Ein zweites Album mit offenen Gefühlen
Der freundliche Titel täuscht ein wenig. Hello, I Must Be Going! enthält Musik, die Nähe sucht, sich zurückzieht und mitunter sehr entschieden auf Abstand geht. Phil Collins veröffentlichte sein zweites Soloalbum im November 1982, nach dem großen Erfolg von Face Value. Die neue Platte setzt dessen persönliche Perspektive fort, erweitert aber die Spannweite zwischen kantigem Rhythmus, Soulbegeisterung und orchestral begleiteten Balladen. Wer sie allein mit You Can’t Hurry Love verbindet, kennt einen wichtigen Eingang, aber noch lange nicht alle Räume dieses Albums.
Collins blieb während seiner Solokarriere Mitglied von Genesis. Seine eigene Musik war dennoch kein bloßer Nebenraum der Band: Sie gab ihm die Möglichkeit, Stimme, Schlagzeug und selbst entwickelte Arrangements aus einer anderen Perspektive zusammenzuführen. Auf Hello, I Must Be Going! ist der Sänger zugleich ein vielseitiger Instrumentalist und der verantwortliche Produzent. Hugh Padgham unterstützte ihn bei der Produktion und betreute die Aufnahmen als Toningenieur. Diese Nähe zwischen musikalischer Idee und technischer Ausarbeitung gehört zum Charakter der Platte.
Der Titel verweist auf ein Lied der Marx Brothers und setzt einen leichtfüßigen Akzent über ein keineswegs durchgehend leichtes Programm. Die Songs bewegen sich zwischen Wut, Unsicherheit, Sehnsucht und dem Wunsch nach einem unbeschwerten Moment. Aus diesen Gegensätzen entsteht ihre Verbindung. Das Album erklärt nicht jede Empfindung aus einer einzigen Richtung; es lässt verschiedene Reaktionen nebeneinander stehen. Gerade darin liegt ein guter Grund, sich auf die vollständige Folge der zehn Stücke einzulassen, statt nur die erfolgreichen Singles herauszugreifen.

Vom Heimstudio zu Bläsern und Orchester
Die Aufnahmen entstanden im Mai und Juni 1982. Eine wichtige Ausgangsbasis war Old Croft in Surrey, wo Collins mit einer Achtspur-Anlage auf Ein-Zoll-Band arbeitete. Weitere Aufnahmen fanden in Fisher Lane Farm, dem als „The Farm“ bekannten Genesis-Studio, und im Londoner Town House statt. Für die Streicher kamen die CBS Studios in London hinzu. Das Album verbindet dadurch eine vergleichsweise persönliche Arbeitsumgebung mit den Möglichkeiten größerer Studios. Howard Gray assistierte Padgham; Mike Ross beziehungsweise Mike Ross-Trevor betreute die Streicheraufnahmen.
Ein besonders beständiger musikalischer Partner ist Daryl Stuermer. Er spielt auf den ersten neun Titeln Gitarre und kann sowohl rhythmisch präzise Begleitung als auch markante Akzente beisteuern. Am Bass wechseln sich John Giblin und Mo Foster auf genau bezeichneten Stücken ab. Giblin ist unter anderem bei I Cannot Believe It’s True, Like China und You Can’t Hurry Love beteiligt, Foster bei It Don’t Matter To Me und Thru These Walls. Diese Besetzungswechsel verdienen Aufmerksamkeit, weil sie die einzelnen Arrangements unterschiedlich gewichten.
Die Phenix Horns bringen eine weitere, unverwechselbare Farbe ein. Don Myrick, Louis Satterfield, Michael Harris und Rahmlee Michael Davis wirken auf I Cannot Believe It’s True, It Don’t Matter To Me und The West Side mit; die Bläserarrangements stammen von Tom-Tom 84. Auf anderen Titeln übernimmt das Mountain Fjord Orchestra mit Streichern und Holzbläsern eine andere Aufgabe. Martyn Ford arrangiert und dirigiert, Gavyn Wright ist als Orchesterleiter genannt. Das sind bewusst eingesetzte Besetzungen, keine pauschale Orchester- oder Bläserkulisse unter jedem Song.

