Sieben Kompositionen, eine eigene Richtung
Giant Steps gehört zu jenen Alben, deren Ruf der ersten Begegnung oft vorauseilt. Man hört von schwierigen Akkordfolgen, rasendem Tempo und einer neuen Stufe des Jazzsaxofons. Das alles berührt wichtige Seiten dieser Musik, doch es beschreibt noch nicht das ganze Album. Zwischen dem Titelstück und Naima, zwischen der unablässigen Bewegung von Countdown und den melodischen Linien von Syeeda’s Song Flute liegen sehr unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeiten. John Coltrane zeigt hier nicht nur, was sich auf dem Tenorsaxofon spielen lässt. Er gestaltet sieben eigene Kompositionen zu einem Programm, in dem Konzentration, Gesanglichkeit und rhythmischer Vorwärtsdrang einander ergänzen.
Die Aufnahmen entstanden 1959, das Album erschien im Februar 1960 bei Atlantic. Es war Coltranes erstes als Bandleader veröffentlichtes Album für das Label. Gerade hatte er mit Miles Davis an Kind of Blue gearbeitet; die Hauptsitzungen für Giant Steps folgten im Mai, nur kurze Zeit nach seinem letzten Aufnahmetermin für jenes Album. Diese Nähe ist faszinierend, weil sie einen Musiker zeigt, der gleichzeitig an sehr verschiedenen Vorstellungen von Form und Improvisation beteiligt war. Die eine Erfahrung erklärt die andere nicht vollständig. Zusammen machen sie die außergewöhnliche Beweglichkeit seines musikalischen Denkens sichtbar.
Alle sieben Stücke stammen von Coltrane. Das verleiht dem Album eine besondere Geschlossenheit, ohne es auf eine einzige Stimmung festzulegen. Wer sich dem berühmten Titel zunächst mit Respekt nähert, findet daneben mehrere offene Türen: einen Blues, ein lyrisches Thema, eine ruhig ausgesungene Ballade. Der Wert dieser Musik erschöpft sich nicht darin, sie zu analysieren. Ihre Linien und Bewegungen laden dazu ein, ihnen zu folgen, auch wenn man keine Akkordsymbole mitliest.

Zwei Rhythmusgruppen und ein gemeinsamer Bassist
Der Weg zur veröffentlichten Fassung war nicht geradlinig. Ein erster Anlauf im März 1959 mit Cedar Walton, Paul Chambers und Lex Humphries führte zu Aufnahmen, die nicht Teil des ursprünglichen Albums wurden. Für die Hauptsitzungen am 4. und 5. Mai arbeitete Coltrane mit Tommy Flanagan am Klavier, Chambers am Kontrabass und Art Taylor am Schlagzeug. Aus diesen Terminen stammen sechs der sieben veröffentlichten Stücke. Aufgenommen wurde in den Atlantic Studios in New York; Nesuhi Ertegun betreute die Produktion, Tom Dowd und Phil Iehle sind für die Aufnahmetechnik genannt.
Die andere Besetzung erscheint auf Naima. Dieser Titel wurde am 2. Dezember 1959 mit Wynton Kelly am Klavier und Jimmy Cobb am Schlagzeug aufgenommen. Chambers blieb am Bass. Damit verbindet er als einziger Begleiter beide Rhythmusgruppen des Albums. Für aufmerksames Hören ist das eine reizvolle Konstellation: Unter demselben Tenorsaxofon verändert sich das Verhältnis von Klavier und Schlagzeug, während der Kontrabass eine personelle Verbindung bewahrt.
Flanagans und Kellys Beiträge stehen deshalb an unterschiedlichen Stellen des Programms, ebenso Taylors und Cobbs Schlagzeug. Die Besetzungsliste darf diese Namen nicht zu einem vermeintlichen Sextett zusammensetzen, das auf allen Titeln gemeinsam spielt. Die veröffentlichte Musik besteht aus zwei Quartettbesetzungen. Gerade bei einem viel besprochenen Album hilft dieser genaue Blick, die einzelnen Aufnahmen wieder als konkrete Begegnungen zwischen Musikern wahrzunehmen: mit bestimmten Aufgaben, Reaktionen und einer gemeinsam gestalteten Zeit.

