Ein neues Label, fünf vertraute Ausgangspunkte
Sonny Rollins on Impulse! macht den Wechsel des Labels bereits zum Teil seines Titels. Die Aufnahme entstand am 8. Juli 1965 in Rudy Van Gelders Studio in Englewood Cliffs; im August erschien das Album bei Impulse!. Es ist der Beginn einer kurzen, markanten Folge von Rollins-Veröffentlichungen für das Label. Wer daraus jedoch ein einheitliches musikalisches Programm für diese ganze Phase ableitet, übersieht die Eigenart dieser ersten Platte. Hier stehen fünf fremde Kompositionen im Mittelpunkt, gespielt von einem akustischen Quartett.
Rollins wird von Ray Bryant am Klavier, Walter Booker am Kontrabass und Mickey Roker am Schlagzeug begleitet. Diese Namen verdienen die gleiche Aufmerksamkeit wie die auffällige Verbindung von Künstler und Label. Sie bestimmen, welche Art von Gegenüber der Tenorsaxofonist in der Session hat. Bryant bringt eine eigene pianistische Stimme ein, Booker und Roker bilden die Rhythmusgruppe. Es handelt sich weder um ein klavierloses Trio noch um eine große Studiobesetzung, sondern um vier klar benennbare Musiker auf allen fünf Titeln.
Bob Thiele produzierte, Rudy Van Gelder war der Toningenieur. Nat Hentoff schrieb die Begleitnotizen, Chuck Stewart lieferte die Fotografien. Die ursprüngliche Stereoausgabe trägt die Nummer AS-91. Solche Details verorten die Platte innerhalb ihrer Entstehungszeit, doch die musikalische Einladung bleibt unmittelbar: Rollins nimmt bekannte Songs und einen Calypso als Material für seine eigene Arbeit an Form, Melodie und improvisierter Entwicklung. Keine seiner Eigenkompositionen ist nötig, damit daraus ein unverwechselbares Rollins-Album werden kann.
Für eine Sammlung liegt gerade darin ein besonderer Wert. Eine bekannte Melodie erlaubt es, die Entscheidungen des Solisten genauer zu verfolgen, als wenn jeder Ausgangspunkt völlig neu wäre. Man kann sich an ihr orientieren und zugleich hören, wie weit eine Interpretation sich von der bloßen Themenwiedergabe entfernen darf. Die fünf Stücke bilden deshalb keinen neutralen Hintergrund für Saxofontechnik. Sie stellen jeweils andere Aufgaben und eröffnen unterschiedliche Arten, eine musikalische Geschichte über mehrere Minuten hinweg zusammenzuhalten.

Vier Persönlichkeiten in Englewood Cliffs
Ray Bryant ist in dieser Besetzung kein austauschbarer Akkordlieferant. Ein Klavier kann dem Saxofon harmonischen Halt geben, rhythmische Akzente setzen oder eine eigene melodische Antwort anbieten. Welche dieser Möglichkeiten gerade in den Vordergrund tritt, gehört zu den reizvollen Fragen beim Hören. Gerade neben einem so profilierten Solisten lohnt es sich, die Aufmerksamkeit gelegentlich bewusst auf den Pianisten zu richten. Dadurch verändert sich der Blick auf dieselbe Passage: Aus einer Saxofonlinie wird eine Beziehung zwischen zwei Stimmen.
Walter Booker übernimmt den Kontrabass. Seine Rolle ist über das ganze Album hinweg dokumentiert, nicht nur für einen einzelnen Titel. Im Quartett verbindet der Bass harmonische Orientierung mit kontinuierlicher Bewegung. Dabei ist es hilfreich, nicht nur die tiefsten Töne als Fundament wahrzunehmen, sondern die Richtung einer Linie und ihre Verbindung mit dem Schlagzeug zu verfolgen. Der musikalische Zusammenhang entsteht auch dort, wo das Ohr beim ersten Durchgang fast automatisch dem Tenorsaxofon folgt.
