A World Of Piano!: ein Pianist, zwei Trios
Ein Plattenseitenwechsel kann mehr sein als eine kurze Unterbrechung. Auf A World Of Piano! wechselt mit der Seite die gesamte Rhythmusgruppe: Zuerst begleiten Paul Chambers und Philly Joe Jones, danach Sam Jones und Louis Hayes. Phineas Newborn Jr. bleibt am Klavier. Diese einfache, ungewöhnlich klar dokumentierte Anlage macht das Album zu einer Einladung, einen Pianisten im Gespräch mit zwei unterschiedlichen Partnerpaaren kennenzulernen. Acht Stücke, zwei Aufnahmetage und fünf Musiker ergeben dabei keine lose Sammlung von Gastauftritten, sondern eine Platte, deren zwei Hälften jeweils eine eigene Besetzung besitzen.
Die erste Session fand am 16. Oktober 1961, die zweite am 21. November 1961 bei Contemporary Records in Los Angeles statt. Veröffentlicht wurde das Album im Juni 1962. Zwischen Aufnahme und Veröffentlichung liegt also ein Jahreswechsel, zwischen den beiden Plattenseiten dagegen ein Wechsel der musikalischen Gesprächspartner. Wer den Titel A World Of Piano! liest, darf zunächst an die Möglichkeiten des Instruments denken. Die Besetzung erweitert diesen Gedanken: Zur Welt des Klaviers gehören auch diejenigen, die seine Linien auffangen, rhythmisch beantworten und harmonisch weiterführen. Gerade deshalb stehen die vier Begleiter hier nicht nur im Kleingedruckten.
Newborns technische Fähigkeiten gehören zum historischen Ruf dieser Aufnahme. Leonard Feather, der den Hülltext schrieb, äußerte sich damals mit außergewöhnlichem Nachdruck über den Pianisten. Solche zeitgenössische Begeisterung erklärt etwas von der Erwartung, die das Album begleitete; sie muss aber nicht zur Vorgabe für das eigene Hören werden. Interessanter ist, wie breit das gewählte Material gefächert ist. Es reicht von Charlie Parker und Dizzy Gillespie über Billy Strayhorn und Clifford Brown bis zu Sonny Rollins und Horace Silver. Das Klavier steht damit zwischen unterschiedlichen kompositorischen Stimmen, statt sich ausschließlich an einer einzigen Tradition abzuarbeiten.

Von Cheryl bis Cabu: acht Stücke mit eigener Herkunft
Seite A beginnt mit Charlie Parkers Cheryl. Es folgen Manteca, geschrieben von Dizzy Gillespie, Chano Pozo und Gil Fuller, Billy Strayhorns Lush Life und Clifford Browns Dahoud. Schon diese vier Namen geben der ersten Hälfte einen bemerkenswerten Rahmen. Ein Repertoire, das mit Bläsern ebenso verbunden ist wie mit dem Klavier, wird zum Material eines Trios. Die Melodien sind nicht an ihre ursprüngliche Instrumentierung gebunden. Auf dem Klavier lassen sich melodische Linie, Akkord und rhythmische Bewegung in einem Instrument zusammenführen; Bass und Schlagzeug bleiben dennoch eigenständige Stimmen und keine bloße Verdoppelung seiner Aufgaben.
Mit Lush Life steht in dieser ersten Folge ein Stück, dessen Titel in vielen Sammlungen als Gesangsstandard begegnet. Hier ist es Teil eines instrumentalen Programms. Das verschiebt die Aufmerksamkeit: Ein Text legt nicht mehr fest, welcher Gedanke gerade ausgesprochen wird. Man kann stattdessen verfolgen, wie sich eine Melodie gliedert und wie viel Gewicht einzelne Übergänge erhalten. Daneben erinnert Manteca an eine andere rhythmische Herkunft. Diese Unterschiede im Material sind ein guter Ausgangspunkt, ohne jeder Passage eine vorgefertigte Stimmung zuzuweisen. Das Album bietet genügend Anhaltspunkte, um beim Hören eigene Verbindungen zwischen den Stücken zu entdecken.
Seite B eröffnet Sonny Rollins’ Oleo, gefolgt von Horace Silvers Juicy Lucy, Leroy Vinnegars For Carl und Roland Alexanders Cabu. Die zweite Hälfte besitzt damit ebenfalls vier klar zugeordnete Kompositionen. Besonders schön ist die Verbindung über Vinnegar: Der Bassist ist hier als Komponist vertreten, während sein eigenes Album Leroy Walks! eine andere Perspektive auf dieselbe Contemporary-Welt eröffnet. Er spielt auf A World Of Piano! jedoch nicht mit. Diese Unterscheidung zwischen Urheber und Interpret gehört zur Geschichte der Platte, denn gerade Jazzrepertoire lebt davon, dass Stücke durch die Hände anderer Musiker weiterwandern.

