Sechs Stücke aus einer kompositorischen Hand
The Blues And The Abstract Truth verbindet die Vertrautheit des Blues mit Oliver Nelsons Arbeit als Komponist und Arrangeur. Alle sechs Stücke stammen von ihm, ebenso ihre Arrangements. Die Aufnahme entstand am 23. Februar 1961 im Van Gelder Studio in Englewood Cliffs und erschien im selben Jahr bei Impulse!. Wer The Blues And The Abstract Truth auf Vinyl kaufen möchte, findet hier die Acoustic-Sounds-Series-Ausgabe als einzelne Stereo-LP mit 180 Gramm und 33⅓ RPM. Es ist ein geschlossenes Album mit einer ungewöhnlich reich besetzten kleinen Gruppe.
Nelson spielt Tenor- und Altsaxofon. Eric Dolphy ist an Altsaxofon und Flöte beteiligt, Freddie Hubbard an der Trompete und George Barrow am Baritonsaxofon. Bill Evans, Paul Chambers und Roy Haynes bilden die Besetzung an Klavier, Kontrabass und Schlagzeug. Sieben Musiker stehen damit hinter dem Album. Die Instrumentenliste beschreibt ihren dokumentierten Umfang, nicht die Behauptung, dass jedes genannte Instrument in jedem Stück gleichzeitig zu hören sei. Gerade ein Arrangeur kann aus einer vorhandenen Gruppe unterschiedliche Kombinationen gewinnen.
Diese Besetzung erklärt bereits, warum der Titel mehr als ein abstraktes Versprechen ist. Trompete und mehrere Saxofonlagen eröffnen andere Möglichkeiten als eine einzige Melodiestimme mit Trio. Dazu kommt Dolphys Flöte als zusätzliche Farbe. Nelson verfügt über ein kleines Ensemble, in dem individuelle Solisten und geschriebene Stimmen aufeinandertreffen. Die Musiker können innerhalb einer gemeinsamen Form hervortreten und anschließend wieder Teil eines Satzes werden. Komposition und Improvisation müssen dafür keine getrennten Welten bilden.
Für den Zugang braucht man dennoch keine Partitur. Ein wiederkehrendes Thema, eine veränderte Instrumentenkombination oder der Übergang zu einem Solo lässt sich auch unmittelbar verfolgen. Die vertraute Idee des Blues ist dabei ein Ausgangspunkt für unterschiedliche Stücke, nicht die Verpflichtung zu sechs identischen Abläufen. Nelsons Album lädt dazu ein, Gemeinsamkeiten wahrzunehmen und zugleich darauf zu achten, wie verschieden ein Programm aus derselben kompositorischen Hand gestaltet sein kann.

Stolen Moments und die Architektur der ersten Seite
Stolen Moments eröffnet die Platte und ist mit knapp neun Minuten ihr längster Titel. Die Komposition ist eng mit diesem Album verbunden und bietet einen besonders klaren Einstieg in Nelsons Verbindung von Ensemble und Solisten. Schon ihre Stellung am Anfang ist wichtig: Ein ausgedehntes Stück legt den Maßstab fest, bevor zwei kürzere folgen. Die erste Seite muss ihre Wirkung nicht aus möglichst vielen Titeln gewinnen. Sie kann einer einzelnen musikalischen Idee Zeit geben und anschließend andere Proportionen dagegenstellen.
Bei einer solchen Besetzung lohnt es sich, zwischen der geschriebenen Melodie und den individuellen Beiträgen zu unterscheiden. Die Gemeinsamkeit der Bläser ist eine andere Art musikalischer Aussage als das Hervortreten eines Einzelnen. Hubbard, Dolphy und Nelson bringen jeweils eine eigene instrumentale Perspektive ein; Evans, Chambers und Haynes erweitern den Blick über den Bläsersatz hinaus. Man kann der melodischen Oberfläche folgen oder bei einem weiteren Durchgang bewusst auf das Verhältnis von Gruppenklang und einzelner Linie achten.
