Eine Stimme verbindet verschiedene Aufnahmemomente
Wild Is The Wind gehört zu Nina Simones Philips-Alben und erschien 1966. Seine Entstehung unterscheidet sich von der Vorstellung einer Band, die für ein geschlossenes neues Programm gemeinsam ins Studio geht: Das Album bündelt Aufnahmen aus den Jahren 1964 und 1965, die aus früheren Sitzungen zurückgeblieben waren. Diese Herkunft erklärt einen Teil seiner Vielfalt, ohne die Zusammenstellung auf bloße Resteverwertung zu reduzieren. Wer Wild Is The Wind auf Vinyl kaufen möchte, findet hier die 180-Gramm-LP der Acoustic Sounds Series mit elf Titeln und 33⅓ RPM.
Den Zusammenhang stiftet vor allem Simone selbst. Die Titel bewegen sich zwischen Liebeslied, eigenem Song, Bühnenvorlage und traditionellem Material. Unterschiedliche Autoren und Entstehungszusammenhänge treten nicht hinter einer einzigen musikalischen Formel zurück. Eine Sängerin kann ein Album gerade dadurch verbinden, dass sie verschiedene Texte mit einer erkennbaren Haltung behandelt. Bei Simone gehören die Stimme und ihr Umgang mit dem Klavier zu dieser Persönlichkeit. Die Platte lädt dazu ein, beide nicht nur als getrennte Fähigkeiten, sondern als Teile einer musikalischen Sprache wahrzunehmen.
Das Programm umfasst elf Stücke, darunter Four Women, Lilac Wine, den ausgedehnten Titelsong und Black Is The Color Of My True Love’s Hair. Schon diese Auswahl zeigt, weshalb eine einzige Stilbezeichnung wenig erklärt. Ein politisch aufgeladenes Figurenlied stellt andere Anforderungen als eine Liebesklage; eine bekannte Melodie verlangt eine andere Art des Wiedererkennens als eine eigene Komposition. Die Reihenfolge lässt solche Unterschiede nebeneinander bestehen. Man muss das Album nicht zu einer einzigen Stimmung vereinheitlichen, um seinen Zusammenhang zu finden.
Auch die zeitliche Entstehung sollte nicht zu einer erfundenen Sessiongeschichte geglättet werden. Es sind mehrere Aufnahmemomente, die hier zu einem Album zusammenfinden. Die gemeinsame Veröffentlichung gibt ihnen eine neue Nachbarschaft: Ein Lied steht plötzlich vor oder nach einem anderen und wird dadurch anders wahrgenommen. Gerade für Hörer, die Simones Alben im Zusammenhang sammeln, ist diese Form der Zusammenstellung interessant. Sie zeigt eine Künstlerin über mehrere Situationen hinweg, ohne den Rahmen einer einzelnen LP zu verlassen.

Zwei Arrangeure und eine bewusst begrenzte Besetzungsliste
Die Arrangements sind titelgenau dokumentiert. Horace Ott verantwortet sechs Stücke: I Love Your Lovin’ Ways, What More Can I Say, That’s All I Ask, Break Down And Let It All Out, Why Keep On Breaking My Heart und Either Way I Lose. Simone selbst wird bei Four Women, Lilac Wine, Wild Is The Wind, Black Is The Color Of My True Love’s Hair und If I Should Lose You genannt. Diese Aufteilung macht einen wesentlichen Teil der musikalischen Arbeit sichtbar, ohne einem Arrangeur automatisch ein auf der Aufnahme gespieltes Instrument zuzuschreiben.
