Wenn die Band den Refrain mit nach Hause nimmt
Bei „Domino“ genügt wenig, um die Richtung vorzugeben: ein federnder Rhythmus, kurze Bläsersätze und eine Stimme, die sich nicht brav auf den Takt setzt. Van Morrison zieht Silben auseinander, drängt nach vorn und lässt die Band antworten. „His Band and the Street Choir“ ist eine Platte für genau diese Wechselwirkungen. Sie hat Songs, die sofort zugänglich sind, und genug Eigenleben in den Arrangements, um weit über den ersten Refrain hinaus interessant zu bleiben.
1970 erschien sie im selben Jahr wie „Moondance“. Trotzdem ist sie keine bloße Verlängerung des Vorgängers. Der Schwerpunkt wandert stärker zu Rhythm and Blues, Soul und gemeinsamem Gesang. Die Besetzung bekommt Raum, die Musik von innen zu bewegen. Das passt zu einem Album, auf dem Morrison selbst produzierte: Die entscheidende Handschrift liegt nicht nur in den Kompositionen, sondern auch darin, wie die Musiker miteinander sprechen.

Von Woodstock nach New York
Die Vorarbeit begann mit Demos in einer kleinen Kirche in Woodstock; die eigentlichen Aufnahmen führten Morrison in die A&R Studios nach New York. Diese beiden Orte erzählen noch keine Klanggeschichte, markieren aber den Weg vom ersten Ausprobieren zur ausgearbeiteten Platte. Aus einer Idee muss ein Arrangement werden, das Sänger, Rhythmusgruppe und Bläser zusammenhält, ohne seine Beweglichkeit zu verlieren.
John Platanias Gitarren, John Klingbergs Bass und Dahaud Shaars Schlagzeug gehören zu diesem Gerüst. Alan Hand bringt Tasteninstrumente ein, Jack Schroer und Keith Johnson erweitern die Band um Bläserfarben. Schon diese Rollenverteilung lohnt beim Hören Aufmerksamkeit: Nicht jede Antwort auf Morrisons Stimme kommt von der Gitarre. Oft ist es ein kurzer Bläsereinsatz oder ein kleiner Akzent am Klavier, der einer Zeile die nächste Wendung gibt.

Mehr als die drei Singles
„Domino“, „Blue Money“ und „Call Me Up in Dreamland“ sind gute Einstiegspunkte, aber sie erklären nicht das ganze Album. „Crazy Face“ zeigt eine andere Seite der Besetzung: Morrison ist hier selbst am Tenorsaxofon beteiligt. Das Instrument ist also nicht bloß ein von außen hinzugefügtes Soul-Signal, sondern gehört auch zu seiner eigenen musikalischen Sprache.
Bei „If I Ever Needed Someone“ erweitern Judy Clay, Cissy Houston und Jackie Verdell die Gesangsstimmen. Solche Besetzungsdetails sind mehr als Kleingedrucktes. Sie machen verständlich, warum ein Refrain anders trägt, sobald mehrere individuelle Stimmen zusammenkommen. Der „Street Choir“ ist dabei kein abstrakter Albumtitel: Gemeinsamer Gesang wird zu einem wichtigen Teil des Ausdrucks.
Auf die Antworten hören
Eine schöne Art, dieser Platte näherzukommen, ist deshalb, für einen Durchgang nicht nur Morrison zu folgen. Was passiert unmittelbar nach einer Gesangsphrase? Wer nimmt den Impuls auf, wer lässt eine Lücke? Die Songs werden nicht komplizierter, wenn man so zuhört; sie werden lebendiger. Hinter ihrer scheinbaren Selbstverständlichkeit steckt ein Ensemble, das mit knappen Gesten viel erzählen kann. Genau dort liegt der Reiz dieses Albums zwischen präzisem Song und offener Bandbewegung.
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Beteiligte Musiker
Band, Street Choir und Gastsängerinnen; Besetzung je Titel unterschiedlich.
- Van MorrisonTenorsaxofon, Leadgesang, Mundharmonika, Gitarre
- Alan HandKlavier, Hammondorgel, Celesta
- Keith JohnsonTrompete, Orgel
- John KlingbergBass
- John PlataniaE- und Akustikgitarre, Mandoline
- Jack SchroerSopran-, Alt- und Baritonsaxofon, Klavier
- Dahaud ShaarBegleitgesang, Bassklarinette, Perkussion, Schlagzeug
- Judy ClayBegleitgesang auf „If I Ever Needed Someone“
- Jackie VerdellBegleitgesang auf „If I Ever Needed Someone“
- Larry GoldsmithChorgesang (The Street Choir)
- Janet PlanetChorgesang (The Street Choir)
- Andrew RobinsonChorgesang (The Street Choir)
- Ellen SchroerChorgesang (The Street Choir)
- Martha VelezChorgesang (The Street Choir)
- Cissy Houston (Emily Houston)Begleitgesang auf „If I Ever Needed Someone“
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Gegenüber den verglichenen deutschen und britischen Pressungen löst sich die Musik für Michael besser von den Lautsprechern. Er hört eine breite Bühne mit klar lokalisierbaren Musikern und besonders vielen Feinheiten in Van Morrisons Stimme und Phrasierung.
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