Ein Trio, ein Dezember und elf Stücke
Night Train gehört zu jenen Jazzalben, deren überschaubare Besetzung einen ganzen musikalischen Kosmos öffnet. Oscar Peterson am Klavier, Ray Brown am Kontrabass und Ed Thigpen am Schlagzeug: Drei Namen, keine zusätzlichen Bläser und keine wechselnden Gastsolisten. Die Aufnahmen entstanden im Dezember 1962 in Los Angeles; Verve veröffentlichte das Album 1963. Elf Stücke bilden das ursprüngliche Programm. Ihr Zusammenhang ergibt sich nicht aus einer langen Suite, sondern aus dem Repertoire und aus der Beständigkeit dieses Trios. Blues, Songs und Kompositionen aus dem Umfeld Duke Ellingtons begegnen sich auf zwei LP-Seiten.
Die Aufnahmegeschichte führt zu Radio Recorders in Hollywood. Diskografische Angaben nennen den 15. und 16. Dezember, während die Herausgeberseite dieser Neuauflage den 16. Dezember hervorhebt. Für die Einordnung ist der gemeinsame Kern klar: Es handelt sich um die Dezember-Aufnahmen von 1962 mit genau diesem Trio. Norman Granz betreute Peterson weiterhin, obwohl er Verve zu diesem Zeitpunkt bereits verkauft hatte. Val Valentin wird in den Credits als Director of Engineering geführt. Die Geschichte des Albums liegt damit an einem interessanten Übergang zwischen persönlicher künstlerischer Betreuung und einer veränderten Labelstruktur.
Das Programm ist kompakt, aber nicht klein gedacht. Ein Titel wie „C Jam Blues“ verbindet sich mit dem Ellington-Repertoire; „Bags‘ Groove“ führt zu Milt Jackson; „Georgia on My Mind“ zu Hoagy Carmichael und Stuart Gorrell. Am Ende steht Petersons eigene „Hymn to Freedom“. Wer diese Namen und Zusammenhänge verfolgt, findet auf einer einzigen Platte mehrere Wege durch die Jazzgeschichte. Zugleich braucht es diese Landkarte nicht, um dem Trio zu begegnen. Die elf Stücke können zunächst einfach als bewusst gewählte Folge eigenständiger Themen gehört werden.

Oscar Peterson, Ray Brown und Ed Thigpen
Die Bezeichnung Klaviertrio kann den Blick leicht auf das Tasteninstrument verengen. Bei Night Train lohnt es sich, Ray Brown und Ed Thigpen von Anfang an als gleichberechtigte Bestandteile der musikalischen Identität wahrzunehmen. Der Kontrabass übernimmt nicht nur die Aufgabe, harmonische Grundtöne bereitzustellen. Seine Linien verbinden Ereignisse, markieren Wege und können eine eigene Richtung innerhalb des Stücks entwickeln. Das Schlagzeug wiederum gestaltet Zeit nicht ausschließlich durch Lautstärke oder Fülle. Auch die Wahl, eine Figur zu beantworten oder einen Raum offen zu lassen, gehört zur Arbeit eines Trios.
Für Peterson entsteht daraus ein beweglicher Zusammenhang. Eine Klavierlinie kann sich auf das Fundament von Bass und Schlagzeug beziehen, mit ihm übereinstimmen oder sich von ihm absetzen. Ein bekannter Standard bietet einen besonders guten Ausgangspunkt, solche Beziehungen zu verfolgen: Das Thema bleibt als Orientierung erhalten, während sich die Aufmerksamkeit auf die gemeinsame Gestaltung richtet. Dabei ist es nicht nötig, das Gehör in ein technisches Prüfverfahren zu verwandeln. Man kann schlicht darauf achten, wie ein Stück von drei Musikern getragen wird, auch wenn nur einer gerade die deutlichste melodische Stimme übernimmt.
Die Kontinuität der Besetzung über alle elf Titel ist ein wesentlicher Teil des Albums. Es gibt keinen neuen Gast, der nach wenigen Minuten die Perspektive vollständig wechselt. Unterschiede entstehen innerhalb desselben Gesprächs. Für Sammler ist das ein reizvoller Gegenpol zu Platten, deren Interesse aus großen Besetzungen oder spektakulären Kombinationen erwächst. Hier lässt sich die Arbeit einer festen kleinen Gruppe über ein vollständiges Programm verfolgen. Gerade nach einer Aufnahme, auf der Peterson andere Solisten begleitet, kann Night Train einen besonders konzentrierten Blick auf die eigene Trioarbeit eröffnen.

Vom Titelstück bis zur Hymn to Freedom
„Night Train“ eröffnet Seite A, gefolgt von „C Jam Blues“ und „Georgia on My Mind“. Schon diese ersten drei Titel setzen unterschiedliche Bezugspunkte, ohne die gemeinsame Besetzung zu verändern. Danach führt „Bags‘ Groove“ zu einer Komposition Milt Jacksons, bevor „Moten Swing“ und „Easy Does It“ die Seite schließen. Sechs Stücke stehen damit auf der ersten Hälfte. Die relativ knappen Formen vieler Titel erlauben es, mehrere Themen kennenzulernen, ohne dass das Album zu einer bloßen Aneinanderreihung von Anspielstellen wird. Jeder Titel bleibt eine vollständige Station innerhalb des Ablaufs.
