Ein vertrautes Lied, eine andere Nähe
Shelby Lynnes Just A Little Lovin’ beginnt mit einer Entscheidung für Nähe. Neun Songs aus dem Repertoire von Dusty Springfield treffen auf eine eigene Komposition. Daraus hätte eine nostalgische Revue werden können, eine Parade bekannter Melodien mit möglichst großem Wiedererkennungswert. Lynne wählt einen anderen Zugang: Die Lieder sollen wieder als Lieder sprechen dürfen. Ihre Herkunft bleibt hörbar im Gedächtnis des Publikums, bestimmt aber nicht jede neue Geste. Gerade diese Spannung zwischen Erinnerung und Eigenständigkeit macht das Album interessant. Man kennt vielleicht die melodische Bewegung und wartet trotzdem darauf, was diese Sängerin mit ihr anfängt.
Das im Januar 2007 in Studio A der Capitol Studios aufgenommene Album erschien am 29. Januar 2008. Phil Ramone produzierte, Al Schmitt verantwortete die Aufnahmetechnik. Diese Namen beschreiben einen erfahrenen Rahmen für eine Sängerin, die kein zusätzliches musikalisches Kostüm benötigt. Die Besetzung verbindet Gitarren, Tasteninstrumente, Bass und Schlagzeug. Schon auf dem Papier entsteht eine überschaubare musikalische Umgebung, in der die Stimme nicht bloß ein Bestandteil eines großen Arrangements sein muss. Es geht um Beziehungen: zwischen Silbe und Pause, Gesang und Begleitung, einem bekannten Song und einer neuen erzählenden Person.
Der Titel Just A Little Lovin’ formuliert dabei einen passenden Maßstab. Eine kleine Geste kann eine ganze Situation verändern. Für dieses Album lässt sich daraus eine Hörhaltung ableiten: nicht auf den nächsten spektakulären Effekt warten, sondern den Verlauf einer Zeile ernst nehmen. Lynnes Verbindung zu diesen Songs erschöpft sich nicht in der Tatsache, dass Springfield sie gesungen hat. Die Auswahl fragt, wie sich Sehnsucht, Unsicherheit und Zuneigung erneut ausdrücken lassen, ohne die bereits berühmte Interpretation nachzustellen. Wer Vocal-Alben gerade wegen solcher feinen Verschiebungen hört, findet hier ein ebenso zugängliches wie konzentriertes Programm.

Eine kleine Besetzung mit viel Verantwortung
Neben Lynne stehen Dean Parks an akustischen und elektrischen Gitarren, Rob Mathes an den Tasten sowie Kevin Axt an Bass und Kontrabass in den Credits. Gregg Field und Curt Bisquera sind als Schlagzeuger dokumentiert; eine belastbare Zuordnung aller Beteiligten zu einzelnen Songs liegt nicht vor. Diese Musikerliste sollte deshalb nicht als Behauptung gelesen werden, dass jedes Instrument in jedem Stück vorkommt. Sie zeigt vielmehr den personellen Rahmen, innerhalb dessen das Album seine unterschiedlichen Schattierungen entwickelt. Lynne selbst ist außer für den Gesang auch für akustische und elektrische Gitarre sowie Begleitgesang genannt.
Die Konstellation ist reizvoll, weil die Begleitung bei einem solchen Projekt zwei Aufgaben zugleich hat. Sie muss vertraute Songs tragen und ihnen trotzdem Platz für einen neuen Akzent lassen. Ein Gitarrenpart kann einen harmonischen Zusammenhang verdeutlichen, ohne jede Lücke zu füllen. Bass und Schlagzeug können Orientierung geben, ohne die Stimme an ein demonstrativ ausgestelltes Raster zu binden. Daraus ergeben sich reizvolle Fragen beim Hören: Wo führt sie, wo antwortet sie, und wo überlässt sie der Sängerin den nächsten Schritt?
Ramones Produktion und Schmitts Aufnahmearbeit gehören zu diesem Zusammenhang, bleiben aber andere Aufgaben als die der spielenden Musiker. Die Session fand in einem professionellen Studio statt; die Wirkung von Unmittelbarkeit ist deshalb nicht mit fehlender Gestaltung zu verwechseln. Gerade eine zurückhaltende Präsentation verlangt Entscheidungen über Abstände, Balance und musikalische Gewichtung. Das Album lädt dazu ein, diese Arbeit nicht als technische Schau zu betrachten. Ihr Sinn liegt darin, dass der Song auch bei genauerem Hinhören im Mittelpunkt bleiben kann. Eine bekannte Melodie gewinnt hier ihren Raum nicht durch eine möglichst umfangreiche Besetzung, sondern durch die Aufmerksamkeit, mit der man ihr begegnet.

