Eine große Stimme im kleinen Rahmen
Ella Fitzgerald und ein Klavier: Mehr braucht dieses Album nicht, um dreizehn Songs in einen gemeinsamen Raum zu stellen. Auf Let No Man Write My Epitaph begleitet Paul Smith eine Sängerin, deren Name oft mit großen Orchestern, den Songbooks und einer überwältigenden Beweglichkeit verbunden wird. Hier ist die Besetzung bewusst kleiner. Ohne Bläsersätze, Streicher oder Schlagzeug richtet sich die Aufmerksamkeit auf die Verbindung zwischen einer gesungenen Linie und ihrer Antwort am Klavier. Das macht die Platte zu einem besonderen Teil von Fitzgeralds Verve-Aufnahmen.
Der lange Originaltitel, Ella Fitzgerald Sings Songs from the Soundtrack of “Let No Man Write My Epitaph”, verweist auf einen Film. Fitzgerald spielte in dem 1960 erschienenen Drama die Sängerin Flora und trat darin auch musikalisch auf. Das Album führt jedoch ein eigenständiges Leben. Wer den Film nicht kennt, braucht keine Handlung nachzulesen, um in Black Coffee, Angel Eyes oder Misty hineinzufinden. Die Songs bringen ihre eigenen Situationen und Gefühlslagen mit; Fitzgerald und Smith geben ihnen einen Rahmen, der ohne die Bilder des Kinos trägt.
Gerade für Hörer, die Ella zunächst über ihre berühmten großen Projekte kennengelernt haben, ist diese Reduktion reizvoll. Der Abstand zwischen Sängerin und Begleiter wird zum musikalischen Ereignis: ein Einsatz nach einem Klavierakkord, eine gehaltene Note, ein Moment, in dem das Klavier weiterführt, was die Stimme begonnen hat. Es geht dabei nicht um eine vermeintlich „wahre“ Ella hinter den anderen Aufnahmen. Vielmehr zeigt das Duo eine weitere Möglichkeit ihres Ausdrucks, konzentriert auf das Verhältnis von Melodie, Sprache und Begleitung.

Paul Smith und die Aufnahmen von 1960
Die Aufnahmen entstanden im April 1960 in Hollywood unter der Produktion von Norman Granz. Fitzgerald singt, Paul Smith spielt Klavier; weitere Musiker gehören nicht zur Besetzung dieses Albums. Diese Klarheit verdient Aufmerksamkeit, denn der zurückhaltende Umfang der Credits steht in einem reizvollen Verhältnis zu der musikalischen Verantwortung der beiden Beteiligten. Smith muss Harmonie, Bewegung und Übergänge gestalten, ohne sich auf eine Rhythmusgruppe stützen zu können. Fitzgerald wiederum kann auf jede Veränderung unmittelbar reagieren.
Das Duoformat bedeutet deshalb nicht, dass das Klavier bloß eine verkleinerte Orchesterbegleitung liefert. Es lässt sich als eigenständiger Partner verfolgen. Wo unterstützt Smith den Verlauf einer Melodie? Wo setzt er eine kurze Antwort, wo gibt er der Stimme mehr Zeit? Solche Fragen bieten einen Zugang, ohne dass man Harmonielehre studiert haben muss. Bei einer kleinen Besetzung lassen sich musikalische Entscheidungen besonders gut einer Person zuordnen, während ihre Wirkung gerade aus dem Zusammenwirken entsteht.
Die Titelauswahl spannt einen Bogen durch das amerikanische Songrepertoire. I Can’t Give You Anything But Love, My Melancholy Baby und I’m Getting Sentimental Over You begegnen Liedern wie Black Coffee und One for My Baby (And One More for the Road). Das Album wird durch diese Vielfalt nicht beliebig. Seine feste Besetzung schafft Zusammenhang, während die einzelnen Songs unterschiedliche Arten von Nähe, Erinnerung und Enttäuschung aufrufen. Smith und Fitzgerald müssen dafür weder ihre Rollen wechseln noch eine größere klangliche Kulisse aufbauen.