Hoe-Down schließt sich als zweites Stück an. Der Titel setzt schon sprachlich einen anderen Akzent als Stolen Moments. Danach folgt Cascades, bevor die erste Seite endet. Drei eigenständig benannte Kompositionen stehen nebeneinander, alle von Nelson, aber keineswegs nur als austauschbare Varianten eines Albumkonzepts. Gerade die Abfolge macht neugierig: Was bleibt zwischen den Stücken verbindlich, und welche Aufgaben bekommen die Musiker jeweils neu? Diese Fragen lassen sich beim Hören verfolgen, ohne aus der Musik eine theoretische Prüfung zu machen.
Ein Arrangeur arbeitet auch mit Gewichtungen. Ein tieferes Blasinstrument kann einen Satz tragen, ohne zum auffälligsten Solisten zu werden; eine Flöte kann eine andere Kontur anbieten als ein Saxofon. George Barrows Bariton gehört deshalb ebenso zur Identität des Albums wie die bekannteren Namen in der Liste. Eine Sammlung, die nur auf die Solisten schaut, würde einen Teil von Nelsons Arbeit übersehen. Die Musikerübersicht hält auch solche Beiträge fest und macht die Gruppe als Ensemble nachvollziehbar.

Die Rückseite und Nelsons Wechsel zum Altsaxofon
Yearnin’ eröffnet Seite B, gefolgt von Butch And Butch und Teenie’s Blues. Die drei Titel setzen das ausschließlich von Nelson komponierte Programm fort. Es gibt keinen eingefügten Standard, der die zweite Hälfte auf vertrautes fremdes Material umlenkt. Stattdessen bleibt die Aufmerksamkeit bei den Möglichkeiten, die Nelson innerhalb seiner eigenen Stücke und derselben Session entwickelt. Das gibt dem Album einen Zusammenhang, der über einen gemeinsamen Aufnahmeort oder eine zufällig zusammengekommene Besetzung hinausgeht.
Teenie’s Blues bringt einen ausdrücklich dokumentierten Instrumentenwechsel: Nelson spielt hier Altsaxofon. Die ergänzende Enzyklopädie nennt diese Zuordnung, während die Credits der Ausgabe Alt und Tenor ohne denselben Einzeltrackbezug aufführen. Für die Orientierung ist das ein hilfreiches Detail. Ein Musikername steht nicht immer für nur eine Klangfarbe auf einem Album. Zugleich sollte aus dem Wechsel keine ungesicherte vollständige Instrumententabelle für alle übrigen Titel abgeleitet werden. Die belegte Information ist konkret genug, um einen neuen Höransatz zu eröffnen.
Bill Evans am Klavier ist ein weiterer Anknüpfungspunkt. Wer ihn vor allem über seine Trioalben kennt, begegnet ihm hier innerhalb von Nelsons größerer Besetzung. Paul Chambers und Roy Haynes vervollständigen den rhythmischen Teil der Gruppe. Ihre Namen verbinden dieses Album mit vielen weiteren Aufnahmen, aber die Aufgabe ist hier eine eigene: Sie arbeiten innerhalb eines von Nelson geschriebenen und arrangierten Programms. Die bekannten Musiker werden dadurch weder zu bloßen Gästen noch zu einer Ansammlung berühmter Namen ohne gemeinsame Idee.
Nelson schrieb außerdem den Hülltext. Der Komponist erläutert damit sein eigenes Album auch außerhalb der gespielten Musik. Creed Taylor verantwortete die Produktion, Rudy Van Gelder die Aufnahme. Diese Rollen ergänzen die Geschichte, gehören jedoch nicht als zusätzliche Musiker in die Besetzung. Das Album lässt sich als sorgfältig gestaltete Veröffentlichung betrachten, bei der Repertoire, Instrumentierung und begleitende Erläuterung eng mit einer zentralen musikalischen Persönlichkeit verbunden sind.
Die Impulse!-Aufnahme in der Acoustic Sounds Series
Die angebotene Neuauflage trägt die Katalognummer AIMP 42801. Sie erschien 2021 innerhalb der Verve/UMe Acoustic Sounds Series und enthält die sechs Stücke auf einer Stereo-LP mit 180 Gramm. Ryan K. Smith übernahm das Mastering bei Sterling Sound von den originalen Analogbändern. Quality Record Pressings presste die Platte, Stoughton Printing fertigte das Klappcover im Tip-on-Stil. Die Drehzahl beträgt 33⅓ Umdrehungen pro Minute. Damit ist die Ausgabe von anderen Formaten und Wiederveröffentlichungen desselben Albums klar zu unterscheiden.
