Der Vorhang öffnet sich für Steven
Eine Einladung kann ausgesprochen unheimlich sein. Auf Welcome To My Nightmare begrüßt Alice Cooper sein Publikum nicht einfach zum nächsten Rockalbum: Er führt es in eine Welt, deren Regeln sich mit jedem Stück verschieben. Verführerische Melodien stehen neben grellen Gitarren, eine vertraute Stimme wird zur Bedrohung, und hinter dem Spuk wartet die verletzliche Figur Steven. Das 1975 erschienene Album lebt von diesem Wechsel zwischen Unterhaltung und Verstörung. Seine Wirkung erschöpft sich deshalb keineswegs in den Requisiten des Shock Rock. Wer den elf Titeln in ihrer Reihenfolge folgt, entdeckt eine sorgfältig gebaute musikalische Dramaturgie.
Zugleich markiert die Platte einen wichtigen personellen Einschnitt. Der Name Alice Cooper hatte zunächst eine Band bezeichnet; Welcome To My Nightmare ist das erste Soloalbum ihres Sängers. Die vertraute Zusammenarbeit mit Produzent Bob Ezrin blieb bestehen, doch die Besetzung wurde neu zusammengestellt. In Nordamerika erschien das Album bei Atlantic, während international auch Anchor beteiligt war. Hinter der bekannten Kunstfigur entstand damit eine neue Arbeitsweise: Cooper konnte Songs, gesprochenes Theater, aufwendige Arrangements und wechselnde Studiomusiker zu einem zusammenhängenden Programm verbinden.
Besonders wichtig wurde Dick Wagner, der als Gitarrist und Mitautor an mehreren Schlüsselsongs beteiligt ist. Schon die Verbindung von Titelsong und Only Women Bleed zeigt, wie weit dieser gemeinsame Wortschatz reichte. Hier die zweideutige Einladung in einen Albtraum, dort eine ernste, verletzliche Ballade. Cooper brauchte für dieses Projekt Musiker, die beide Seiten glaubwürdig tragen konnten. Die neue Besetzung macht genau das möglich: Sie begleitet eine Rolle, ohne die menschlichen Regungen dahinter verschwinden zu lassen.

Bob Ezrin und die bewegliche Besetzung
Die Verbindung zu Lou Reeds musikalischem Umfeld ist ein Schlüssel zur Entstehung. Dick Wagner und Steve „Deacon“ Hunter hatten als Gitarrenduo bereits besondere Aufmerksamkeit gewonnen; auch Bassist Prakash John und Schlagzeuger Pentti „Whitey“ Glan gehörten zu diesem Kreis. Ihre Erfahrungen treffen hier auf Ezrins ausgeprägtes Gespür für Übergänge, Klangfarben und szenische Zuspitzung. Die Gitarren müssen nicht ständig im Vordergrund stehen. Gerade ihr Verhältnis zu Tasteninstrumenten, Gesang und gesprochenen Passagen gibt der Musik Beweglichkeit.
Dabei spielt nicht durchgehend dieselbe Rhythmusgruppe. Die Originalcredits nennen Tony Levin am Bass und Johnny „Bee“ Badanjek am Schlagzeug für Welcome To My Nightmare, The Black Widow und Escape. Auf anderen Stücken bilden John und Glan das Fundament. Jozef Chirowski steuert verschiedene Tasteninstrumente bei; Ezrin selbst wirkt ebenfalls an den Keyboards und mit Gesang mit. Wer die einzelnen Titel genauer betrachtet, begegnet daher keinem starren Bandporträt, sondern einem bewusst zusammengestellten Ensemble. Diese Unterschiede bleiben auch in der Musikerübersicht erhalten.
Aufgenommen wurde in Toronto und New York. Soundstage in Toronto gehört zu den zentralen Aufnahmeorten; die Credits führen außerdem Record Plant East, Electric Lady und A&R in New York auf. Zu den beteiligten Toningenieuren zählen Dave Palmer, Jim Frank, Corky Stasiak, Ed Sprigg, Rod O’Brien und Phil Ramone. Ezrin und Allan Macmillan stehen für die Arrangements. Diese vielen Beiträge erklären, wie aus einer Rockbesetzung eine größere Theaterwelt werden konnte, ohne dass die Songs ihre eigenständige Form verlieren mussten.

