Ellington in kurzen Formen
Bei Duke Ellington denkt man schnell an große Suiten, an lange Entwicklungen und an ein Orchester, dessen Geschichte weit über einzelne Alben hinausreicht. Blues in Orbit bietet einen anderen, ebenso ergiebigen Zugang. Die 1960 bei Columbia veröffentlichte Platte versammelt elf vergleichsweise kurze Stücke. Bluesformen, bekannte Themen und weniger häufig genannte Kompositionen stehen nebeneinander. Der überschaubare Umfang lenkt die Aufmerksamkeit auf einzelne Stimmen und auf die Art, wie ein Arrangement ihnen innerhalb weniger Minuten einen Platz gibt. Das Orchester erscheint dabei nicht als anonyme große Klangfläche, sondern als Zusammenschluss markanter Persönlichkeiten.
Der Kern des Albums entstand am 2. und 3. Dezember 1959 im Columbia-Studio an der 30th Street in New York. Zwei Titel führen zu früheren Aufnahmen: „Blues in Orbit“ wurde am 12. Februar 1958 bei Radio Recorders in Los Angeles eingespielt, „Villes Ville Is the Place, Man“ am 25. Februar 1959 in New York. Diese Vorgeschichte ist für die Besetzung wichtig. Die Original-LP dokumentiert nicht eine einzige durchgehend unveränderte Session. Zusätzliche Stücke und alternative Takes späterer CD-Ausgaben erweitern die Geschichte nochmals, gehören aber nicht zum elfteiligen Programm dieser Platte.
Teo Macero schrieb die ursprünglichen Begleittexte. Der Blues ist ein naheliegender Bezugspunkt, wie schon mehrere Titel zeigen. Trotzdem wäre es zu eng, die Auswahl nur als Übung in einer einzigen Form zu verstehen. „Smada“, „Sweet and Pungent“, „C Jam Blues“ und „In a Mellow Tone“ eröffnen unterschiedliche Perspektiven auf das Repertoire. Für Sammler liegt der Reiz gerade darin, neben den großen Werkgruppen eine Platte zu entdecken, auf der die kurzen Formen genügend Eigengewicht besitzen. Elf einzelne Stücke können ein Orchester ebenso aufschlussreich charakterisieren wie eine ausgedehnte Suite.

Ein Orchester aus unverwechselbaren Menschen
Johnny Hodges, Paul Gonsalves, Harry Carney, Jimmy Hamilton und Russell Procope gehören zu den Holzbläserstimmen dieser Aufnahmen. Die Namen machen deutlich, weshalb eine Ellington-Besetzung nicht einfach nur über die Anzahl ihrer Saxofone und Klarinetten beschrieben werden kann. Jeder steht für eine eigene musikalische Persönlichkeit. Als Hörzugang bietet sich an, zunächst die Unterschiede zwischen den Registern wahrzunehmen und dann einzelne Stimmen wiederzuerkennen. Ein kurzer Einsatz kann für den Charakter eines Stücks ebenso wichtig sein wie ein ausgedehntes Solo.
Bei den Blechbläsern begegnen Ray Nance, Britt Woodman, Matthew Gee und Booty Wood. Nance ist mit Trompete und Violine verzeichnet; daraus folgt nicht, dass beide Instrumente auf jedem Stück erklingen. Bei den früheren Aufnahmen kommen andere Besetzungsanteile hinzu, unter anderem Cat Anderson, Shorty Baker und Clark Terry an den Trompeten sowie Quentin Jackson und John Sanders an den Posaunen. Fats Ford ist für „Villes Ville Is the Place, Man“ genannt. Die vollständige Musikerübersicht unterscheidet diese Beiträge, statt alle Namen zu einer vermeintlich auf sämtlichen Titeln spielenden Band zusammenzufassen.
