Tom Waits aus Holly Coles Perspektive
Mit Temptation widmet sich Holly Cole einem ganzen Kosmos von Songs: dem Liederbuch von Tom Waits. Das 1995 erschienene Album verbindet ihre Stimme mit Klavier, Bass, Schlagzeug und gezielt eingesetzten Gästen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie viel neue Bedeutung ein bekanntes Stück durch eine andere Interpretin gewinnen kann. Wer Holly Cole auf Vinyl kaufen möchte und ein Album mit eigener Dramaturgie sucht, findet hier eine besonders ergiebige Doppel-LP. Diese Analogue-Productions-Ausgabe läuft mit 33⅓ RPM und enthält neunzehn Einträge einschließlich zusätzlicher Titel.
Ein solches Projekt lebt von der Auswahl. Take Me Home, Jersey Girl, Invitation To The Blues oder I Don’t Wanna Grow Up führen in sehr verschiedene Situationen. Schon ihre Nachbarschaft macht deutlich, dass das Album mehr als eine einzige Stimmung entfalten kann. Zärtlichkeit, Sehnsucht, Widerstand und die Möglichkeit eines kleinen musikalischen Bühnenstücks liegen in diesem Repertoire nah beieinander. Cole erhält dadurch viele Ansatzpunkte, ohne den Zusammenhalt des Programms aufgeben zu müssen.
Produzent Craig Street begleitet dieses Vorhaben. Aaron Davis am Klavier und David Piltch an Bass und Perkussion gehören ebenso zur Kernbesetzung wie Dougie Bowne am Schlagzeug. Cole, Davis und Piltch sind zudem für Arrangements genannt. Das ist für den Charakter des Albums wesentlich: Die Songs werden als Material behandelt, dessen Gewichtung, Begleitung und Gestalt sich verändern lassen. Eine neue Interpretation beginnt nicht erst bei der Gesangslinie, sondern bereits bei der Entscheidung, welche Instrumente ihr Raum geben.
Die Plattenseiten machen diese Gestaltung gut nachvollziehbar. Auf kurze Stücke folgen längere Erzählungen, auf kleinere Besetzungen besondere Klangfarben. Der Weg durch das Album gleicht damit dem Blättern in einem Liederbuch, dessen einzelne Seiten unterschiedlich beleuchtet sind. Man kann bei einem vertrauten Titel einsteigen und anschließend dem Programm folgen. Gerade dann zeigt sich, wie produktiv es sein kann, einen Song vorübergehend von der Stimme zu lösen, mit der man ihn ursprünglich verbunden hat.

Eine Band, die in Farben denkt
Die erste Seite beginnt mit Take Me Home und Train Song. Bei Train Song gehört Cyro Baptistas Perkussion zu den ausdrücklich ausgewiesenen Gastbeiträgen. Jersey Girl bringt die Colettes als zusätzliche Stimmen hinzu; Dougie Bowne ist für das Arrangement dieses Titels genannt. Es folgen das Titelstück und Falling Down, bei dem Howard Levy mit Mundharmonika beteiligt ist. Schon in dieser ersten Folge erweitert sich die Grundbesetzung also auf unterschiedliche Weise, statt jedem Stück dieselbe Begleitung überzustreifen.
Das Klavier von Aaron Davis bildet dabei einen wichtigen Bezugspunkt. Zusammen mit David Piltch und Bowne gehört es zum instrumentalen Kern, an den sich die Gäste anschließen. Ein solcher Aufbau eröffnet viele Möglichkeiten: Ein Lied kann von wenigen Stimmen getragen werden, während ein anderes durch zusätzliche Perkussion oder ein weiteres melodisches Instrument eine andere Richtung erhält. Die Besetzung erklärt damit einen Teil der Vielfalt, die dieses Album innerhalb eines gemeinsamen Repertoires anstrebt.
Auf Little Boy Blue treten drei Saxofonstimmen hinzu: Phil Dwyer am Alt-, Earl Seymour am Bariton- und Perry White am Tenorsaxofon. Diese genaue Benennung ist mehr als ein Detail für die Credits. Sie macht sichtbar, dass die Klangfarben bewusst verteilt sind und die zusätzliche Besetzung keine anonyme Kulisse bildet. Die übrige zweite Seite führt von Invitation To The Blues über Cinny’s Waltz und Frank’s Theme zu I Don’t Wanna Grow Up. Das Programm lässt sich damit auch über seine wechselnden Formen erkunden.
Die Gastliste zeigt zugleich, wie sorgfältig zwischen Album-Besetzung und einzelnen Auftritten unterschieden werden sollte. Nicht jeder genannte Musiker spielt auf jedem Titel, und nicht jeder Eintrag ist ein Gesangsstück. Unter der Geschichte stehen deshalb die Kerncredits und die belegten Gastzuordnungen nebeneinander. Beim Hören hilft diese Übersicht, eine bestimmte Farbe einem Namen zuzuordnen, ohne aus einer allgemeinen Albumangabe eine durchgehende Mitwirkung auf allen neunzehn Einträgen zu machen.

