Ein Werk, das in Bewegung denkt
The Black Saint and the Sinner Lady lässt sich nur unzureichend als Sammlung einzelner Jazzstücke beschreiben. Charles Mingus entwarf eine zusammenhängende Komposition, deren Teile aufeinander bezogen sind und deren Titel immer wieder vom Tanzen sprechen: Solo, Duett, Gruppe, Bewegung und Gegenbewegung. Das Werk wurde teilweise als Ballett gedacht. Man muss dazu keine konkrete Choreografie kennen oder vor Augen haben. Schon die Anlage lädt ein, Musik als ein Geschehen zwischen Körpern und Stimmen zu verstehen – als Annäherung, Widerspruch, gemeinsames Drängen und plötzlich wieder freigegebenen Raum.
Die Aufnahme entstand am 20. Januar 1963 in den RCA Studios in New York. Bob Thiele produzierte, Bob Simpson war der Toningenieur. Diese Zuordnung ist bei einem Impulse!-Album besonders erwähnenswert: Nicht jede Aufnahme des Labels stammt aus Rudy Van Gelders Studio. Mingus arbeitete hier mit einer elfköpfigen Band; Bob Hammer war als Arrangeur und Mitgestalter der Orchestrierung beteiligt. Impulse! veröffentlichte das Album im Juli 1963 als A-35 beziehungsweise AS-35. Die konzentrierte Aufnahmegeschichte steht einem Werk gegenüber, dessen innere Architektur weit über die Idee einer gewöhnlichen Sessionfolge hinausgeht.
Auch die ursprünglichen Begleittexte gehören zu seiner besonderen Geschichte. Neben Mingus schrieb Edmund Pollock, sein damaliger Psychotherapeut, für die Hülle. Das ist ein ungewöhnlicher Zugang zu einem Jazzalbum, sollte aber nicht dazu verführen, jede musikalische Wendung wie eine Diagnose zu lesen. Mingus’ Werk bleibt eine Komposition: gebaut aus Instrumenten, Motiven, Kontrasten und einer sehr persönlichen Vorstellung von Ausdruck. Die biografische Nähe der Texte erweitert den Zusammenhang, ersetzt jedoch nicht die Aufmerksamkeit für die konkrete musikalische Arbeit.

Elf Musiker, viele Farben – ein gemeinsamer Gedanke
Mingus ist als Kontrabassist und Pianist beteiligt und schrieb sämtliche Teile. Zum Ensemble gehören Jaki Byard am Klavier, Dannie Richmond am Schlagzeug und Jay Berliner an der klassischen Gitarre. Darüber entfaltet sich eine reich besetzte Bläsergruppe: Jerome Richardson an Sopran- und Baritonsaxofon sowie Flöte, Charlie Mariano am Altsaxofon, Dick Hafer an Tenorsaxofon und Flöte, die Trompeter Rolf Ericson und Richard Williams, Quentin Jackson an der Posaune und Don Butterfield an der Tuba. Schon die Instrumentenliste macht deutlich, wie viel mehr hier möglich ist als ein Wechsel zwischen Thema und einem einzigen Soloinstrument.
Die Unterschiede zwischen den Stimmen sind ein guter Einstieg. Marianos Alt gehört in ein anderes Register als Richardsons Bariton; Flöten verändern die Farbe gegenüber dem Blech; die Tuba erweitert die tiefe Lage, während Berliners Gitarre einen eigenen Akzent innerhalb des Ensembles setzt. Dabei sollte man nicht aus einer allgemeinen Albumliste ableiten, dass jedes Instrument in jedem Abschnitt ständig zu hören sein müsse. Die dokumentierten Credits beschreiben die Beteiligten des Werks. Eine vollständige, gesicherte Solistenkarte für jeden einzelnen Satz liegt damit noch nicht vor.
Bob Hammer steht in dieser Liste als Arrangeur und Co-Orchestrator, nicht als zwölfter spielender Musiker. Diese Unterscheidung hilft, die Leistung hinter der Besetzung genauer zu würdigen. Die bloße Zahl der Instrumente erklärt die Wirkung eines Ensembles noch nicht; entscheidend ist, wie die Stimmen zusammengeführt und voneinander gelöst werden. Bei Mingus ist die Band Teil des kompositorischen Gedankens. Wer beim Hören einmal nur dem Verhältnis von hohen und tiefen Stimmen folgt und danach auf das Schlagzeug achtet, kann mehrere Zugänge zu derselben zusammenhängenden Form entdecken.
