Eine erste LP mit fünf Jahren Vorgeschichte
I'm Jimmy Reed erschien 1958, doch seine Geschichte beginnt deutlich früher. Die zwölf Titel versammeln Singleseiten aus den Jahren 1953 bis 1958. Damit zeigt Reeds erste LP die Entwicklung eines Musikers über mehrere Aufnahmephasen hinweg. Das Album hat eine eigene Folge und einen eigenen Namen, seine Bausteine stammen jedoch aus der Welt der kurzen Schallplatte. Jede Seite einer Single musste für sich bestehen können. Diese Herkunft hilft, das Programm zu verstehen: zwölf konzentrierte Stücke, in denen Stimme, Gitarre und Mundharmonika schnell eine Beziehung zum Hörer herstellen müssen, während die Begleiter den jeweiligen Rahmen prägen.
Herausgebracht wurde die Platte von Vee-Jay, einem Label, dessen frühe Geschichte eng mit Reed verbunden ist. „Roll & Rhumba“ war bereits 1953 die Rückseite seiner ersten Vee-Jay-Single. Fünf Jahre später stand dieses Instrumental neben neueren Aufnahmen wie „Go On To School“ und „You Got Me Crying“. Das Album ist dadurch gleichzeitig Debüt und Rückblick. Es fasst einen bereits gewachsenen Katalog zusammen und macht aus einzelnen Veröffentlichungen ein Künstlerporträt. Wer bei einem Debütalbum an eine einzige erste Studiositzung denkt, entdeckt hier eine andere Entstehungsgeschichte: Viele kurze Schritte wurden nachträglich zu einer langen Platte verbunden.

Eddie Taylor und die wechselnden Begleiter
Ein wesentlicher Name neben Reed ist Eddie Taylor. Der Gitarrist hatte ihm bereits in Mississippi beim Erlernen des Instruments geholfen und wurde zu seinem wichtigsten Begleiter. Auf diesem Album ist Taylor bei fast allen Titeln beteiligt. Die Besetzung bleibt dennoch nicht über die gesamte LP gleich. Earl Phillips spielt auf zahlreichen späteren Aufnahmen Schlagzeug; auf „Ain't That Lovin' You Baby“ und „Can't Stand To See You Go“ übernimmt Vernell Fournier diese Aufgabe. Fournier wurde später besonders durch seine Arbeit im Trio von Ahmad Jamal bekannt. Die Verbindungen zwischen Blues und Jazz verlaufen hier unmittelbar durch die Musikerlisten.
Eine weitere Überraschung verbirgt sich hinter „Boogie In The Dark“ und „You Don't Have To Go“: Hier sitzt Albert King am Schlagzeug. Der Musiker, dessen Name später so eng mit seiner Gitarre verbunden wurde, arbeitete damals auch als Drummer in Reeds Umfeld. Bei einzelnen Stücken kommen außerdem Gitarristen wie Remo Biondi oder John Brim hinzu. Diese Unterschiede sind ein guter Grund, die Platte mit Blick auf ihre einzelnen Sitzungen zu hören. Der wiedererkennbare Künstler im Vordergrund trifft auf wechselnde Partner. Die Musikerliste unter der Geschichte ordnet die belegten Mitwirkenden deshalb den jeweiligen Titeln zu, statt eine einzige durchgehende Band vorzustellen.

Kleine Formen mit langem Nachleben
„Honest I Do“, „Little Rain“ und „You Got Me Dizzy“ gehören zu den Stücken, die dieses Album besonders zugänglich machen. Die Form bleibt überschaubar, und gerade deshalb lohnt sich Aufmerksamkeit für die kleineren Entscheidungen: den Einsatz der Mundharmonika, eine Gitarrenantwort oder den Moment, an dem die nächste Gesangsphrase beginnt. Die beiden Instrumentaltitel „Boogie In The Dark“ und „Roll & Rhumba“ verändern den Blickwinkel. Hier fällt die Stimme als Orientierung weg, und die Beziehung zwischen Rhythmus und instrumentaler Aussage tritt nach vorn. Innerhalb derselben LP entstehen so verschiedene Wege, Reeds musikalische Sprache kennenzulernen.
