülle.







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