Auch das Kennenlernen der Musikernamen hat hier einen Sinn jenseits einer vollständigen Creditliste. Jeder Name eröffnet einen möglichen Ansatz für die Aufmerksamkeit. Eine große Gruppe muss nicht nur als geschlossener Klangblock wahrgenommen werden, ebenso wenig müssen einzelne Musiker aus dem Zusammenhang herausgelöst bleiben. Interessant ist der Wechsel zwischen beiden Perspektiven: einer Stimme folgen und dann bemerken, in welche größere Form sie wieder zurückkehrt.

Sechs Sätze in der Architektur einer LP
Das Werk umfasst sechs Sätze, die auf der LP in vier übergeordnete Titel gegliedert sind. Seite A enthält „Track A – Solo Dancer“, „Track B – Duet Solo Dancers“ und „Track C – Group Dancers“. Seite B verbindet die Modes D, E und F zu einem durchgehenden Abschnitt. Diese Unterscheidung ist für eine sinnvolle Tracklist wichtig. Die drei Modes auf der zweiten Seite sollen als Teile des Werkverlaufs sichtbar bleiben, ohne daraus drei voneinander unabhängige, künstlich getrennte Stücke zu machen.
Die ausführlichen Untertitel sprechen von körperlicher Nähe, Freiheit, Revolution, Liebe und Schmerz. Sie geben Hinweise auf die Spannweite der Vorstellung, aber keine einfache Gebrauchsanweisung für jeden Takt. Mingus verband seine Musik mit einer eigenen Auffassung von Tanz und kultureller Erinnerung; die vielfach beschriebene Nähe zu spanischen beziehungsweise flamencogeprägten Gesten gehört zu diesem Zusammenhang. Daraus entsteht keine touristische Klangpostkarte. Die verschiedenen Anregungen werden in ein Werk eingebunden, dessen Gestalt durch die Beziehungen zwischen seinen Teilen bestimmt wird.
Ein guter erster Höransatz ist deshalb, dem Verlauf zu folgen, bevor man jede Stelle benennen möchte. Wo verdichtet sich die Gruppe? Wann tritt eine einzelne Stimme hervor? Wie verändert ein neuer Instrumentalklang die Erwartung an den nächsten Abschnitt? Die Ein-LP-Ausgabe mit 33⅓ U/min unterstützt genau diesen Zugang. Nach den drei Titeln der ersten Seite kann die zweite Seite mit ihren zusammengehörenden Modes D–F ohne weiteren Plattenwechsel durchlaufen. Das ist bei einer so eng verbundenen Suite ein handfester Vorzug der ursprünglichen Form, unabhängig von einem pauschalen Qualitätsvergleich unterschiedlicher Drehzahlen.
Für eine Mingus-Sammlung ist das Album ein markanter Bezugspunkt. Es zeigt den Komponisten und Ensemblegestalter ebenso deutlich wie den Bassisten. Man kann von hier aus zu kleineren Besetzungen zurückgehen und wiedererkennen, dass persönlicher Ausdruck und genaue Organisation bei ihm zusammengehören. Die Größe des Ensembles öffnet zusätzliche Möglichkeiten, aber die entscheidende Frage bleibt dieselbe: Wie wird aus verschiedenen musikalischen Persönlichkeiten ein gemeinsamer Gedanke, der ihre Unterschiede nicht einebnet?
Acoustic Sounds Series: AIMP 60201
Hier liegt The Black Saint and the Sinner Lady als Stereo-LP der Acoustic Sounds Series von Verve/UMe vor. Die Shop- und Herausgebernummer lautet AIMP 60201, die dokumentierte Labelnummer B0033602-01. Die Ausgabe erschien 2021 und bietet 180-Gramm-Vinyl mit 33⅓ U/min, gepresst bei Quality Record Pressings, in einer Stoughton-Tip-on-Klapphülle. Ryan K. Smith bei Sterling Sound übernahm das Mastering, laut Herausgeber von den Analogbändern; Chad Kassem betreute das Wiederveröffentlichungsprojekt.