Chambers und Jones, Jones und Hayes: die Partner der beiden Seiten
Auf den ersten vier Titeln spielt Paul Chambers Kontrabass, Philly Joe Jones Schlagzeug. Auf den letzten vier übernehmen Sam Jones und Louis Hayes dieselben Instrumente. Die wiederkehrenden Nachnamen können leicht verwirren; die seitengenaue Zuordnung macht die Sache eindeutig. Keiner der beiden Schlagzeuger wird pauschal dem gesamten Album zugeschrieben, und auch die Bassisten wechseln nicht innerhalb einer hier belegten Session. Newborn ist der einzige Musiker, der auf allen acht Titeln vertreten ist. Beim Umdrehen der Platte bleibt also der Mittelpunkt erhalten, während sich sein unmittelbares musikalisches Umfeld verändert.
Für ein vergleichendes Hören ist das eine reizvolle Ausgangslage. Man muss nicht nach einem Sieger zwischen zwei Rhythmusgruppen suchen. Stattdessen lässt sich beobachten, wie Klavier, Bass und Schlagzeug ihre Aufgaben aufteilen: Wo gibt der Bass Orientierung, wo tritt eine Schlagzeugfigur in den Vordergrund, und wie verhalten sich die Klavierphrasen dazu? Die unterschiedlichen Kompositionen und Aufnahmetage gehören zu diesem Vergleich dazu. Es wäre zu einfach, jede wahrgenommene Veränderung ausschließlich einer Person zuzuschreiben. Gerade diese Mischung aus fester Besetzungsinformation und offenem musikalischem Erlebnis macht die Platte bei wiederholtem Auflegen interessant.
Produziert wurde das Album von Lester Koenig. Für die Aufnahme sind Roy DuNann und Howard Holzer dokumentiert; eine belastbare Verteilung ihrer Arbeit auf einzelne Titel liegt hier nicht vor. Contemporary nutzte einen Versandraum auch als Aufnahmeraum. Dieser praktische Hintergrund gehört zur Geschichte des Labels, das mit vergleichsweise überschaubaren Mitteln bedeutende Jazzaufnahmen hervorgebracht hat. Die Illustration greift diese Verbindung von Plattenversand und Musik symbolisch auf. Sie ist keine historische Fotografie und keine Rekonstruktion der konkreten Anordnung an einem der beiden Aufnahmetage. Das musikalische Ereignis selbst bleibt durch die Aufnahme und ihre Credits belegt.
Die Contemporary-Ausgabe: analoges Mastering, ein zusammenhängendes Album
Diese Fassung gehört zur Contemporary Records Acoustic Sounds Series von Craft Recordings. Sie enthält eine 180-Gramm-LP mit 33⅓ Umdrehungen in Stereo. Bernie Grundman übernahm das ausdrücklich rein analoge Mastering von den Originalbändern; gepresst wurde bei Quality Record Pressings. Das Tip-on-Cover stammt von Stoughton Printing. Die Wiederveröffentlichung erschien am 15. Dezember 2023 und trägt die Katalognummer CR00606; im Shop ist sie unter ACONC 606 zugeordnet. Diese Angaben beschreiben die konkrete Neuauflage, nicht die Herstellung der ursprünglichen Veröffentlichung von 1962.
Die einzelne LP bewahrt die übersichtliche Form des Albums: vier Stücke mit der ersten Besetzung, dann vier mit der zweiten. Die Tracklist folgt dieser Ausgabe auch bei den Laufzeiten und bei der Schreibweise Dahoud. Solche Details helfen beim Zuordnen, wenn unterschiedliche Veröffentlichungen leicht abweichende Angaben zeigen. Das Gewicht der Platte ist eine Herstellungsangabe, kein alleiniger Maßstab für Klangqualität. Für diese Ausgabe sind vor allem die nachvollziehbare Bandquelle, das benannte Mastering und die präzise Zuordnung zur Contemporary-Reihe relevant. Wie sie sich in der eigenen Anlage und Sammlung einordnet, entscheidet das persönliche Hören.
Wer A World Of Piano! auf Vinyl kaufen möchte, findet hier eine klar dokumentierte Ausgabe für die Beschäftigung mit Newborn und seinen vier Partnern. Sie lässt sich als eigenständiges Klavieralbum entdecken und zugleich mit anderen Contemporary-Aufnahmen verbinden, auf denen diese Musiker in wechselnden Rollen auftreten. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden. Maßgeblich für eine Bestellung bleiben die aktuelle Verfügbarkeit und Lieferzeit am Kaufbereich. Die Beschreibung dieser Wiederveröffentlichung ist keine Zusage, dass sie gerade auf Lager ist.
Serie: Contemporary – alle 24 Platten: sonniger Jazz aus Los Angeles
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Phineas Newborn Jr.KlavierMitwirkung: Alle Titel
- Paul ChambersPorträtvorlage: 1958KontrabassMitwirkung: A1–A4 · Seite A
- Sam JonesKontrabassMitwirkung: B1–B4 · Seite B
- Philly Joe JonesPorträtvorlage: 1962SchlagzeugMitwirkung: A1–A4 · Seite A
- Louis HayesSchlagzeugMitwirkung: B1–B4 · Seite B
Produktion Lester Koenig; Ton Roy DuNann und Howard Holzer; Hülltext Leonard Feather; Covergestaltung Robert Guidi, Coverfoto von Newborn William Claxton; Mastering und Lackschnitt Bernie Grundman (2023).











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