Hinter dem Sommerhit beginnt das Album
Es gibt Songs, deren Titel schon eine ganze Atmosphäre mitbringen. „Summer Breeze“ gehört dazu. Doch das gleichnamige Album von Seals & Crofts ist mehr als die Langfassung eines vertrauten Radiomoments. Zwischen gemeinsamem Gesang, akustischen Instrumenten und wechselnden Klangfarben steckt eine Musik, die leicht zugänglich ist, ohne sich auf einen einzigen Stimmungswert reduzieren zu lassen.
1972 war dies bereits das vierte Album von Jim Seals und Dash Crofts. Der große Durchbruch kam also nicht aus dem Nichts. Das Duo hatte eine eigene Art entwickelt, zwei Stimmen und unterschiedliche Saiteninstrumente miteinander zu verbinden. Der Erfolg des Titelstücks macht den Einstieg leicht; der eigentliche Gewinn liegt darin, danach auf der Platte zu bleiben und ihre weniger vertrauten Wege mitzunehmen.

Der Produzent sitzt mit im Raum
Louie Shelton produzierte „Summer Breeze“ und spielte selbst Gitarre. Das ist ein wichtiger Unterschied zu der Vorstellung eines Produzenten, der nur von der anderen Seite der Studioscheibe Anweisungen gibt. Shelton war Teil der musikalischen Arbeit. Die Verbindung zum Duo setzte sich über weitere erfolgreiche Aufnahmen fort; seine Rolle gehört zu dessen Geschichte ebenso wie die beiden Namen auf dem Cover.
Die Instrumentierung des Albums reicht über das naheliegende Folk-Rock-Gerüst hinaus. In den Credits begegnen einem unter anderem Steel-Gitarre, Banjo, Tabla und Tambura. Entscheidend ist dabei nicht, möglichst viele ungewöhnliche Instrumente aufzuzählen. Interessant wird es dort, wo eine andere Anschlagsart oder ein zusätzlicher Obertonraum die vertraute Verbindung aus Stimme und Gitarre verändert. Diese kleinen Farbwechsel verhindern, dass das Album zu einer gleichförmigen Sommerkulisse wird.

„Hummingbird“ nicht überspringen
Die Platte beginnt mit „Hummingbird“, nicht mit dem Titelhit. Das ist eine gute Erinnerung daran, dass eine Albumfolge eine eigene Geschichte erzählt. Die längere Albumfassung enthält einen Prolog, der in der Singlefassung fehlt. Wer nur den Radiosong kennt, hört den Beginn deshalb aus einer anderen Perspektive: Der Einstieg bekommt Zeit, bevor sich das vertraute Stück entfaltet.
Der Kolibri ist hier auch ein Verweis auf die spirituelle Welt der Musiker. Beide gehörten dem Bahai-Glauben an. Man muss diese Hintergründe nicht teilen, um zu verstehen, dass die Bilder und die Suche nach Verbindung mehr sein können als dekorative Naturmotive. Für den Text dieser Platte ist die freundlich wirkende Oberfläche nicht das Ende der Bedeutung.
Ein Lied kann mehrere Leben haben
Die Isley Brothers und später Type O Negative machten aus „Summer Breeze“ sehr unterschiedliche eigene Versionen. Gerade diese Spannweite zeigt, wie viel eine gute Komposition aushält. Sie bleibt erkennbar, auch wenn Stimme, Gewicht und Instrumentierung grundlegend wechseln. Beim Zurückkehren zur Fassung von Seals & Crofts fällt dadurch stärker auf, wie genau die ursprüngliche Balance gewählt ist.
Es lohnt sich, den Gesang und die kleinen Instrumentalantworten einmal getrennt zu verfolgen. Das Album gewinnt nicht durch möglichst viel Begleitung, sondern durch die richtigen Beziehungen zwischen seinen Stimmen. Die Wärme bleibt; dahinter wird das Handwerk sichtbarer. Und aus einem vermeintlich längst bekannten Sommerklassiker wird wieder eine Platte, auf der man etwas entdecken kann.
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Beteiligte Musiker
Albumweite Musiker- und Arrangementcredits; nicht alle Beteiligten spielen auf jedem Titel.
- Jim SealsGesang, Gitarre, Fiddle, Saxofon
- Dash CroftsGesang, E-Piano, Gitarre, Mandoline
- Harvey BrooksE-Bass
- Larry KnechtelKlavier
- Jim GordonSchlagzeug
- Louis SheltonGitarre, Bass, Begleitgesang
- Red RhodesSteel-Gitarre
- John HartfordBanjo
- Milt HollandTambura, Tabla, Perkussion
- Robert LichtigBass, Flöte, Klarinette
- Joe OsbornBass
- Wilton FelderBass
- John Ford ColeyKlavier
- Michael LangKlavier
- Clarence McDonaldKlavier
- Michael OmartianKlavier
- Jim KeltnerSchlagzeug
- John GuerinSchlagzeug, Perkussion
- Russ KunkelSchlagzeug
- King ErrissonCongas
- Jim HornFlöte
- Dee HigginsBegleitgesang
- Donnie SheltonBegleitgesang
- Marty PaichStreicherarrangements
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