Die zweite Seite beginnt mit „Honey Dripper“. Es folgen „Things Ain’t What They Used to Be“, „I Got It Bad and That Ain’t Good“ und „Band Call“. Damit bleibt das Ellington-Umfeld deutlich präsent. Wichtig ist dabei die genaue Autorenschaft: „Things Ain’t What They Used to Be“ führt zu Mercer Ellington und ist nicht einfach jede bekannte Ellington-Nummer automatisch Duke allein zuzuschreiben. Das Repertoire verbindet Kompositionen mit unterschiedlichen Geschichten. Petersons Trio ist der gemeinsame Ort, an dem sie für diese Aufnahme zusammenkommen.
Mit „Hymn to Freedom“ schließt das Originalalbum. Die eigene Komposition steht nach zehn Stücken anderer Autoren und erhält dadurch eine besondere Position innerhalb der Folge. Der Herausgeber bezeichnet die hier enthaltene Aufnahme als früheste Fassung des Stücks. Für einen Zugang zur Platte reicht zunächst die Beobachtung dieser Platzierung: Nach Blues- und Songrepertoire endet das Programm mit einem eigenen Beitrag des Pianisten. Die Sammlung wird dadurch nicht nachträglich zu einem Konzeptalbum; sie bekommt aber einen deutlich benannten persönlichen Schlusspunkt.
Eine ganze LP-Seite am Stück zu hören kann bei diesem Album ebenso ergiebig sein wie der gezielte Blick auf einen einzelnen Titel. Wer die Standards bereits kennt, kann ihre Unterschiede im Triozusammenhang verfolgen. Wer sie erst kennenlernt, erhält elf klar benannte Ausgangspunkte, von denen aus sich weitere Aufnahmen erschließen lassen. Diese doppelte Möglichkeit macht eine solche Platte für eine wachsende Sammlung interessant: Sie kann vertrauter Begleiter werden und zugleich Türen zu anderen Komponisten, Bandleadern und Besetzungen öffnen.
Die Acoustic-Sounds-LP mit dem Originalprogramm
Die angebotene Ausgabe AVER 79601 gehört zur Acoustic Sounds Series von Verve und Universal Music Enterprises. Das Album liegt auf einer 180-Gramm-Stereo-LP mit 33⅓ Umdrehungen vor. Der Herausgeber nennt Ryan K. Smith bei Sterling Sound für das Mastering von den Original-Analogbändern. Gefertigt wird die Platte bei Quality Record Pressings; hinzu kommt eine klassische Tip-on-Klapphülle von Stoughton Printing. Diese Angaben beschreiben die konkrete Neuauflage und helfen, sie von den zahlreichen anderen Veröffentlichungen desselben Albumtitels zu unterscheiden.
Enthalten sind die elf Stücke der ursprünglichen LP, mit sechs Titeln auf der ersten und fünf auf der zweiten Seite. Zusätzliche Aufnahmen späterer CD-Ausgaben sind nicht Bestandteil dieses Programms. Das 33⅓-Format erhält die beiden größeren Hörabschnitte einer einzelnen Platte und benötigt nur einen Seitenwechsel. Für jemanden, der das Trio über mehrere aufeinanderfolgende Stücke begleiten möchte, ist dieser Ablauf ein nachvollziehbarer praktischer Vorzug. Er ist kein Ersatz für eine konkrete Hörbeurteilung verschiedener Pressungen, sondern ein Merkmal der hier angebotenen Ausgabe.
Night Train verbindet eine überschaubare Form mit zahlreichen musikalischen Beziehungen: Peterson, Brown und Thigpen als feste Besetzung, ein deutlicher Bezug zu Blues und Ellington sowie „Hymn to Freedom“ als eigener Abschluss. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir übernehmen den US-Import und versenden aus Hilden. Für Musikliebhaber, die an einer kleinen Gruppe sowohl die einzelnen Persönlichkeiten als auch das Zusammenspiel entdecken möchten, bietet dieses Album reichlich Anlass, länger bei denselben drei Musikern zu bleiben.
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Serie: Verve – alle 34 Platten: Stimmen, Orgel und Bossa Nova
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Oscar PetersonPorträtvorlage 1978KlavierMitwirkung: Alle Titel
- Ray BrownPorträtvorlage 1976KontrabassMitwirkung: Alle Titel
- Ed Thigpenspätere undatierte VorlageSchlagzeugMitwirkung: Alle Titel
Das Trio spielt auf allen elf Titeln. Aufnahme Dezember 1962; Diskografien nennen 15./16. Dezember, der Herausgeber den 16. Dezember. Keine Bonusstücke späterer CD-Ausgaben.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael lobt den präsenten, mittig stehenden Klavierklang und die gut eingefangenen dynamischen Wechsel zwischen den Instrumenten. Zugleich fällt ihm das stellenweise sehr dominante Becken auf. Einen Vergleich mit der älteren ORG-45er hat er nicht vorgenommen.
🎧 Review video: Acoustic Sound Series: Oscar Peterson: Night Train + Blue Note TP: Donald Byrd
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