Zwischen Gruselkabinett und menschlicher Verletzlichkeit
Vincent Price ist für diese Welt ein idealer Gast. Seine Sprechrolle als „The Curator“ gehört in den Übergangsbereich von Devil’s Food zu The Black Widow; der konkrete Credit wird bei Devil’s Food geführt. Entscheidend ist die dramaturgische Funktion: Die gelassene Autorität des Erzählers macht das Unheimliche beinahe höflich. Cooper kann anschließend mit musikalischen Mitteln weiterführen, was die Stimme vorbereitet hat. Diese Verbindung von Darstellung und Song ist ein wesentlicher Bestandteil des Albums, nicht bloß eine dekorative Unterbrechung.
Some Folks erweitert das Spiel um eine andere Bühnenfarbe, bevor Only Women Bleed den Blick auf eine sehr reale Form von Leid richtet. Gerade innerhalb dieses fantasievollen Rahmens gewinnt die Ballade Gewicht. Die Platte darf albern, überzeichnet und makaber sein; sie kann aber auch den Abstand zwischen Maske und Empfindung verkleinern. Auf Department Of Youth kommt der Summerhill Children’s Choir hinzu. Die zusätzlichen Stimmen verändern erneut die Perspektive und vergrößern die Szene über den einzelnen Sänger hinaus.
In der späteren Folge rücken Years Ago, Steven und The Awakening die namensgebende Figur ins Zentrum. Trish McKinnon übernimmt auf Years Ago die Sprechrolle „Mom“. Kleine Besetzungsdetails bekommen hier erzählerische Bedeutung: Ein Wechsel der Stimme oder Instrumentierung verändert die Wahrnehmung des ganzen Raumes. Escape setzt schließlich einen energischen Schlusspunkt. Für eine erneute Begegnung lohnt es sich, nicht nur auf die bekannten Refrains zu warten, sondern auf die Verbindungen zwischen den Stücken zu achten. Dort zeigt sich, wie konsequent das Album seine eigenen Spannungen organisiert.
Die Atlantic-75-Ausgabe mit 45 Umdrehungen
Diese Ausgabe trägt die Katalognummer AAPA 015-45 und gehört zur Atlantic-75-Reihe von Analogue Productions. Das ursprüngliche Programm wird auf zwei Stereo-LPs mit 45 Umdrehungen pro Minute und jeweils 180 Gramm verteilt. Für Mastering und Lackfolienschnitt ist Chris Bellman bei Bernie Grundman Mastering verantwortlich. Der Herausgeber nennt das originale Masterband als Quelle. Damit ist der konkrete Schnitt dieser Neuauflage gemeint; die historischen Masteringcredits der Erstausgabe gehören zu einem anderen Produktionsschritt.
Zur Ausstattung gehört ein aufwendig gefertigtes Tip-on-Gatefold mit zwei Plattentaschen und Folienlaminierung von Stoughton Printing. Die Herstellerbeschreibung führt QRP und RTI als Presswerke der Ausgabe; das tatsächlich gelieferte Exemplar entscheidet über die jeweilige Variante. Eine bestimmte Nummerierung wird hier nicht für jedes Exemplar versprochen. Die elf Titel bleiben in ihrer ursprünglichen Reihenfolge erhalten, vom einladenden Titelsong bis Escape. Für Sammler verbindet diese Edition damit das vollständige Albumkonzept mit einem neuen Schnitt und einer großzügigeren Aufteilung auf vier Seiten. Der Mittelpunkt bleibt Coopers ungewöhnliches Musiktheater: sorgfältig gebaut, voller gegensätzlicher Stimmungen und weit reichhaltiger als seine berühmte Maske allein.
Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Auch als SACD: Welcome To My Nightmare
Kundenfragen: Atlantic 75: welche Titel lohnen sich? · Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Atlantic 75 Series – alle 75 Alben, Zeitreise und die Menschen hinter Atlantic
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Alice CooperLeadgesangMitwirkung: 1–11
- Dick WagnerE- und Akustikgitarre, GesangMitwirkung: 1–11
- Steve „Deacon“ HunterE- und AkustikgitarreMitwirkung: 1, 3–7, 9–11
- Prakash JohnBassMitwirkung: 2, 4–7, 9, 10
- Pentti „Whitey“ GlanSchlagzeugMitwirkung: 2, 4–7, 9, 10
- Tony LevinBassMitwirkung: 1, 3, 11
- Johnny „Bee“ BadanjekSchlagzeugMitwirkung: 1, 3, 11
- Jozef ChirowskiTasteninstrumente, GesangMitwirkung: Instrumente je Titel verschieden; Titel 1: Clavinet/Klarinette in den Originalcredits abweichend
- Bob EzrinTasteninstrumente, Gesang, Arrangements; ProduktionMitwirkung: Albumcredit; keine pauschale Zuordnung zu jedem Titel
- Allan MacmillanArrangementsMitwirkung: Albumcredit; keine pauschale Zuordnung zu jedem Titel
- Vincent PriceSprechrolle „The Curator“Mitwirkung: 2 · Devil’s Food
- Trish McKinnonSprechrolle „Mom“Mitwirkung: 8 · Years Ago
- Gerry LyonsGesangMitwirkung: 2 · Devil’s Food
- Michael ShermanGesang; ProduktionsassistenzMitwirkung: 2, 4, 6, 9, 11
- The Summerhill Children’s ChoirChorMitwirkung: 6 · Department Of Youth
- David EzrinGesangMitwirkung: In Albumlisten genannt; genaue Titelzuordnung offen
- A Cast Of ThousandsNicht namentlich aufgeschlüsselte GesangsstimmenMitwirkung: 3 · The Black Widow
Produktion: Bob Ezrin. Arrangements: Bob Ezrin und Allan Macmillan. Aufnahmen: Soundstage Toronto; Record Plant East, Electric Lady und A&R New York. Toningenieure: Dave Palmer, Jim Frank, Corky Stasiak, Ed Sprigg, Rod O’Brien und Phil Ramone. Original-Mastering: Mike Reese, The Mastering Lab. Artwork: Drew Struzan / Pacific Eye & Ear; Fotografie: Bret Lopez. Diese Ausgabe: Chris Bellman, Bernie Grundman Mastering; QRP/RTI; Stoughton Printing.










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