Drei Titel pro Seite erhalten einen einfachen, gut nachvollziehbaren Ablauf. Auf Stolen Moments, Hoe-Down und Cascades folgt die zweite Gruppe mit Yearnin’, Butch And Butch und Teenie’s Blues. Die Tracklist unten nennt die für diese Ausgabe dokumentierten Laufzeiten. Kleine Abweichungen gegenüber anderen Veröffentlichungen sind kein Anlass, deren Zeiten oder Bonusprogramme hier einzusetzen. Entscheidend ist, welche sechs Aufnahmen und welche Konfiguration die angebotene LP tatsächlich enthält.
The Blues And The Abstract Truth kann über sehr verschiedene Interessen in eine Sammlung finden. Ein Hörer kommt wegen Dolphy, ein anderer wegen Evans oder Hubbard, ein dritter wegen Nelsons Kompositionen. Die Platte bietet allen einen Einstieg, ohne sich in Einzelbeiträge aufzulösen. Wer zunächst einem bestimmten Solisten folgt, kann beim nächsten Mal auf die Stimmen im Ensemble achten. Gerade diese Möglichkeit, zwischen persönlichem Ausdruck und gemeinsamer Anordnung zu wechseln, macht das Album als vollständige Seite interessant.
Für Liebhaber überschaubarer Jazzbesetzungen mit mehr instrumentalen Farben als ein gewöhnliches Quartett ist das eine reizvolle Konstellation. Sieben Musiker, sechs Kompositionen, ein Aufnahmetag und ein Arrangeur ergeben einen klaren Rahmen. Innerhalb dieses Rahmens bleibt genug Verschiedenheit, um nicht alles auf den bekanntesten Titel zu reduzieren. Die Platte beginnt mit Stolen Moments, aber ihr Zusammenhang reicht bis zum letzten Stück.
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Künstlerseite: Alle Titel mit Bill Evans
Serie: Impulse! – alle 19 Platten: das Haus, das Trane baute
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Oliver NelsonPorträtvorlage: 1961Tenor-/Altsaxofon; Komposition, ArrangementMitwirkung: Alt auf B3; Komposition/Arrangement alle Titel
- Eric DolphyPorträtvorlage: 1960Altsaxofon, FlöteMitwirkung: Album-Besetzung; Einzelumfang nicht ausgewiesen
- Freddie HubbardPorträtvorlage: 1962TrompeteMitwirkung: Album-Besetzung; Einzelumfang nicht ausgewiesen
- George BarrowBaritonsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung; Einzelumfang nicht ausgewiesen
- Bill EvansPorträtvorlage: 1964KlavierMitwirkung: Album-Besetzung; Einzelumfang nicht ausgewiesen
- Paul ChambersPorträtvorlage: 1958KontrabassMitwirkung: Album-Besetzung; Einzelumfang nicht ausgewiesen
- Roy HaynesVorhandenes Porträt; keine SessionabbildungSchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung; Einzelumfang nicht ausgewiesen
Sieben Musiker nach Albumcredits; keine pauschale Mitwirkung jedes Instruments auf jedem Titel behauptet. Oliver Nelson: Komposition und Arrangement aller sechs Titel; Alt auf Teenie’s Blues nach ergänzender Enzyklopädie. Creed Taylor: Produktion; Rudy Van Gelder: Aufnahme. Ryan K. Smith / Sterling Sound: Mastering vom originalen Analogband; QRP: Pressung; Stoughton: Cover.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael lobt diese Acoustic-Sounds-Ausgabe und die ruhige, plane Pressung seines Exemplars. Im direkten Vergleich gefällt ihm seine ältere Analogue-Productions-Ausgabe mit 45 RPM klanglich noch etwas besser. Die neue Ausgabe empfiehlt er dennoch ausdrücklich; einen großen Abstand behauptet er bei diesem Album nicht.
🎧 Review video: Shootout: Acoustic Sound: Sonny Rollins: On Impulse, Oliver Nelson: The Blues and The Abstract Truth
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