Broadway im Format eines Klaviertrios
West Side Story trifft hier auf drei Musiker, die aus einem bekannten Bühnenstoff ein eigenständiges Jazzprogramm formen: Oscar Peterson am Klavier, Ray Brown am Kontrabass und Ed Thigpen am Schlagzeug. Die Musik von Leonard Bernstein liefert die Themen, das Trio bestimmt ihre Gestalt innerhalb dieser Aufnahme. Wer Oscar Peterson auf Vinyl kaufen möchte und seine Arbeit mit vertrauten Melodien schätzt, findet eine konzentrierte Auswahl aus sieben Titeln. Analogue Productions präsentiert das 1962 erschienene Verve-Album in dieser Ausgabe auf zwei LPs mit 45 RPM.
Das Musical besitzt eine eigene erzählerische Welt; eine instrumentale Trioaufnahme muss diese nicht Szene für Szene nachspielen. Hier können die Melodien auch ohne gesungene Texte stehen und als Ausgangspunkt für musikalische Bewegung dienen. Somewhere, Tonight, Maria und I Feel Pretty gehören zu den ausgewählten Stücken. Ihre Wiedererkennbarkeit macht den Einstieg leicht, während die kleine Besetzung die Aufmerksamkeit auf das lenkt, was zwischen Klavier, Bass und Schlagzeug geschieht.
Bernsteins Musik und Stephen Sondheims Texte gehören zum ursprünglichen Werk. Auf dieser Platte wird jedoch nicht gesungen. Die Themen werden von einem Jazztrio behandelt, dessen Möglichkeiten sich von denen eines Bühnenorchesters unterscheiden. Ein Akkord, eine Basslinie oder ein rhythmischer Akzent muss innerhalb einer kleineren Besetzung mehr Verantwortung übernehmen. Gerade diese Veränderung des Maßstabs macht den Reiz eines solchen Albums aus: Vertrautes Material eröffnet einen neuen Blick auf die Spieler und ihr Zusammenspiel.
Das Programm beginnt mit Something’s Coming und endet mit Reprise. Dazwischen liegen bekannte Melodien und der längere Jet Song. Diese Auswahl bildet keine vollständige Aufführung des Musicals ab, sondern ein eigenes Album. Man kann sie mit Kenntnis des Bühnenwerks hören oder ohne diese Voraussetzung genießen. Für beide Zugänge gibt es einen klaren Bezugspunkt: die Themen auf der einen Seite, die Arbeit dreier Musiker auf der anderen, die sie in einem gemeinsamen Format zusammenführen.

Oscar Peterson, Ray Brown und Ed Thigpen
Petersons Klavier steht im Zentrum, doch der Albumname darf die beiden anderen Musiker nicht verdecken. Ray Brown und Ed Thigpen sind auf allen sieben Titeln beteiligt. Der Kontrabass verbindet tonale Orientierung mit rhythmischer Bewegung; das Schlagzeug kann Akzente setzen, Übergänge markieren und den Verlauf einer Phrase mitgestalten. In einer so kleinen Besetzung ist Begleitung bereits ein wesentlicher Teil der Interpretation. Die Wirkung des Klaviers entsteht auch daraus, was die anderen Spieler daneben anbieten.
Gerade bei bekannten Melodien lässt sich diese Zusammenarbeit gut verfolgen. Der Wiedererkennungseffekt gibt Orientierung, während die Aufmerksamkeit zu den Details der Begleitung wandern kann. Wo bleibt der Bass nahe am Fundament, wo wird seine Linie selbst interessant? Wie verändert ein Akzent den Verlauf einer Klavierphrase? Solche Fragen machen das Trioformat zugänglich, ohne dass man dafür eine Partitur oder besonderes theoretisches Vorwissen benötigt. Man hört eine gemeinsame Arbeit, deren einzelne Stimmen sich mit jedem Durchgang klarer verfolgen lassen.
Das Klavier hat mehrere Aufgaben zugleich. Es kann die Melodie tragen, Harmonien ausbreiten und selbst rhythmische Impulse geben. In Verbindung mit Bass und Schlagzeug entsteht daraus ein flexibles Gefüge, das einen Song unterschiedlich gewichten kann. Ein vertrautes Thema muss dabei nicht ständig im Vordergrund bleiben, um als Bezugspunkt wirksam zu sein. Für Hörer, die Peterson bislang vor allem mit virtuosem Klavierspiel verbinden, bietet ein thematisch zusammenhängendes Album einen guten Anlass, auch die Organisation des Ganzen zu beachten.
Brown und Thigpen verdienen deshalb eine gleichwertig sichtbare Nennung. Die Musikerübersicht unter dem Text führt alle drei mit ihren Instrumenten und dem vollständigen Umfang ihrer Beteiligung auf. So bleibt klar, dass West Side Story hier die Aufnahme eines Trios ist. Die Komponisten- und Textautorencredits werden davon unterschieden, ebenso die Angaben zu Aufnahme und Mastering. Diese Trennung hilft, musikalische Urheberschaft, tatsächliche Mitwirkung und die Herstellung der vorliegenden Ausgabe auseinanderzuhalten.