Ein Liederbuch mit mehreren Schlusskapiteln
Die dritte Seite beginnt mit Tango Til They’re Sore. Danach steht (Looking For) The Heart Of Saturday Night im Zentrum einer besonders farbigen Besetzung: Rob Piltch spielt Akustikgitarre, Kevin Breit Gitarre, Howard Levy Mundharmonika und Cyro Baptista Perkussion. Auf Soldiers Things sind Levy und Baptista ebenfalls genannt. Die Gästebeiträge verbinden einzelne Stücke miteinander, ohne dass daraus eine feste Zusatzband für das gesamte Album wird. Jeder Song erhält die Besetzung, die für ihn ausgewiesen ist.
Bei I Want You wechselt die Palette zu Streichern. Anne Bourne am Cello, Douglas Perry an der Viola und Anne Lederman an der Violine ergänzen die Aufnahme. Das Verhältnis einer Gesangsstimme zu Saiteninstrumenten eröffnet einen anderen Blick auf den Song als die Saxofonbesetzung von Little Boy Blue. Good Old World schließt diese Seite in einem kurzen Format ab. Solche Größenwechsel geben dem Album einen eigenen Rhythmus: Es muss nicht jeder Titel dieselbe Länge oder dieselbe instrumentale Dichte besitzen.
Die vierte Seite beginnt mit The Briar And The Rose unter Beteiligung von Canadian Brass. Danach folgt eine zweite Fassung von (Looking For) The Heart Of Saturday Night. Sie gehört als eigener Eintrag zur Ausgabe und ist keine versehentliche Wiederholung in der Tracklist. Shiver Me Timbers und Last Rose Of Summer sind als Bonustitel ausgewiesen. Die Doppel-LP eröffnet damit mehrere Möglichkeiten, den Weg durch das Repertoire ausklingen zu lassen, statt nach dem letzten bekannten Albumtitel einfach abzubrechen.
Für Hörer, die Waits’ Songs bereits kennen, liegt der Reiz in den neuen Beziehungen zwischen Stimme, Instrumenten und Auswahl. Wer über Cole zu diesem Repertoire kommt, kann die Platte ebenso als eigenständiges Album entdecken. Tom Waits ist hier der Bezugspunkt des Songbooks, kein mitwirkender Sänger. Diese Unterscheidung ist wichtig für die Erwartung an die Musik: Man kauft ein Interpretationsalbum von Holly Cole und ihrer Besetzung, dessen Zusammenhang aus ihrer Arbeit an diesen Liedern entsteht.
Die 33⅓-RPM-Ausgabe von Analogue Productions
Die hier angebotene Fassung trägt die Katalognummer AAPP 048 und verteilt das Programm auf zwei Stereo-LPs mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute. Sie ist von der separaten 45-RPM-Ausgabe zu unterscheiden. Für das Mastering werden Doug Sax im The Mastering Lab und Gavin Lurssen als Assistenz genannt; der Herausgeber verweist auf die originalen Masterbänder. Quality Record Pressings ist für die Pressung angegeben, Stoughton für das klassische Tip-on-Klappcover. Diese Kombination gehört zur Identität der vorliegenden Neuauflage.
Die Aufnahmecredits nennen Grant Avenue Studio und McClear Pathé; gemischt wurde bei Sear Sound und Manta/Eastern Sound. Danny Kopelson ist für die Aufnahme verantwortlich, Tom Berry für die ausführende Produktion. Solche Angaben machen die Arbeit hinter dem Album nachvollziehbar, ohne eine bestimmte Wirkung auf jeder Anlage zu versprechen. Für den musikalischen Zugang bleibt das Zusammenspiel entscheidend: Coles Stimme, die Kernbesetzung und die von Titel zu Titel ausgewählten Gäste geben dem Programm seine Form.
Die vollständige Tracklist und die Musikerübersicht erleichtern die Auswahl vor dem Kauf und das Nachschlagen während des Hörens. Temptation passt besonders zu einer Sammlung, in der Vocal Jazz, eigenständige Songinterpretationen und sorgfältig gestaltete Albumprogramme einen festen Platz haben. Die Doppel-LP bietet genügend Raum, um sich auf die einzelnen Geschichten einzulassen und auch die kurzen Übergänge als Teil des Ganzen wahrzunehmen.
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Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Holly ColeSpätere Porträtvorlage: 2008Gesang, ArrangementsMitwirkung: Album-Besetzung
- Aaron DavisKlavier, ArrangementsMitwirkung: Album-Besetzung
- David PiltchBass, Perkussion, ArrangementsMitwirkung: Album-Besetzung
- Dougie BowneSchlagzeug, ArrangementMitwirkung: Album-Besetzung; Arrangement A3
- Cyro BaptistaPerkussionMitwirkung: A2, C1, C2, C3
- Howard LevyMundharmonikaMitwirkung: A5, C2, C3
- The ColettesBegleitgesangMitwirkung: A3
- Rhoda DogBenannter StimmcreditMitwirkung: A4
- Phil DwyerAltsaxofonMitwirkung: B4
- Earl SeymourBaritonsaxofonMitwirkung: B4
- Perry WhiteTenorsaxofonMitwirkung: B4
- Rob PiltchAkustikgitarreMitwirkung: C2
- Kevin BreitGitarreMitwirkung: C2
- Anne BourneCelloMitwirkung: C4
- Douglas PerryViolaMitwirkung: C4
- Anne LedermanViolineMitwirkung: C4
- The Canadian BrassBläserMitwirkung: D1
Craig Street: Produktion; Danny Kopelson: Aufnahme; Tom Berry: ausführende Produktion. Grant Avenue Studio und McClear Pathé; Mischung Sear Sound und Manta/Eastern Sound. Doug Sax / The Mastering Lab, assistiert von Gavin Lurssen: Mastering von den Originalbändern; QRP: Pressung; Stoughton: Klappcover. Tom Waits ist Songautor, kein mitwirkender Musiker. Kernbesetzung nach Albumcredits; Gastmitwirkungen titelgenau. Rhoda Dog: benannter Stimmcredit, keine verifizierte Personenidentität. D2 ist die zweite Fassung von The Heart Of Saturday Night; D3/D4 sind Bonustitel.








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