Mickey Roker spielt Schlagzeug auf allen fünf Aufnahmen. Zusammen mit Booker bildet er die rhythmische Grundlage, die den unterschiedlichen Songformen einen gemeinsamen Rahmen gibt. Ein guter Höransatz liegt bei Übergängen: Wie wird eine neue Phrase aufgenommen, wo bekommt eine Linie einen Akzent, und wie bleibt der Puls über längere Spannungsbögen hinweg gegenwärtig? Solche Fragen verlangen keine vorgeschriebene Antwort. Sie machen lediglich hörbar, wie viel das Quartett jenseits der Hauptmelodie miteinander verhandelt.
Die einheitliche Besetzung und der einzelne Aufnahmetag geben der Platte eine klare Kontur. Es gibt keine versteckten Gastauftritte, die man aus anderen Impulse!-Alben in diese Credits hineinlesen müsste. Spätere oder frühere Rollins-Gruppen können interessante Vergleichspunkte sein, ersetzen aber nicht die konkrete Konstellation mit Bryant, Booker und Roker. Gerade wenn eine Diskografie groß und stilistisch beweglich ist, hilft diese Genauigkeit: Man begegnet einer bestimmten Gruppe in einem bestimmten Moment, nicht einer zusammengefassten Vorstellung vom gesamten Werk eines Künstlers.

Standards, ein Calypso und Raum zur Entwicklung
„On Green Dolphin Street“ eröffnet das Album. Die Komposition von Bronisław Kaper mit dem Text von Ned Washington gehört zu jenen Songs, die im Jazz ein eigenständiges Leben entwickelten. Auf dieser Platte wird sie zum ersten Ausgangspunkt für das Quartett. Schon hier lohnt es sich, das Verhältnis von Themenform und improvisiertem Verlauf zu verfolgen. Eine Melodie kann Orientierung geben, ohne jede Wendung festzulegen, die sich im Lauf der Interpretation ergibt.
Danach folgt „Everything Happens to Me“ von Matt Dennis und Tom Adair. Mit gut elf Minuten ist es das längste Stück des Albums und beansprucht einen erheblichen Teil der ersten Seite. Diese Zeitspanne verändert die Aufgabe: Ein Song muss nicht nur vorgestellt, sondern über einen längeren Verlauf entwickelt werden. Für konzentriertes Hören bietet sich an, auf Wiederkehr und Abwandlung zu achten. Welche kleinen Figuren bleiben im Gedächtnis, und wie verändert eine neue Umgebung ihre Wirkung? Der Reiz liegt in der Entwicklung, nicht allein in der Länge.
Seite B beginnt mit „Hold ’Em Joe“, dem Harry Thomas zugeschriebenen Calypso. Damit erhält das Programm einen anderen Bezugspunkt als die amerikanischen Standards davor und danach. Die karibische Liedtradition gehört zu Rollins’ musikalischer Welt; hier tritt sie in einer konkreten Komposition hervor. Das Stück sollte deshalb weder als bloßes Zwischenstück behandelt noch mit einem anderen, bekannteren Rollins-Calypso verwechselt werden. Sein eigener Titel und seine Stellung im Ablauf gehören zur Identität dieser Platte.
„Blue Room“ von Richard Rodgers und Lorenz Hart sowie „Three Little Words“ von Harry Ruby und Bert Kalmar schließen die zweite Seite ab. Sie führen wieder zu Songs mit sprachlicher und Bühnen- beziehungsweise Unterhaltungsgeschichte. Dass hier niemand singt, löscht diesen Hintergrund nicht aus. Man kann auf die melodische Gestalt hören, als würde eine gedachte Stimme eine Zeile formen, und dann verfolgen, wie das Saxofon sie instrumental weiterführt. So bleibt die Verbindung zum Lied präsent, während das Quartett eigene Bewegungsmöglichkeiten entwickelt.