Wie weit diese Sprache reichte, zeigt das Repertoire der Rolling Stones. „Honest I Do“ erschien 1964 auf ihrem ersten Album; viele Jahrzehnte später nahmen sie „Little Rain“ für Blue & Lonesome auf. Die Verbindung lässt sich also über einen sehr langen Zeitraum verfolgen. I'm Jimmy Reed bietet die Möglichkeit, zu den Aufnahmen zurückzukehren, auf denen solche späteren Begegnungen beruhen. Die Stücke stehen hier in ihrem ursprünglichen Albumzusammenhang, zwischen anderen Singleseiten derselben Jahre. So wird aus einem bekannten Song wieder ein Teil von Reeds eigenem Katalog, mit seinen Mitmusikern, seinen Instrumentalstücken und der Entwicklung einer unverwechselbaren musikalischen Handschrift.
Die Neuauflage in der Bluesville-Reihe
Die vorliegende Craft-Ausgabe gehört zur Bluesville Acoustic Sounds Series. Sie präsentiert das zwölfteilige Album auf einer 180-Gramm-LP mit 33⅓ Umdrehungen. Matthew Lutthans übernahm Mastering und Lackschnitt bei The Mastering Lab. Craft nennt originale Masterbänder als Ausgangsmaterial. Der Bezug dieser Arbeit ist das Album mit seinen historischen Aufnahmen aus mehreren Jahren. Die Neuauflage behält dessen Programm bei und macht daraus keine um weitere Singles oder spätere Einspielungen ergänzte Sammlung. Die Reihenfolge bleibt der rote Faden zwischen Aufnahmen mit unterschiedlichen Entstehungsdaten.
Die Pressung entsteht bei Quality Record Pressings. Stoughton Printing liefert die Tip-on-Hülle; ein blauer Obi enthält einen Begleittext von Scott Billington. Diese Ausstattung verbindet die Ausgabe mit den übrigen Bluesville-Titeln und gibt dem Album einen klaren Platz innerhalb der Reihe. Für die Sammlung ist I'm Jimmy Reed besonders als frühes, zusammenhängendes Porträt interessant: Es versammelt den Sänger, Mundharmonikaspieler und Gitarristen in einem Programm, das vor der LP bereits ein Leben auf Singles geführt hatte. Die lange Platte macht es möglich, diese einzelnen Begegnungen als Verlauf zu hören und hinter dem bekannten Namen auch seine wechselnden Partner wahrzunehmen.
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Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
| Name | Instrument / Rolle | Mitwirkung |
|---|---|---|
| Jimmy Reed | Gesang, Mundharmonika, Gitarre | Album-Besetzung |
| Eddie Taylor | Gitarre | A1, A2, A3, A4, A5, A6, B1, B2, B3, B5, B6 |
| Earl Phillips | Schlagzeug | A1, A2, A3, A5, B1, B2, B5 |
| Vernell Fournier | Schlagzeug | A6, B3 |
| Albert King | Schlagzeug | A4, B6 |
| Remo Biondi | Gitarre | A2, A5, B5 |
| John Brim | Gitarre | B4 |
Album aus mehreren Sessions. A4 und B4 sind Instrumentalstücke; Reed spielt auf B4 Mundharmonika. Unsichere zusätzliche Mitwirkende sind nicht als bestätigt aufgeführt.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Im direkten musikalischen Kontrast zu Harlem Street Singer empfindet Michael diese Bluesville-Ausgabe als sanfter, entspannter und gefühlvoller. Zugleich zieht ihn ihr Bluesrhythmus unmittelbar in die Musik. Er beschreibt damit den Charakter seines Hörerlebnisses, nicht einen klanglichen Vergleich verschiedener Pressungen desselben Albums.
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