Auch die Rhythmusgruppe verdient den genauen Blick. Jimmy Woode spielt Kontrabass. Jimmy Johnson ist der Schlagzeuger der Dezember-Aufnahmen; Sam Woodyard gehört zu den beiden früheren Titeln. Johnson ist dabei nicht mit dem späteren gleichnamigen Bassisten zu verwechseln. Am Klavier sitzt überwiegend Ellington selbst, doch Billy Strayhorn übernimmt bei „Smada“ und „Blues in Blueprint“. Gerade diese beiden Beiträge erweitern den Blick auf Strayhorn: Er ist in der Ellington-Welt nicht nur als Name unter einer Komposition oder einem Arrangement präsent, sondern hier auch unmittelbar als Pianist.

Elf Titel und die Vielfalt des Blues
Die erste Seite beginnt mit „Three J’s Blues“, einer Komposition Jimmy Hamiltons. Es folgen „Smada“, „Pie Eye’s Blues“, „Sweet and Pungent“ und „C Jam Blues“. Schon die Autorennamen eröffnen verschiedene Blickrichtungen innerhalb des Orchesters: Hamilton steuert ein Stück bei; bei „Smada“ ist Strayhorn gemeinsam mit Ellington beteiligt, „Sweet and Pungent“ stammt von Strayhorn. Die Platte ist deshalb nicht nur eine Gelegenheit, Solisten zu verfolgen. Sie macht zugleich die Zusammenarbeit beim Repertoire sichtbar, die zur besonderen Identität dieser musikalischen Umgebung gehört.
Seite B setzt mit „In a Mellow Tone“ ein. Danach folgen „Blues in Blueprint“, „The Swingers Get the Blues Too“ und „The Swingers‘ Jump“. Den Abschluss bilden das Titelstück und „Villes Ville Is the Place, Man“, also jene beiden Aufnahmen, die zeitlich vor den Dezember-Sessions liegen. Die Abfolge bringt unterschiedliche Entstehungsmomente zu einem Album zusammen. Wer darauf achtet, kann den Seitenwechsel und den letzten Teil der zweiten Seite zugleich als Stationen einer kleinen Aufnahmegeschichte begreifen, ohne den musikalischen Zusammenhang auf die Datierung zu reduzieren.
„C Jam Blues“ und „In a Mellow Tone“ geben vielen Hörern vertraute Orientierungspunkte. Weniger geläufige Titel wie „Blues in Blueprint“ können von dort aus ihre eigene Aufmerksamkeit erhalten. Eine Sammlung lebt oft genau von solchen Beziehungen: Ein bekannter Name oder eine vertraute Melodie führt zu einem Album, und innerhalb dieses Albums bleiben andere Stücke hängen, die zuvor nicht auf der persönlichen Landkarte standen. Blues in Orbit eignet sich für diesen offenen Zugang, weil sein Programm nicht auf einen einzigen großen Mittelpunkt zuläuft.
Es lohnt sich, eine Seite zunächst im Zusammenhang zu hören und später gezielt zu einzelnen Stücken zurückzukehren. Einmal kann die Aufmerksamkeit dem Klavier gelten, ein anderes Mal den tiefen Bläserregistern oder dem Wechsel zwischen Solostimme und Ensemble. Mit jedem Wechsel der Aufmerksamkeit kann ein anderer Teil der konkreten Besetzung in den Vordergrund treten. Eine große Band besteht aus Menschen mit unterschiedlichen Aufgaben; bei Ellington sind diese Unterschiede ein besonders ergiebiger Teil der Beschäftigung mit der Musik.
Die Analogue-Productions-Ausgabe auf 180-Gramm-Vinyl
Die angebotene Ausgabe AAPJ 056 von Analogue Productions präsentiert Blues in Orbit auf einer 180-Gramm-Stereo-LP mit 33⅓ Umdrehungen. Bernie Grundman verantwortete laut Herausgeber das Remastering von den originalen Analogbändern. Galvanik und Pressung erfolgten bei Quality Record Pressings. Die Platte wird in einer klassischen Tip-on-Klapphülle von Stoughton Printing geliefert. Damit sind die wesentlichen Merkmale dieser Neuauflage klar benannt: Quelle nach Herstellerangabe, verantwortlicher Mastering-Ingenieur, Fertigung und Verpackung.
