Die leise Seite einer großen musikalischen Suche
Bei John Coltrane kann schon der Titel Ballads Erwartungen verschieben. Der Saxophonist, dessen Musik Anfang der sechziger Jahre immer weiter in offene Formen und intensive Improvisationen vordrang, widmet hier ein ganzes Album acht Standards. Es geht um Melodien, um die Länge eines Atemzugs und um das Gewicht weniger Töne. Diese Konzentration gehört ebenso zu seiner musikalischen Suche wie die ausgedehnten Konzerte derselben Zeit. Die vertrauten Lieder bieten ihm einen anderen Raum, in dem sich seine Persönlichkeit zeigen kann.
Das Album entstand bei Rudy Van Gelder in Englewood Cliffs an drei Terminen: am 21. Dezember 1961 sowie am 18. September und 13. November 1962. Bob Thiele produzierte, Van Gelder verantwortete die Aufnahme. Impulse! veröffentlichte die acht Stücke 1963. Die zeitliche Nähe zu den Village-Vanguard-Aufnahmen und zur Zusammenarbeit mit Duke Ellington macht deutlich, wie unterschiedlich Coltranes Projekte damals sein konnten. Ballads lässt sich deshalb besonders schön innerhalb einer Sammlung entdecken, die mehrere dieser Seiten nebeneinanderstellt.
Eine aufschlussreiche Beobachtung überliefert Gene Lees in den ursprünglichen Begleittexten. Er beschreibt Musiker, die mit Noten erschienen, sich über die Harmonien verständigten und nach kurzer Vorbereitung aufnahmen. Sein Bericht vermittelt keine Geschichte monatelanger Detailproben, sondern die eines Ensembles, das auf eine gemeinsame Sprache vertrauen konnte. Gerade bei bekannten Standards ist diese Fähigkeit entscheidend: Die Melodie bringt eine Geschichte mit, doch die konkrete Begegnung im Studio findet nur in diesem Augenblick statt.

Ein Quartett, zwei Bassisten
McCoy Tyner am Klavier und Elvin Jones am Schlagzeug begleiten Coltrane auf allen acht Titeln. Der Wechsel am Bass lässt sich dagegen genau benennen. Reggie Workman spielt auf „It’s Easy to Remember“, der Aufnahme vom Dezember 1961. Jimmy Garrison ist auf den sieben übrigen Stücken zu hören. Wer die Namen nur als feste Besetzung des klassischen Coltrane-Quartetts liest, übersieht diesen Übergang. Die Platte hält auch ein kleines Stück Personalgeschichte fest.
Tyners Aufgabe bietet einen besonders lohnenden Zugang. Zwischen einer gesungen gedachten Saxophonphrase und dem nächsten Einsatz können Klavierakkorde Verbindung schaffen, Spannung stehenlassen oder einen Gedanken neu beleuchten. Dazu kommen Bass und Schlagzeug als bewegliche Partner. Jones’ Mitwirkung sollte hier nicht allein über die Vorstellung eines besonders energischen Schlagzeugers gehört werden. Interessant ist gerade, wie viele Entscheidungen ein Musiker auch in einem begrenzten, lyrischen Rahmen treffen kann.
Coltrane spielt Tenorsaxophon. Andere Instrumente aus den umfangreicheren Sessionlisten gehören nicht automatisch auf dieses Album: Die Sopranangaben bei „Greensleeves“ betreffen anderes Material derselben frühen Sitzung. Für die acht Balladen lohnt es sich, beim tatsächlich enthaltenen Programm zu bleiben. So werden Besetzung, Aufnahmegeschichte und musikalischer Eindruck nicht durch die zahlreichen späteren Wiederveröffentlichungen mit zusätzlichen Takes durcheinandergebracht.

Acht Lieder mit einem eigenen Gedächtnis
„Say It (Over and Over Again)“ eröffnet die Folge, gefolgt von „You Don’t Know What Love Is“. Beide Stücke haben Wurzeln im amerikanischen Film- und Unterhaltungslied. Ihre Melodien waren schon vor Coltranes Aufnahme mit Stimmen und Texten verbunden. Auch ohne Sänger bleibt diese Herkunft wichtig: Man kann die Saxophonlinien als eine andere Art betrachten, einen Liedtext zu phrasierten Gedanken werden zu lassen, ohne dessen Worte auszusprechen.