Zehn Songs zwischen Erinnerung und eigener Handschrift
Die erste Plattenseite führt vom Titelstück über Anyone Who Had A Heart zu You Don’t Have To Say You Love Me, I Only Want To Be With You und The Look Of Love. Bereits diese Folge vereint unterschiedliche Spielarten des Liebesliedes: Wunsch, Verletzlichkeit, Versicherung und Verführung liegen nah beieinander. Die bekannten Titel laden zum Vergleich ein, doch ein reines Abgleichen mit früheren Fassungen würde den Blick verengen. Spannender ist die Frage, wie die fünf Songs nebeneinander wirken und welches Bild einer erzählenden Stimme sie gemeinsam entstehen lassen. Ein Album kann bekannte Einzelstücke in eine neue Nachbarschaft rücken.
Auf der zweiten Seite folgen Breakfast In Bed, Willie And Laura Mae Jones und I Don’t Want To Hear It Anymore. Mit Pretend steht anschließend Lynnes eigene Komposition im Programm, bevor How Can I Be Sure den Abschluss bildet. Das eigene Stück ist ein wichtiger Bestandteil des Konzepts. Es setzt die Sängerin nicht außerhalb der anderen Songs, sondern stellt ihre Autorenschaft in denselben Zusammenhang. Die Auswahl wird dadurch mehr als eine Verbeugung vor einem Vorbild: Eine Musikerin zeigt, welche Sprache sie in älteren Liedern erkennt und wie diese Sprache neben ihrer eigenen bestehen kann.
Auch die kompakte Form unterstützt diesen Gedanken. Zehn Titel auf zwei Seiten ergeben einen klar umrissenen Weg, ohne angehängte Varianten oder Bonusmaterial. Das Umdrehen der Platte trennt zwei gleich große Gruppen und gibt der zweiten Hälfte einen eigenen Beginn. Für die Sammlung ist Just A Little Lovin’ deshalb besonders interessant, wenn zwischen Singer-Songwriter-Alben, Soul und klassischem Pop ohnehin keine feste Grenze gezogen wird. Dusty Springfield liefert den Bezugspunkt; Shelby Lynne bestimmt die Perspektive. Beides bleibt wichtig. Die Platte verlangt weder, die Vorgeschichte zu vergessen, noch, sich ausschließlich von ihr durch das Programm führen zu lassen.
Diese Ausgabe: eine LP, 200 Gramm, 33⅓ U/min
Die hier beschriebene Ausgabe trägt die Katalognummer AAPP 041. Sie ist die einzelne 200-Gramm-LP mit 33⅓ U/min und darf nicht mit der ähnlich bezeichneten Doppel-LP AAPP 041-45 verwechselt werden. Diese Unterscheidung ist für die Kaufentscheidung wesentlich: Album und Titelprogramm sind vertraut, das konkrete Plattenformat ist dennoch ein anderes. Die vorliegende Wiederveröffentlichung stammt von Analogue Productions, wurde 2012 veröffentlicht und bei Quality Record Pressings gefertigt. Doug Sax übernahm das Mastering bei The Mastering Lab in Ojai; Gary Salstrom ist für die Fertigung der Metallteile genannt.
Für dieses Album ist ein aufschlussreicher Zwischenschritt dokumentiert: Die einzelnen analogen Songbänder wurden zu Seitenmastern zusammengestellt. Daraus entstand die Grundlage für den Schnitt über die Röhrenkette von The Mastering Lab. Das ist eine konkrete Information zu Just A Little Lovin’, keine pauschale Aussage über die Produktionsweise anderer Alben. Ebenso wenig bedeutet eine begrenzte Zahl von Pressungen pro Stamper, dass die gesamte Ausgabe entsprechend klein limitiert wäre. Entscheidend sind hier die nachvollziehbaren Angaben zu Bandvorbereitung, Schnitt und Presswerk. Sie beschreiben die Herstellung dieser LP, ohne ein Hörergebnis für jede Anlage vorwegzunehmen.
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Wer dieses Album auf Vinyl kaufen möchte, findet hier die Angaben zur beschriebenen Ausgabe. Mit ihrer Verteilung von fünf Songs pro Seite bewahrt diese Fassung einen einfachen, zusammenhängenden Albumablauf. Sie richtet sich an Hörer, die Lynnes Beschäftigung mit dem Springfield-Repertoire als Ganzes erleben möchten und dafür ausdrücklich die 33⅓er Einzelplatte suchen. Die sorgfältig dokumentierte Produktion ergänzt den musikalischen Reiz, ersetzt ihn aber nicht. Im Zentrum stehen zehn Songs und eine Sängerin, die aus der Vertrautheit des Materials eine persönliche Aufgabe macht. Gerade deshalb lohnt es sich, bei dieser Ausgabe genau auf die Katalognummer zu achten: Sie verbindet das richtige Album mit der tatsächlich beschriebenen Pressung.
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Shelby LynnePorträtvorlage: 2008Gesang, Akustikgitarre, E-Gitarre, BegleitgesangMitwirkung: Albumcredits · Titelzuordnung nicht belegt
- Dean ParksAkustikgitarre, E-GitarreMitwirkung: Albumcredits · Titelzuordnung nicht belegt
- Rob MathesKeyboardsMitwirkung: Albumcredits · Titelzuordnung nicht belegt
- Kevin AxtE-Bass, KontrabassMitwirkung: Albumcredits · Titelzuordnung nicht belegt
- Gregg FieldFrüheres Porträt: 1982SchlagzeugMitwirkung: Albumcredits · Titelzuordnung nicht belegt
- Curt BisqueraSchlagzeugMitwirkung: Albumcredits · Titelzuordnung nicht belegt
Produktion Phil Ramone; Ton und Abmischung Al Schmitt, Assistenz Steve Genewick; Produktionskoordination Jill Dell’Abate; Mastering des Originalalbums und Schnitt dieser LP: Doug Sax; Galvanik Gary Salstrom; Fotografie Randee St. Nicholas, Gestaltung Karen Naff.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael hebt die exakt mittig stehende Stimme von Shelby Lynne hervor. Er nutzt Just a Little Lovin’ deshalb zum Ausrichten der Lautsprecher und erklärt ausdrücklich, dass diese räumliche Eigenschaft sowohl auf der 33⅓- als auch auf der 45-RPM-Ausgabe vorhanden ist.









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