Bewegung, Blues und die Ruhe von Naima
Das Titelstück fordert durch seine rasch wechselnden harmonischen Zentren heraus. Die später als „Coltrane changes“ bekannten Beziehungen führen durch Tonarten im Großterzabstand. Für den Hörer lässt sich diese Bewegung zunächst ganz unmittelbar verfolgen: Das Thema setzt markante Punkte, während die Improvisation immer neue Wege zwischen ihnen sucht. Man muss die Konstruktion nicht im Einzelnen erklären können, um die Spannung zwischen klarer Form und beweglicher Linie zu erleben. Gerade diese Verbindung machte das Stück zu einem dauerhaften Bezugspunkt für nachfolgende Musiker.
Cousin Mary bietet einen anderen Zugang. Die Bluesform schafft einen vertrauteren Rahmen, innerhalb dessen Coltranes Phrasen ihre eigene Dichte entwickeln. Das kurze Countdown verdichtet die Bewegung erneut, während Spiral und Syeeda’s Song Flute mehr Raum für längere Verläufe eröffnen. Die Reihenfolge wirkt dadurch wie ein Wechsel verschiedener Blickabstände: einmal nah an den raschen Wendungen einer Linie, dann wieder bei einem Thema, dessen Gestalt sich über mehrere Phrasen hinweg entfaltet.
Mit Naima tritt die Ballade an eine besonders wirksame Stelle. Kelly, Chambers und Cobb begleiten eine Tenorstimme, deren Ausdruck aus dem Ausklingen und Verbinden der Töne entsteht. Es lohnt sich, hier ebenso auf die Zwischenräume wie auf die Melodie zu achten. Der Schluss mit Mr. P.C. stellt anschließend erneut die gemeinsame Bewegung des Mai-Quartetts heraus. So endet das Album nicht als Sammlung technischer Aufgaben, sondern als Musik von vier aufeinander bezogenen Stimmen. Für Sammler liegt darin ein guter Grund, einen scheinbar längst bekannten Klassiker regelmäßig wieder aufzulegen: Sein Ansehen ist groß, seine einzelnen musikalischen Beziehungen bleiben lebendig.
Die Atlantic-75-SACD in Stereo
Die hier angebotene Ausgabe trägt die Katalognummer CAPA 010 SA und gehört zur Atlantic 75 Series von Analogue Productions. Sie enthält die sieben Originaltitel auf einer Hybrid-Stereo-SACD. Die CD-Schicht ist mit gewöhnlichen CD-Spielern kompatibel; für die DSD-Schicht wird ein SACD-Spieler benötigt. Bonusaufnahmen, alternative Takes und die verworfene Märzbesetzung sind nicht Teil dieses Programms. Die Disc wird in einer Super Jewel Box geliefert.
Ryan K. Smith bei Sterling Sound verantwortet das Mastering. Analogue Productions beschreibt einen direkten Transfer vom originalen Masterband nach DSD. Das ist die Quellenangabe des Herausgebers; eine bestimmte DSD-Rate oder ein bestimmter Wandler werden nicht genannt. Die Ausgabe enthält Stereo und sollte deshalb auch nicht mit der früheren japanischen Mono-SACD gleichgesetzt werden. Ebenso gehören Drehzahl, vier Plattenseiten und die Presswerksangaben der separaten Atlantic-75-LP nicht zu dieser Disc.
Auf der SACD lässt sich die Folge von Giant Steps bis Mr. P.C. ohne Seitenwechsel erleben. Das ist eine andere praktische Form der Albumbegegnung, kein vorweggenommenes Urteil über ihre Überlegenheit gegenüber einer anderen Ausgabe. Die sorgfältig benannten Eigenschaften helfen, genau diese Veröffentlichung auszuwählen; die Musik selbst gibt den Anlass, Zeit mit ihr zu verbringen. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Auch als LP mit 45 RPM: Giant Steps
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Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- John ColtraneTenorsaxofon (1, 2, 3, 4, 5, 6, 7)Mitwirkung: 1–7
- Tommy FlanaganKlavier (1, 2, 3, 4, 5, 7)Mitwirkung: 1–5, 7
- Wynton KellyKlavier (6)Mitwirkung: 6
- Paul ChambersKontrabass (1, 2, 3, 4, 5, 6, 7)Mitwirkung: 1–7
- Art TaylorSchlagzeug (1, 2, 3, 4, 5, 7)Mitwirkung: 1–5, 7
- Jimmy CobbSchlagzeug (6)Mitwirkung: 6
Albumcredits bedeuten nicht, dass jedes Instrument auf jedem Titel gespielt wird. Gesicherte Titelzuordnungen stehen bei den jeweiligen Rollen; weitergehende Zuordnungen bleiben offen.













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