„Too Young to Go Steady“ und „All or Nothing at All“ setzen die erste Hälfte fort. Lees berichtet bei letzterem Titel von einer ausdrücklich notierten rhythmischen Vorstellung Coltranes und mehreren Anläufen. Eine Ballade ist also keineswegs automatisch eine einfache Aufgabe. Die Behandlung der Zeit, der Übergang zwischen festgehaltener Melodie und Improvisation und die Reaktion der Begleiter können auf wenigen Minuten ebenso anspruchsvoll werden wie in einem langen Solo.
Auf „I Wish I Knew“ folgt „What’s New“. Den Abschluss bilden „It’s Easy to Remember“ aus dem Rodgers-und-Hart-Repertoire und „Nancy (With the Laughing Face)“, besonders mit Frank Sinatra verbunden. Alle acht Stücke sind Fremdkompositionen. Gerade darin liegt ein schöner Sammlerreiz: bekannte Lieder in unterschiedlichen Aufnahmen miteinander zu verbinden und zu verfolgen, was Coltrane von ihrer Gestalt bewahrt, wo er sich Freiraum nimmt und wie Tyner, Jones und die beiden Bassisten diesen Raum mit ihm teilen.
Ballads als UHQR auf vier Seiten
Die hier angebotene Ausgabe trägt die Katalognummer AUHQR 0008-45. Analogue Productions veröffentlicht das Stereoalbum als UHQR-Doppel-LP mit 45 RPM, gepresst auf 200-Gramm-Clarity-Vinyl bei Quality Record Pressings. Ryan K. Smith schnitt die Ausgabe bei Sterling Sound; der Herausgeber nennt das originale Band als Quelle. Diese Angaben beschreiben die konkrete Neuauflage und werden nicht mit den technischen Daten anderer Ballads-Editionen vermischt.
Je zwei Stücke liegen auf einer Seite. Das ursprüngliche Acht-Titel-Programm bleibt vollständig, zusätzliche Sessiontakes sind nicht enthalten. Die UHQR wurde mit einer Limitierung auf 5.000 Exemplare angekündigt. Zur aufwendigen Verpackung gehören ein Heft zum Herstellungsprozess und ein zwölfseitiges Begleitheft im LP-Format mit Texten von Ashley Kahn und Sessionbildern von Jim Marshall. Der Blick auf Musiker und Aufnahmeumstände erhält damit einen eigenen Platz neben den Platten.
Für eine Sammlung verbindet diese Ausgabe ein überschaubares, in sich geschlossenes Programm mit ausführlicher Dokumentation. Ihr musikalischer Mittelpunkt bleibt die Begegnung von Coltranes Tenor und seinen Begleitern mit acht Liedern, deren Melodien auch außerhalb des Jazz ein langes Leben besitzen. Die vier Seiten geben Gelegenheit, nach zwei Stücken innezuhalten und der nächsten kleinen Folge wieder bewusst zuzuhören.
Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Auch in einer anderen Ausgabe: Ballads
Mehr von John Coltrane: Giant Steps · Lush Life
Künstlerseite: Alle Titel von John Coltrane
Kundenfrage: UHQR sammeln: limitierte Ausgaben großer Alben
Serie: UHQR – alle 31 Ausgaben mit Auflage und Mastering
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- John ColtraneTenorsaxofonMitwirkung: Alle Albumtitel
- McCoy TynerKlavierMitwirkung: Alle Albumtitel
- Elvin JonesSchlagzeugMitwirkung: Alle Albumtitel
- Jimmy GarrisonKontrabassMitwirkung: A1, A2, B1, B2, C1, C2, D2
- Reggie WorkmanKontrabassMitwirkung: D1
Albumcredits und Titelzuordnungen sind getrennt.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael hört die UHQR klanglich sehr nah an seiner US-Stereo-Erstpressung: präsent, druckvoll und dynamisch, mit erhaltener Frische und schöner Bühne. Er sagt ausdrücklich nicht, dass die UHQR das Original schlägt. Der Vorteil seines neuen Exemplars ist auch der makellose Zustand gegenüber der älteren Vergleichsplatte.
🎧 Review video: NEW UHQR John Coltrane Ballads vs. The Original Pressing
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