Horace Ott gehört deshalb als belegter Arrangeur zu den musikalischen Mitwirkenden, nicht als vermeintlich nachgewiesener Pianist oder Organist. Simone ist als Sängerin und Pianistin greifbar; für Black Is The Color ist ihr Klavier besonders ausdrücklich beschrieben. Die geprüften Credits der ursprünglichen LP und der Neuauflage benennen die Begleitband dagegen nicht vollständig. Eine vertraute Besetzung aus einer anderen Simone-Aufnahme wäre kein ausreichender Beleg, um hier weitere Namen einzutragen. Diese Grenze bleibt offen sichtbar, statt durch scheinbar präzise Angaben verdeckt zu werden.
Hal Mooney produzierte das Album, Sid Mark schrieb den Hülltext. Auch diese Aufgaben sind Teil seiner Geschichte, unterscheiden sich aber von der Mitwirkung als Instrumentalist. Gerade bei einer Platte, die aus mehreren Sitzungen zusammengestellt wurde, lohnt sich diese saubere Trennung. Eine pauschale Bandliste kann mehr Gewissheit vortäuschen, als die Quellen hergeben. Der Musikerblock unter dem Text nennt deshalb die gesicherten musikalischen Rollen und erläutert die Grenzen des überlieferten Creditstands.
Für das Hören ist diese Vorsicht kein Hindernis. Man kann auf das Verhältnis von Stimme, Klavier und Begleitung achten, auch wenn nicht jeder Beteiligte namentlich abgesichert ist. Der offene Punkt betrifft die historische Zuordnung, nicht die Existenz der musikalischen Beiträge. Simones eigene Arrangements neben denen Otts zu betrachten, bietet bereits einen konkreten Zugang: Welche Aufgaben erhält die Stimme, wie viel Raum bekommt eine Melodie, wie verändert sich das Verhältnis zwischen Text und musikalischem Verlauf? Das Album gibt dafür mehrere unterschiedliche Ausgangspunkte.

Four Women, Lilac Wine und der lange Titelsong
I Love Your Lovin’ Ways eröffnet die erste Seite, gefolgt von Four Women. Simones eigene Komposition stellt vier Frauenfiguren nebeneinander und gibt Fragen nach Identität und gesellschaftlicher Zuschreibung eine konkrete Form. Es ist kein austauschbares Liebeslied innerhalb eines ansonsten gleichartigen Programms. Gerade seine Stellung früh im Ablauf macht deutlich, dass diese Platte unterschiedliche Arten des Erzählens zusammenführt. Die Aufmerksamkeit richtet sich auf die einzelnen Stimmen des Textes und auf die Art, wie eine Interpretin solche Perspektiven innerhalb eines Songs auseinanderhält.
What More Can I Say und Lilac Wine folgen. Lilac Wine, geschrieben von James H. Shelton, gehört zu den fünf von Simone selbst arrangierten Titeln. Danach schließen That’s All I Ask und Break Down And Let It All Out die erste Seite. Sechs Stücke geben dieser Hälfte einen wechselnden Verlauf, in dem vergleichsweise kompakte Songs neben ausgedehnteren Darstellungen stehen. Wer beim ersten Hören besonders an einem Titel hängenbleibt, kann bei einem späteren Durchgang seine Nachbarschaft beachten: Wie verändert das folgende Lied den Eindruck des vorherigen?
Die zweite Seite beginnt mit Why Keep On Breaking My Heart und führt dann zum Titelsong. Wild Is The Wind stammt von Dimitri Tiomkin und Ned Washington. Mit knapp sieben Minuten ist es der längste Titel dieser LP und erhält entsprechend viel Raum innerhalb des Programms. Eine bekannte Liedvorlage wird hier nicht allein durch ihre Melodie interessant, sondern auch durch die Zeit, die eine Interpretation ihr zugesteht. Für den Hörer bedeutet das einen anderen Maßstab als bei einem kurzen Song, der seine Aussage rascher bündelt.