Dreizehn Songs zwischen Zurückhaltung und Ausdruck
Black Coffee eröffnet die erste Seite, gefolgt von Angel Eyes und I Cried for You. Schon diese Abfolge lädt dazu ein, nicht nur auf die Schönheit einer Stimme zu achten, sondern auf ihren Umgang mit dem jeweiligen Song. Wie verändert sich die Gewichtung einer Phrase? Wie viel Zeit erhält ein melodischer Gedanke? Fitzgeralds technische Möglichkeiten sind bekannt; in diesem Rahmen werden sie zum Mittel der Interpretation. Der Hörer kann verfolgen, wie ein Standard durch kleine Entscheidungen eine bestimmte Haltung bekommt.
Die zweite Seite beginnt mit Misty und September Song. Danach steht One for My Baby im Zentrum einer Folge, die über Who’s Sorry Now und I’m Getting Sentimental Over You zu Reach for Tomorrow führt. Die Reihenfolge gibt der Platte einen eigenen Verlauf. Es lohnt sich, sie einmal als vollständige Albumseite zu hören und einzelne Lieblingsstücke erst danach herauszugreifen. Gerade ein vertrauter Titel verändert seine Wirkung, wenn man ihn zwischen zwei anderen Liedern und in derselben Duo-Besetzung erlebt.
Dass diese Aufnahmen unterschiedlich beurteilt wurden, gehört zu ihrer Rezeptionsgeschichte. Die zeitgenössische DownBeat-Besprechung fiel zurückhaltender aus als mehrere spätere Würdigungen. Das ist kein Urteil, das man als Hörer übernehmen müsste. Es erinnert vielmehr daran, dass Zurücknahme und emotionale Wirkung nicht von jedem gleich wahrgenommen werden. Für eine Fitzgerald-Sammlung ist die Platte gerade deshalb interessant: Sie ergänzt das Bild der Sängerin um einen konzentrierten Abend mit Songs, bei dem sich hinter der kleinen Besetzung viel zu entdecken lässt.
Die 33⅓er-LP der Acoustic Sounds Series
Die hier angebotene Ausgabe gehört zur Verve Acoustic Sounds Series und trägt die Vertriebsnummer AVER 36901 beziehungsweise die Verve-Katalognummer B003736901. Es handelt sich um eine einzelne 180-Gramm-LP mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute. Sie bewahrt die Aufteilung in zwei Albumseiten mit sieben beziehungsweise sechs Songs. Die Drehzahl ist damit Teil der konkreten Ausgabe und ihres Hörablaufs: Die beiden längeren Seiten halten jeweils mehrere dieser kleinen musikalischen Dialoge zusammen.
Bernie Grundman verantwortet Mastering und Lackfolienschnitt. Der Herausgeber nennt die originalen analogen Bänder als Quelle; die dokumentierten Auslaufrillen tragen das Kürzel „BG“. Gepresst wird diese Ausgabe bei Quality Record Pressings. Stoughton Printing fertigt die aufklappbare Tip-on-Hülle. Das sind die Merkmale dieser Neuauflage, die 2023 erschien. Andere Fassungen desselben Albums, darunter eine separate 45-RPM-Ausgabe und eine Hybrid-SACD, haben eigene Spezifikationen und sollten bei der Auswahl nicht miteinander verwechselt werden.
Für Sammler verbindet diese LP das Duoalbum mit der Ausstattung der Verve-Reihe, ohne aus Gewicht, Drehzahl oder Namen am Schneidetisch ein pauschales Klangversprechen abzuleiten. Der musikalische Anlass bleibt denkbar unmittelbar: Ella Fitzgerald, Paul Smith und dreizehn Songs, die in dieser Besetzung Platz zum Atmen erhalten. Wer seine Sammlung um eine ruhigere, besonders aufmerksame Begegnung mit Fitzgerald erweitern möchte, findet hier einen eigenen Blick auf ihr Repertoire. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
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Serie: Verve – alle 34 Platten: Stimmen, Orgel und Bossa Nova
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Ella FitzgeraldGesangMitwirkung: Alle 13 Titel
- Paul SmithKlavierMitwirkung: Alle 13 Titel
Gesang und Instrumente sind den oben genannten Titeln zugeordnet.









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