Rhythmische Härte, Motown und ein stiller Schluss
I Don’t Care Anymore eröffnet das Album mit einer Haltung, die dem höflichen Titel deutlich widerspricht. Schlagzeug und Stimme setzen die wesentlichen Zeichen; das Stück macht die Entschiedenheit seines Erzählers zum musikalischen Ereignis. Danach zeigen I Cannot Believe It’s True und Like China, wie unterschiedlich Collins eine rhythmische Bewegung mit Gesang verbinden kann. Der Blick kann beim erneuten Hören auf diesen Wechsel fallen: Wie viel Raum beansprucht die Stimme, wann antwortet eine Gitarre, und wo verändern die Bläser den Schwerpunkt einer Phrase?
You Can’t Hurry Love bildet als einzige Fremdkomposition eine besondere Station. Das Lied von Holland–Dozier–Holland war durch die Supremes bekannt geworden; Collins macht seine Verbundenheit mit diesem Repertoire ausdrücklich hörbar. J. Peter Robinson spielt hier Klavier, Vibrafon und Glockenspiel. Der scheinbar mühelose Schwung hat also eine konkrete instrumentale Grundlage. Das Stück wurde ein britischer Nummer-eins-Hit, steht auf dem Album aber neben wesentlich unruhigerem Material. Die freundliche Oberfläche ist ein Teil seiner Vielfalt und keine Zusammenfassung des Ganzen.
Thru These Walls führt in eine beklemmendere Szenerie, während The West Side den instrumentalen Austausch und die Bläser besonders deutlich ins Blickfeld rückt. Schließlich verändert Why Can’t It Wait ’Til Morning den Maßstab noch einmal. Auf diesem letzten Titel stehen Collins’ Stimme und akustisches Klavier mit dem Orchester im Mittelpunkt; Stuermer und die beiden Bassisten werden dafür nicht eingesetzt. Nach den verschiedenen rhythmischen und emotionalen Spannungen bekommt der Schluss dadurch eine eigene, zurückgenommene Form. Für die Wahrnehmung des gesamten Albums ist diese Veränderung ebenso wichtig wie sein druckvoller Beginn.
Der konkrete Schnitt der Atlantic-75-Ausgabe
Die Analogue-Productions-Ausgabe AAPA 012-45 verteilt das Album auf zwei 180-Gramm-LPs in Stereo mit 45 Umdrehungen pro Minute. Chris Bellman bei Bernie Grundman Mastering verantwortet Mastering und Lackfolienschnitt. Der Herausgeber bezeichnet die Quelle ausdrücklich als eine entzerrte Viertelzoll-Dolby-Bandkopie des Originalmasters. Diese präzise Angabe ist für Sammler aussagekräftiger als eine allgemeine Formulierung über Masterbänder: Der Schnitt erfolgt von der benannten analogen Kopie, nicht direkt vom Originalmaster.
Die Ausgabe gehört zur Atlantic-75-Reihe und wird mit einem Tip-on-Gatefold von Stoughton Printing samt Folienlaminierung präsentiert. QRP ist als Presswerk genannt; bei unnummerierten Exemplaren sind auch RTI-Varianten dokumentiert. Das originale Zehn-Titel-Programm bleibt erhalten. Die Folge bewahrt den Weg vom entschiedenen Auftakt bis zum zurückgenommenen Schluss und lässt dabei den Kontrast zwischen Band, Bläsern und Orchester bestehen. So bleibt die Editionsbeschreibung präzise, während die eigentliche Geschichte der Musik ihren Platz behält: ein vielseitiger Sänger, Schlagzeuger und Arrangeur, der auf seinem zweiten Soloalbum persönliche Unruhe, handwerkliche Disziplin und eine tiefe Zuneigung zum Soul zusammenbringt.
Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Künstlerseite: Alle Titel von Genesis und Phil Collins
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Serie: Atlantic 75 Series – alle 75 Alben, Zeitreise und die Menschen hinter Atlantic
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Phil CollinsGesang (alle); Schlagzeug (1–9); Keyboards (1–4, 6, 7, 9); Basspedale (1, 4, 9); Perkussion (2, 6, 9); Klatschen (3); Pauken/Trompete (4); Tamburin (5); Marimba (7); Klavier (8, 10)Mitwirkung: 1–10
- Daryl StuermerGitarrenMitwirkung: 1–9
- John GiblinBassMitwirkung: 2, 3, 5, 8
- Mo FosterBassMitwirkung: 6, 7
- J. Peter RobinsonKlavier, Vibrafon, GlockenspielMitwirkung: 5 · You Can’t Hurry Love
- The Phenix HornsBläserensembleMitwirkung: 2, 6, 9
- Don MyrickAlt- und Tenorsaxofon; AltsaxofonsoliMitwirkung: Bläser: 2, 6, 9; Soli: 2, 9
- Louis SatterfieldPosauneMitwirkung: 2, 6, 9
- Michael HarrisTrompeteMitwirkung: 2, 6, 9
- Rahmlee Michael DavisTrompeteMitwirkung: 2, 6, 9
- Peter NewtonZusätzlicher Gesang im Phenix ChoirMitwirkung: 2
- The Phenix ChoirZusätzliche GesangsstimmenMitwirkung: 2
- The Mountain Fjord OrchestraStreicher und HolzbläserMitwirkung: 5, 8, 10
- Martyn FordStreicher-/Holzbläserarrangements und DirigatMitwirkung: 5, 8, 10
- Gavyn WrightOrchesterleiterMitwirkung: 5, 8, 10
- Tom-Tom 84BläserarrangementsMitwirkung: 2, 6, 9
Produktion: Phil Collins, unterstützt von Hugh Padgham. Toningenieur: Hugh Padgham; Assistenz: Howard Gray. Streicheraufnahmen: Mike Ross-Trevor. Zusätzliche Mischunterstützung für Orchester: Martyn Ford. Original-Mastering: Ian Cooper. Coverfoto: Trevor Key; Innenfotos: Hugh Padgham, Jill Tavelman, Margaret Maxwell. Phenix Choir: Collins, Myrick, Satterfield, Harris, Davis und Peter Newton. Diese Ausgabe: Chris Bellman bei Bernie Grundman Mastering; QRP/RTI; Stoughton.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael hört bei der Atlantic-75-Ausgabe mehr Details, eine bessere Instrumententrennung und eine überzeugendere Klangbühne als bei seiner US-Erstpressung. Das Gesamtbild wirkt für ihn stimmiger. Die US-Ausgabe hat dagegen beim Schlagzeug etwas mehr Druck. Eine britische Erstpressung stand ihm für diesen Vergleich nicht zur Verfügung.










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