Impulse! als zusammenhängender LP-Abend
Die angebotene Ausgabe trägt die Bestellnummer AIMP 42701 und gehört zur Acoustic Sounds Series von Verve/UMe. Sie präsentiert das Stereoalbum auf einer 180-Gramm-LP mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute. Ryan K. Smith bei Sterling Sound verantwortet das Mastering von den analogen Bändern. Die Platte wird bei Quality Record Pressings hergestellt und kommt im Stoughton-Klappcover mit einer gefütterten Innenhülle nach Art der sogenannten Rice-Paper-Sleeves. Diese Angaben beschreiben die konkrete Neuauflage, nicht jede frühere Veröffentlichung desselben Albums.
Bei diesem Programm hat die einzelne 33er einen klaren praktischen Sinn. Die erste Seite gehört den beiden ausgedehnteren Interpretationen von „On Green Dolphin Street“ und „Everything Happens to Me“. Die zweite führt vom Calypso zu „Blue Room“ und „Three Little Words“. Ein einziger Seitenwechsel erhält diese Zweiteilung und lässt den längeren Stücken Raum, ohne ihren Verlauf zusätzlich zu unterbrechen. Das Format unterstützt damit die ursprüngliche Albumdramaturgie: ein ausgedehntes erstes Paar und anschließend drei kürzere, unterschiedlich geprägte Stücke. Diese Aufteilung macht die beiden Seiten auch als eigenständige Abschnitte des Programms gut erkennbar.
Für Sammler ist die saubere Zuordnung zu Rollins’ Impulse!-Phase ebenso wichtig wie der Herstellungsweg. Diese Platte dokumentiert das Quartett vom Juli 1965. Ihre Angaben dürfen nicht mit den anders besetzten Aufnahmen von East Broadway Run Down oder anderen Veröffentlichungen aus derselben Labelgeschichte vermischt werden. Gerade die Unterschiede machen eine Sammlung ergiebig: Ein Künstler kann innerhalb kurzer Zeit verschiedene Ensembleformen und Repertoires verfolgen, ohne dass eine Aufnahme stellvertretend für alle anderen stehen müsste.
Fünf Kompositionen und vier Musiker reichen hier für einen abwechslungsreichen Albumabend. Die lange Dennis-Adair-Ballade, der Calypso und die beiden abschließenden Standards geben Rollins jeweils andere Möglichkeiten, eine Melodie zu betrachten und weiterzuführen. Bryant, Booker und Roker halten diese Begegnungen innerhalb derselben Quartettbesetzung zusammen. Gerade diese Verbindung macht den ersten Impulse!-Auftritt zu einem eigenständigen Kapitel seiner Diskografie. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
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Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Sonny RollinsPorträt: vorhandenes gesichertes PorträtTenorsaxofonMitwirkung: Alle Titel
- Ray BryantPorträt: spätere PorträtfassungKlavierMitwirkung: Alle Titel
- Walter BookerPorträt: 1993 · spätere PorträtvorlageKontrabassMitwirkung: Alle Titel
- Mickey RokerPorträt: 1976 · spätere PorträtvorlageSchlagzeugMitwirkung: Alle Titel
- Bob ThieleProduktionMitwirkung: Aufnahmeproduktion
- Rudy Van GelderToningenieurMitwirkung: Aufnahmeproduktion
Alle fünf Titel: Sonny Rollins, Ray Bryant, Walter Booker und Mickey Roker. 8. Juli 1965, Englewood Cliffs.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael hört schöne Instrumententrennung, Bühne und Dynamik. Gegenüber der älteren AP-45er steht Sonny Rollins’ Saxofon auf der neuen Acoustic-Sounds-Ausgabe für ihn weiter hinten im Raum. Persönlich bevorzugt er die unmittelbarere Präsentation der älteren 45er, lobt aber auch die neue 33⅓-Ausgabe.
🎧 Review video: Shootout: Acoustic Sound: Sonny Rollins: On Impulse, Oliver Nelson: The Blues and The Abstract Truth
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