Black Is The Color Of My True Love’s Hair, If I Should Lose You und Either Way I Lose beschließen die Seite. Bei Black Is The Color steht hinter Simones Credit eine traditionelle Liedvorlage; die Zuschreibung dieser Fassung darf nicht mit der Behauptung verwechselt werden, sie habe das alte Lied ursprünglich erfunden. Die bewusst sparsame Beziehung zwischen Stimme, Klavier und Bass ist ein eigener Gegenpol zu anderen Arrangements des Albums. Der Schluss mit zwei weiteren Liedern führt zurück zu Verlust und Beziehung, ohne die verschiedenen Perspektiven des gesamten Programms einzuebnen.
Die Acoustic-Sounds-Series-Ausgabe
Die angebotene Ausgabe trägt die Shop-Katalognummer APHI 75201 und gehört zur Verve/UMe Acoustic Sounds Series. Es handelt sich um eine einzelne Stereo-LP mit 180 Gramm und 33⅓ Umdrehungen pro Minute, veröffentlicht als Neuauflage 2023. Ryan K. Smith bei Sterling Sound wird für das Mastering von den originalen Analogbändern genannt. Quality Record Pressings fertigte die Platte, Stoughton Printing das Klappcover im traditionellen Tip-on-Stil. Diese Kombination beschreibt die konkrete Ausgabe, nicht jede Veröffentlichung unter demselben Albumtitel.
Die elf Titel bleiben auf zwei Seiten zusammen: sechs auf der ersten, fünf auf der zweiten. Das bewahrt einen übersichtlichen Albumablauf mit nur einem Seitenwechsel. Gerade die Folge um den langen Titelsong auf Seite B lässt sich damit als zusammenhängender Abschnitt hören. Die physische Ausgabe gibt der Zusammenstellung einen klaren Rahmen, ohne die unterschiedlichen Aufnahmemomente unsichtbar machen zu müssen. Ein Album kann aus mehreren Sitzungen entstehen und dennoch eine eigene Reihenfolge besitzen, die beim Auflegen als solche erfahrbar wird.
Für Sammler ist Wild Is The Wind deshalb sowohl über einzelne bekannte Titel als auch über Simones Philips-Phase interessant. Four Women und der Titelsong können der erste Anlass sein; die übrigen Stücke erweitern den Blick auf ihre Auswahl von Liedern und ihre Arbeit als Arrangeurin. Die vollständige Tracklist und die erläuterten Credits helfen, das Programm vor dem Kauf genau einzuordnen. Nicht belegte Musiker werden dabei nicht durch vermeintliches Allgemeinwissen ergänzt, und die Neuauflage wird nicht mit einer anderen Pressung gleichgesetzt.
Das Album verlangt keine Vorkenntnis sämtlicher Aufnahmejahre, um zu wirken. Sein Reiz liegt in der Begegnung verschiedener Liedwelten mit einer unverwechselbaren musikalischen Persönlichkeit. Die Geschichte erklärt, wie diese Zusammenstellung entstand; das Hören zeigt, wie die einzelnen Stücke miteinander in Beziehung treten. Diese Ausgabe bietet dafür das vollständige Elf-Titel-Programm in einer klar benannten, sorgfältig dokumentierten Vinylfassung.
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Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Nina SimonePorträtvorlage: 1964Gesang, KlavierMitwirkung: Gesang; Klavier B3 ausdrücklich belegt; Arrangements A2, A4, B2, B3, B4
- Horace OttArrangementMitwirkung: A1, A3, A5, A6, B1, B5
Nina Simone: Gesang, Klavier und fünf Arrangements; Horace Ott: sechs Arrangements, kein Instrument belegt. Begleitband in Neuauflagen- und Original-LP-Credits nicht genannt. Lisle Atkinson nicht als gesicherter Albumspieler übernommen. Black Is The Color ist eine traditionelle Liedvorlage mit Simone-Credit dieser Fassung, keine behauptete originäre Liedschöpfung. Hal Mooney: Produktion; Sid Mark: Hülltext; Ryan K. Smith / Sterling Sound: Mastering; QRP: Pressung; Stoughton: Cover.








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