Sieben Titel mit eigener Dramaturgie
Something’s Coming eröffnet Seite A, gefolgt von Somewhere. Bereits die Zusammenstellung dieser beiden Titel führt unterschiedliche Vorstellungen von Erwartung und Sehnsucht zusammen. Wer die Songs aus dem Musical kennt, bringt eigene Erinnerungen mit; wer sie über Peterson entdeckt, kann zunächst der instrumentalen Form folgen. Beides funktioniert, ohne dass man die Trioaufnahme als Ersatz für eine Bühnen- oder Filmfassung behandeln muss. Sie hat ihren eigenen Schwerpunkt und einen entsprechend ausgewählten Umfang.
Der Jet Song nimmt mit einer dokumentierten Spielzeit von 7:40 die zweite Seite allein ein. Im Verhältnis zu den anderen Stücken erhält er damit besonders viel Raum. Das ist auch beim Auflegen unmittelbar nachvollziehbar: Eine ganze Seite ist einer einzigen Entwicklung gewidmet. Statt den Titel nur als weiteren Punkt einer langen Liste zu betrachten, kann man diesen Abschnitt als eigenes Kapitel hören. Der Seitenwechsel davor und danach markiert seine Sonderstellung innerhalb des Programms.
Auf Seite C folgen Tonight und Maria. Danach bringen I Feel Pretty und Reprise die letzte Seite und das Album zum Abschluss. Die vollständige Reihenfolge bleibt auf sieben Einträge konzentriert. Gerade diese Begrenzung kann angenehm sein, wenn man sich in ein Album hineinhören möchte: Es gibt genug Material für unterschiedliche Zugänge, aber keinen umfangreichen Anhang, der den Zusammenhang immer weiter ausdehnt. Die Wiederholung einer Hörsitzung beginnt wieder bei derselben klar umrissenen Folge.
Für die Auswahl einer Jazzplatte ist dieses Konzept hilfreich. Wer melodisch bekannte Anknüpfungspunkte sucht, bekommt sie; wer vor allem ein Klaviertrio hören möchte, findet eine durchgehende Besetzung. Der Bühnenstoff gibt dem Album einen thematischen Rahmen, während die instrumentale Interpretation Raum für die Musiker lässt. Man kann beim nächsten Abspielen einen anderen Spieler in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit rücken und dennoch innerhalb desselben musikalischen Zusammenhangs bleiben. Genau darin liegt ein dauerhafter Reiz kleiner Jazzbesetzungen.
Die Verve-Neuauflage mit 45 RPM
Diese Analogue-Productions-Ausgabe trägt die Katalognummer AVRJ 8454-45 und erscheint auf zwei Stereo-LPs mit 45 Umdrehungen pro Minute. George Marino bei Sterling Sound ist für das Mastering genannt, Quality Record Pressings für die Pressung. Die ursprüngliche Verve-Katalognummer lautet V6-8454. Bob Simpson ist als Toningenieur dokumentiert, Dom Cerulli für den Hülltext. Damit sind die zentralen Angaben zu Aufnahme und Ausgabe nachvollziehbar, ohne Masteringcredits anderer Peterson-Veröffentlichungen auf diese Platte zu übertragen.
Die vierseitige Aufteilung ist ein wichtiger Teil der konkreten Edition. Sie bedeutet häufigere Seitenwechsel als eine einzelne LP, gibt den sieben Stücken aber klar abgegrenzte Abschnitte. Besonders der allein stehende Jet Song prägt diesen Ablauf. Wer unterschiedliche Ausgaben vergleicht, sollte deshalb neben dem Albumtitel auch Katalognummer und Drehzahl beachten. Hier handelt es sich ausdrücklich um die Doppel-LP mit 45 RPM, nicht um eine andere Verve-Neuauflage mit abweichendem Format.
West Side Story eignet sich für eine Sammlung, in der bekannte Kompositionen und individuelles Jazzspiel zusammenkommen sollen. Die Platte bietet einen überschaubaren Einstieg in Petersons Trioarbeit und zugleich genügend Anlass, Ray Brown und Ed Thigpen bewusst mitzuhören. Die vollständige Tracklist und die Musikercredits stehen direkt unter der Geschichte. So lässt sich vor dem Kauf erkennen, welches Programm diese Ausgabe enthält, und beim Hören jederzeit auf die beteiligten Namen zurückkommen.
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Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Oscar PetersonPorträtvorlage: 1977KlavierMitwirkung: Alle sieben Titel
- Ray BrownPorträtvorlage: 1976KontrabassMitwirkung: Alle sieben Titel
- Ed ThigpenSpätere Porträtvorlage; Jahr offenSchlagzeugMitwirkung: Alle sieben Titel
Oscar Peterson: Klavier; Ray Brown: Kontrabass; Ed Thigpen: Schlagzeug, auf allen sieben Titeln. Leonard Bernstein: Musik; Stephen Sondheim: Texte des ursprünglichen Musicals; diese Aufnahme ist instrumental. Bob Simpson: Ton; Dom Cerulli: Hülltext. George Marino / Sterling Sound: Mastering dieser 45-RPM-Ausgabe; QRP: Pressung. Originalkatalog Verve V6-8454. Jim Davis ist in der Dokumentation dieser Neuauflage als Produzent genannt; keine Übertragung auf die ursprüngliche Session.










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