Ein amerikanischer Name, eine Londoner Geschichte
An Americas Debüt fasziniert, wie selbstverständlich die Stimmen und Akustikgitarren zueinanderfinden. Die Songs lassen Raum zwischen ihren Elementen, ohne leer zu wirken. Ein Gitarrenmuster kann bereits eine Atmosphäre schaffen; wenn der mehrstimmige Gesang hinzukommt, öffnet sich die Musik, statt einfach lauter zu werden. Diese Verbindung macht das Album zugänglich, bewahrt aber genügend kleine Unterschiede, damit es nicht auf eine einzige Folk-Pop-Formel zusammenschrumpft.
Dewey Bunnell, Gerry Beckley und Dan Peek fanden in England zusammen. Ihr Debüt entstand 1971 in London, unter anderem bei Trident und Morgan. Ian Samwell produzierte, Jeff Dexter war als Executive Producer beteiligt; zu den Tontechnikern gehörte Ken Scott. Der Bandname und die oft weit wirkenden Songbilder sollten also nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese frühe Musik in einer britischen Studioumgebung Gestalt annahm.

Der berühmteste Song fehlte zuerst
Die Geschichte von „A Horse with No Name“ verändert den Blick auf die ganze LP. Auf der ersten Albumfassung war der Titel noch gar nicht enthalten. Er erschien zunächst als Single und wurde nach seinem Erfolg in die neu aufgelegte LP aufgenommen. Die hier angebotene Ausgabe enthält ihn – sie folgt damit der erweiterten Fassung, die für viele Hörer längst zum selbstverständlichen Album geworden ist.
Ursprünglich trug das Stück den Arbeitstitel „Desert Song“. Das passt zu seiner Bildwelt, doch musikalisch ist besonders interessant, wie wenige Mittel für seine Wirkung nötig sind. Die wiederkehrende Gitarrenbewegung und die Stimmen schaffen einen Zusammenhang, der ohne dauernde harmonische Überraschungen auskommt. Mit dem Wissen um die Veröffentlichungsgeschichte kann man das Album auch einmal anders hören: nicht als Sammlung rund um den größten Hit, sondern als eigenständiges Debüt, dem später ein weiterer Mittelpunkt hinzugefügt wurde.

Drei Autoren, mehr als eine Klangfarbe
Gerry Beckleys „I Need You“ zeigt eine andere Seite als Bunnells berühmte Single. Das Klavier und die direktere Songgestalt verschieben den Schwerpunkt. „Sandman“ bringt wiederum mehr Spannung in die Gitarrenmusik. Diese Unterschiede sind wichtig: America besteht von Beginn an aus drei musikalischen Persönlichkeiten, nicht aus einem Sänger mit austauschbarer Begleitung. Die Stimmen können sich verbinden, ohne dass die Songs dadurch identisch werden.
Auch die Instrumentierung reicht über das geläufige Bild dreier Akustikgitarristen hinaus. Sechs- und zwölfsaitige Gitarren, Klavier, elektrische Gitarre, Bass und Perkussion erweitern das Spektrum. David Lindley steuert Beiträge bei, darunter Steel-Gitarre auf „Rainy Day“. Solche Details müssen nicht in den Vordergrund rücken, um einen Song zu verändern. Oft ist gerade eine zusätzliche Farbe der Grund, warum eine Passage nach dem ersten Hören im Gedächtnis bleibt.
Die Leichtigkeit ist sorgfältig gebaut
Ian Samwell hatte lange vor diesen Sessions bereits Cliff Richards „Move It“ geschrieben. Mit Ken Scott war zudem ein Tonmann beteiligt, dessen Erfahrung weit über eine neue Folk-Rock-Band hinausreichte. Das junge Trio arbeitete also nicht im luftleeren Raum. Die Produktion unterstützt Songs und Stimmen, ohne die Aufmerksamkeit ständig auf ihre eigenen Mittel zu lenken.
Bei „Three Roses“ oder „Clarice“ lohnt es sich, die Gitarren nicht als geschlossenen Klangteppich wahrzunehmen. Einzelne Anschläge, wechselnde Register und die Verteilung der Stimmen geben dem Arrangement Bewegung. Genau darin liegt der Langzeitreiz dieser Platte: Sie empfängt den Hörer mit klaren Melodien, hält aber hinter ihrer zugänglichen Oberfläche genügend Struktur bereit. Man kann sich in ihren Songs verlieren und beim nächsten Durchlauf feststellen, wie bewusst diese scheinbar mühelose Welt zusammengesetzt ist.
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Beteiligte Musiker
Besetzung anhand der Albumquellen abgeglichen.
- Dewey BunnellLeadgesang, Akustikgitarre, Begleitgesang
- Gerry BeckleyLeadgesang, Akustikgitarre, E-Gitarre, Begleitgesang, Klavier, Bass
- Dan PeekLeadgesang, Akustikgitarre, E-Gitarre, Begleitgesang, Klavier, Bass
- Ray CooperPerkussion
- Dave AtwoodSchlagzeug
- Kim HaworthSchlagzeug
- David LindleyE-Gitarre, Gitarre
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Bei A Horse With No Name hört Michael gegenüber seiner deutschen Zweitpressung deutlich bessere Stimmen, Auflösung, Dynamik und Timing. Dadurch wirkt der Song auf ihn besonders hypnotisch. Auch eine frühe US-Pressung bleibt für ihn zurück. Die deutsche Erstpressung gefällt ihm unter den frühen Ausgaben am besten, enthält diesen Song aber nicht.
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