Mingus lässt die Musik antworten
Charles Mingus wollte mit The Clown auch etwas klarstellen. In den Begleitnotizen erklärte er, bewusst vier Stücke ausgewählt zu haben, die seinen Sinn für Swing zeigen sollten. Doch diese 1957 entstandene Musik erschöpft sich nicht in einer Antwort an Kritiker. Sie verbindet Blues, Erinnerung, Protest und eine erzählte Geschichte. Das Quintett mit Shafi Hadi, Jimmy Knepper, Wade Legge und Dannie Richmond gibt diesen Ideen sehr unterschiedliche Stimmen. Mingus hält als Bassist und Komponist alles zusammen, ohne die Persönlichkeiten seiner Mitspieler verschwinden zu lassen.
Die Aufnahmen verteilen sich auf zwei New Yorker Termine: Das Titelstück entstand am 13. Februar in den Audio-Video Studios, die übrigen drei Stücke am 12. März in den Atlantic Studios. Nesuhi Ertegun betreute die Produktion. Hinter der gemeinsamen Albumhülle stehen also zwei Arbeitstage – und vier musikalische Vorstellungen, denen man einzeln nachgehen kann.

Ein Erzähler, eine Posaune und ein Clown
Für das Titelstück holte Mingus den Radioerzähler Jean Shepherd hinzu. Shepherd improvisierte seine Geschichte innerhalb des vorgegebenen Konzepts; es geht um einen Clown, dessen Suche nach Anerkennung eine bittere Wendung nimmt. Die Posaune von Jimmy Knepper besitzt darin eine besondere Rolle. Mingus beschrieb ihn als musikalischen Anführer dieses Stücks, um dessen Spiel sich die anderen bewegen.
Das macht neugierig auf das Verhältnis von Sprache und Ensemble: Folgt die Musik dem Erzähler, kommentiert sie ihn oder entwickelt sie ihren eigenen Verlauf? Hier lohnt sich ein ganzes Stück ungeteilter Aufmerksamkeit. Auch Shafi Hadis Instrument wechselt: Auf dem Titelstück spielt er Tenorsaxofon, auf den drei übrigen Nummern Altsaxofon. Solche Details verändern die Besetzung hörbar, obwohl dieselben fünf Instrumentalisten beteiligt bleiben.

Blues, Protest und eine Erinnerung an Bird
Mingus verband Haitian Fight Song ausdrücklich mit Gedanken an Vorurteile, Hass und Verfolgung. Diese persönliche Haltung gehört zur Entstehung des Stücks. Blue Cee beschrieb er dagegen als Blues in C und B, in dem er selbst Anklänge an Count Basie und Kirchenmusik erkannte. Reincarnation Of A Lovebird ist Charlie Parker gewidmet. Drei Titel, drei Ausgangspunkte: gesellschaftliche Erfahrung, musikalische Tradition und die Erinnerung an einen anderen Künstler.
Beim Hören kann man verfolgen, wie aus diesen Ausgangspunkten gemeinsame Musik entsteht. Was übernehmen die Bläser, wann tritt das Klavier hervor, wie reagieren Bass und Schlagzeug? Gerade die begrenzte Besetzung lädt dazu ein, die einzelnen Stimmen kennenzulernen. Die Platte gewinnt dadurch bei jedem Wiederauflegen neue Bezugspunkte.
The Clown in der Atlantic 75 Series
Diese Mono-Ausgabe von Analogue Productions verteilt die vier Stücke auf vier Seiten zweier 180-Gramm-LPs mit 45 Umdrehungen. Jedes Stück erhält eine eigene Plattenseite. Kevin Gray schnitt die Ausgabe bei Cohearent Audio; als Quelle nennt der Herausgeber das originale Masterband. Zur Ausstattung gehört ein Stoughton-Tip-on-Klappcover. Die Reihe sieht QRP-Pressungen vor; bei späteren unnummerierten Exemplaren kommt auch RTI infrage. Eine bestimmte Nummer oder Presswerkszuordnung lässt sich deshalb erst am konkreten Exemplar zusichern.
Die Seitenaufteilung passt zu einer Platte, deren vier Teile jeweils eine eigene Aufmerksamkeit verdienen. Nach einer Seite kurz innezuhalten, bevor der nächste Gedanke beginnt, ist hier eine schöne Möglichkeit, sich Zeit für Mingus und seine Mitspieler zu nehmen.
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Kundenfragen: Atlantic 75: welche Titel lohnen sich? · Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Atlantic 75 Series – alle 75 Alben, Zeitreise und die Menschen hinter Atlantic
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Charles MingusKontrabass, Komposition, LeitungMitwirkung: Album-Besetzung
- Shafi HadiAltsaxofon, TenorsaxofonMitwirkung: Alt: A–C · Tenor: D
- Jimmy KnepperPosauneMitwirkung: Album-Besetzung
- Wade LeggeKlavierMitwirkung: Album-Besetzung
- Dannie RichmondSchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung
- Jean ShepherdErzählung (improvisiert)Mitwirkung: D
Shafi Hadi: Altsaxofon A–C, Tenorsaxofon D. Jean Shepherd improvisiert die Erzählung ausschließlich auf D. Produktion: Nesuhi Ertegun.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Im Vergleich mit zwei Originalpressungen hört Michael bei der Atlantic-75-Ausgabe deutlich mehr Präsenz, Details und Klarheit. Auch mit einem Mono-Tonabnehmer erreichen die verglichenen Originale für ihn nicht deren räumliche Wirkung. Er betont zugleich den Vorteil seines neuen, ruhigen Reissue-Exemplars.











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