Das Programm umfasst die elf Titel der ursprünglichen LP. Fünf stehen auf Seite A, sechs auf Seite B. Spätere CD-Bonustitel wie „Track 360“, „Sentimental Lady“ oder „Brown Penny“ sind hier nicht enthalten. Diese Abgrenzung ist gerade bei einem Album wichtig, dessen spätere Veröffentlichungen umfangreicher ausfallen können. Das 33⅓-Format bewahrt den Ablauf auf einer einzelnen Platte und lässt mehrere Stücke hintereinander stehen, bevor die Seite gewechselt wird. Wer Ellingtons Orchester gern über eine Folge kurzer Formen begleitet, erhält damit einen gut überschaubaren Zugang.
Die Verbindung von bekannten Themen, weniger häufig genannten Stücken und einer Besetzung voller individueller Stimmen macht Blues in Orbit für eine differenzierte Ellington-Sammlung interessant. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir übernehmen den US-Import und versenden aus Hilden. Diese Platte verlangt nicht, Ellingtons gesamtes Werk schon zu überblicken. Sie bietet elf konkrete Ausgangspunkte — und genügend Persönlichkeiten, um auch nach der ersten Begegnung weiterzufragen, wer gerade spielt, antwortet oder den Charakter einer Passage bestimmt.
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Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Duke EllingtonKlavierMitwirkung: A1, A3–A5, B1, B3–B6
- Billy StrayhornKlavierMitwirkung: A2, B2
- Ray NanceTrompete, ViolineMitwirkung: Albumcredit; Instrumentenwechsel nicht titelgenau ausgewiesen
- Cat AndersonTrompeteMitwirkung: B5, B6
- Shorty BakerTrompeteMitwirkung: B5, B6
- Clark TerryPorträtvorlage 1964TrompeteMitwirkung: B5, B6
- Fats FordTrompeteMitwirkung: B6
- Britt WoodmanPosauneMitwirkung: Albumcredit; Instrumentenwechsel nicht titelgenau ausgewiesen
- Matthew GeePosauneMitwirkung: A1–A5, B1–B4
- Booty WoodPorträtvorlage 1982PosauneMitwirkung: A1–A5, B1–B4
- Quentin JacksonPosauneMitwirkung: B5, B6
- John SandersVentilposauneMitwirkung: B5, B6
- Jimmy HamiltonKlarinette, TenorsaxofonMitwirkung: Albumcredit; Instrumentenwechsel nicht titelgenau ausgewiesen
- Johnny HodgesAltsaxofonMitwirkung: A1–A5, B1–B4, B6
- Russell ProcopeAltsaxofon, KlarinetteMitwirkung: Albumcredit; Instrumentenwechsel nicht titelgenau ausgewiesen
- Paul GonsalvesTenorsaxofonMitwirkung: Albumcredit; Instrumentenwechsel nicht titelgenau ausgewiesen
- Harry CarneyBaritonsaxofonMitwirkung: Albumcredit; Instrumentenwechsel nicht titelgenau ausgewiesen
- Jimmy WoodePorträtvorlage 1958KontrabassMitwirkung: Albumcredit; Instrumentenwechsel nicht titelgenau ausgewiesen
- Jimmy JohnsonSchlagzeugMitwirkung: A1–A5, B1–B4
- Sam WoodyardPorträtvorlage 1958SchlagzeugMitwirkung: B5, B6
Nur die elf Titel der Original-LP. Titel 1–9 entsprechen A1–A5/B1–B4, Titel 10–11 B5–B6. B5: 12. Februar 1958, B6: 25. Februar 1959; übrige Titel 2./3. Dezember 1959. Die Sitzung vom 4. Februar 1958 betrifft ausschließlich CD-Bonustitel und gehört nicht zu dieser LP. Instrumentenwechsel von Nance und den Holzbläsern nicht pauschal auf jedes Stück übertragen. Jimmy Johnson am Schlagzeug ist nicht der spätere gleichnamige Bassist.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael beschreibt eine große Bühne, auf der die einzelnen Instrumente und Musiker klar voneinander getrennt hörbar bleiben. Gerade diese Verbindung aus Größe und Durchhörbarkeit begeistert ihn an der Analogue-Productions-Ausgabe.



















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