Die genaue Serienzuordnung vermeidet Verwechslungen mit anderen Mingus-Ausgaben. Die Acoustic Sounds Series ist ein Programm von Verve/UMe; die Beteiligung von Acoustic Sounds und QRP macht diese LP nicht automatisch zu einer beliebigen Analogue-Productions-Edition. Ebenso wenig lassen sich Daten einer japanischen SACD oder einer anderen Vinylauflage ungeprüft übertragen. Bei einem Werk, das in vielen Fassungen erhältlich war, helfen die konkreten Nummern und Produktionsangaben, das angebotene Objekt klar zu bestimmen. Die Klapphülle gehört dabei zur historischen Idee eines Albums, dessen Begleittexte und Gestaltung einen eigenen Kontext eröffnen.
Der stärkste Grund, sich mit dieser Platte Zeit zu nehmen, bleibt jedoch die Komposition selbst. The Black Saint and the Sinner Lady verbindet eine außergewöhnlich individuelle Vorstellung von Ausdruck mit einem Ensemble, in dem viele deutlich unterscheidbare Stimmen Platz finden. Die Musik verlangt nicht, dass man beim ersten Durchgang alles entschlüsselt. Sie bietet vielmehr genügend Beziehungen, Kontraste und Formen, um wiederzukommen – und beim nächsten Hören einem anderen Musiker oder einer anderen Bewegung durch dasselbe Werk zu folgen.
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Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Charles MingusPorträt: 1959Kontrabass, KlavierMitwirkung: Album-Besetzung; Satzzuordnung offen
- Jerome RichardsonPorträt: BestandsporträtSopransaxofon, Baritonsaxofon, FlöteMitwirkung: Album-Besetzung; Satzzuordnung offen
- Charlie MarianoPorträt: Ende der 1970er-JahreAltsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung; Satzzuordnung offen
- Dick HaferTenorsaxofon, FlöteMitwirkung: Album-Besetzung; Satzzuordnung offen
- Rolf EricsonPorträt: 1955TrompeteMitwirkung: Album-Besetzung; Satzzuordnung offen
- Richard WilliamsTrompeteMitwirkung: Album-Besetzung; Satzzuordnung offen
- Quentin JacksonPosauneMitwirkung: Album-Besetzung; Satzzuordnung offen
- Don ButterfieldTubaMitwirkung: Album-Besetzung; Satzzuordnung offen
- Jaki ByardPorträt: 1965KlavierMitwirkung: Album-Besetzung; Satzzuordnung offen
- Jay BerlinerGitarre (klassisch)Mitwirkung: Album-Besetzung; Satzzuordnung offen
- Dannie RichmondPorträt: 1961SchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung; Satzzuordnung offen
- Bob HammerArrangement, Co-OrchestrierungMitwirkung: Werk; nicht als Instrumentalist beteiligt
20. Januar 1963, RCA Studios New York; Produktion Bob Thiele, Ton Bob Simpson, Komposition Charles Mingus, Arrangement/Co-Orchestrierung Bob Hammer (kein spielender Musiker). Begleittexte Mingus und Edmund Pollock. Elfköpfige Band; Einzelinstrumente/Soli je Satz nicht vollständig belegt. Sechs Sätze in vier LP-Titeln: Seite B Modes D–F durchgehend. Zeiten der dokumentierten AS-LP, andere Ausgaben abweichend; Whitney/Whitey uneinheitlich.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael hebt bei der Acoustic-Sounds-Ausgabe besonders die außergewöhnlich tiefe Klangbühne hervor und beschreibt sie als Vorführmaterial für seine Anlage. In seiner persönlichen Jazz-Neuauflagenliste für 2021 erreicht sie Platz zwei. Das ist eine persönliche Jahresauswahl verschiedener Alben, kein direkter Vergleich sämtlicher Pressungen dieses Titels.
Michaels Videostelle ansehen · 10:36
In einem separaten direkten Vergleich bevorzugt Michael diese Acoustic-Sounds-Ausgabe mit 33⅓ RPM gegenüber seiner älteren AP-45er. Sein Exemplar spielt ruhiger; außerdem hört er mehr Druck und schärfere Konturen. Die tiefe Klangbühne lobt er bei beiden Ausgaben, die ältere 45er empfindet er als etwas weicher. Die Beobachtung zum Oberflächengeräusch betrifft seine eigenen Exemplare.
🎧 Review video: Charles Mingus: Mingus x5, The Black Saint and the Sinner Lady + Shootout 45 RPM vs. 33,3 RPM
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