Oliver Nelson vor dem großen Impulse!-Album
Ein Jahr vor The Blues and the Abstract Truth stand Oliver Nelson bereits mit Eric Dolphy und Roy Haynes in einem Aufnahmestudio. Screamin‘ the Blues entstand am 27. Mai 1960 in Englewood Cliffs und erschien Anfang 1961 auf New Jazz, einem Label im Prestige-Umfeld. Die Verbindung zum späteren berühmten Album macht neugierig, sollte diese frühere Aufnahme aber nicht auf eine bloße Vorstufe reduzieren. Hier steht ein eigenes Sextett mit einem eigenen Programm: sechs Kompositionen, davon fünf aus Nelsons Feder, gespielt von Musikern, deren unterschiedliche Instrumente dem kleinen Ensemble mehrere klangliche Möglichkeiten geben.
Nelson war noch nicht vor allem als Arrangeur und Leiter großer Ensembles bekannt. In St. Louis geboren, hatte er bei Louis Jordan Altsaxofon gespielt und arrangiert, später in einer Marine-Band gearbeitet und Komposition sowie Musiktheorie studiert. Ein Orchesterkonzert mit Musik von Ravel und Hindemith während seiner Zeit in Japan wird in seiner Biografie als wichtiger Anstoß für die Beschäftigung mit Komposition genannt. Diese verschiedenen Erfahrungen führen nicht automatisch zu einer bestimmten Jazzsprache. Sie helfen aber zu verstehen, warum bei Nelson Instrumentalist und schreibender Musiker so eng zusammengehören.
Seit 1959 nahm er als Leader für Prestige auf. Screamin‘ the Blues gehört in diese frühe Kleingruppenphase. Esmond Edwards produzierte die Session und lieferte auch eine Komposition; Nat Hentoff schrieb die Begleitnotizen. Rudy Van Gelder verantwortete die Aufnahme, Edwards das Coverfoto. Die ursprüngliche Katalognummer lautet NJLP 8243. Aufnahmejahr und Veröffentlichungsjahr sollten dabei getrennt bleiben: Die Musik wurde im Mai 1960 eingespielt, die dokumentierte Veröffentlichung fällt in den Januar 1961. Für ein Sammlerregal ist das ein kleiner, aber hilfreicher Unterschied, gerade wenn das Album neben Nelsons späteren Aufnahmen eingeordnet wird.

Drei Bläser, mehr als drei Farben
Die vordere Reihe besteht aus Oliver Nelson an Tenor- und Altsaxofon, Eric Dolphy an Altsaxofon und Bassklarinette sowie Richard Williams an der Trompete. Richard Wyands spielt Klavier, George Duvivier Kontrabass und Roy Haynes Schlagzeug. Alle sechs sind für das Album dokumentiert. Die Mehrfachinstrumente erweitern die Möglichkeiten des Ensembles, ohne dass dafür zusätzliche Spieler hinzukommen müssen. Eine Bassklarinette bringt eine andere Bauweise, Tonlage und Klangfarbe mit als ein Saxofon; die Trompete setzt dazu eine eigenständige Blechbläserstimme. Schon die Besetzung zeigt, warum diese Aufnahme nicht einfach auf „drei Bläser plus Rhythmusgruppe“ reduziert werden sollte.
Welche Stücke Nelson auf Alt beziehungsweise Tenor spielt und auf welchen Titeln Dolphy zur Bassklarinette wechselt, ist in den herangezogenen Quellen nicht zuverlässig titelgenau aufgeschlüsselt. Ein Name wie „Alto-Itis“ ersetzt dafür keinen eindeutigen Credit. Die Instrumente gehören zur gesicherten Albumbesetzung, ihre genaue Verteilung sollte jedoch nicht aus einem Titel geraten werden. Für das Hören ist das kein Verlust: Man kann die unterschiedlichen Stimmen verfolgen, ohne eine ungesicherte Zuordnung als Voraussetzung mitzubringen. Die kleinen Porträts und die vollständigen Namen im Musikerblock helfen dabei, das Ensemble als sechs individuelle Beteiligte wahrzunehmen.
Auch die drei Musiker hinter den Bläsern verdienen einen eigenen Blick. Wyands, Duvivier und Haynes stellen nicht einfach einen neutralen Hintergrund bereit. In einer komponierten Kleingruppenmusik treffen Harmonie, Bassbewegung und Schlagzeug auf festgelegte Themen und offene solistische Räume. Wo die Instrumente gemeinsam eine Form tragen und wo eine einzelne Stimme hervortritt, ist ein lohnender Zugang zu diesem Album. Nelsons Doppelrolle als Autor und Saxofonist macht diese Frage besonders interessant: Er beteiligt sich selbst an einem Zusammenhang, den er für die Gruppe mit entworfen hat.

Fünf Nelson-Stücke und ein Beitrag des Produzenten
Das Titelstück eröffnet Seite A. Danach folgt „March On, March On“, die Komposition von Esmond Edwards. Dass der Produzent zugleich als Autor eines Stücks im Programm erscheint, ist ein reizvolles Detail dieser Session. Es bedeutet jedoch nicht, dass Edwards zu den sechs Instrumentalisten gehört. Seine Beteiligung liegt auf einer anderen Ebene. „The Drive“ beschließt die erste Seite. Die Reihenfolge stellt damit zwei Nelson-Kompositionen um den Beitrag seines Produzenten und gibt dem Album einen klaren ersten Abschnitt.
Auf Seite B stehen „The Meetin’“, „Three Seconds“ und „Alto-Itis“, alle von Nelson. Die Titel sind prägnant, doch ihr eigentlicher Zusammenhang entsteht durch das gemeinsame Sextett und die kompositorische Handschrift. Für einen Hörzugang lohnt es sich, nicht nur auf die Soli zu warten. Wie führt ein Thema die Band zusammen? Welche Instrumente werden als gemeinsame Stimmen wahrnehmbar, welche treten einzeln hervor? Und wie verändert sich die Wirkung eines Stücks, wenn man beim nächsten Durchgang auf Haynes oder Duvivier statt auf einen der Bläser achtet? Solche Perspektivwechsel können aus sechs bekannten Titeln wieder neue Begegnungen machen.
Die spätere Verbindung zu The Blues and the Abstract Truth ist dabei ein guter Wegweiser. Nelson, Dolphy und Haynes sind Teil beider Geschichten. Auch Straight Ahead gehört in das Umfeld dieser Zusammenarbeit; der Herausgeber verweist auf die Besetzung ohne Williams. Trotzdem haben diese Alben unterschiedliche Programme und sollten nicht ineinander aufgehen. Wer das bekanntere Impulse!-Album bereits besitzt, findet hier keine bloße Ersatzfassung. Interessant ist vielmehr, welche musikalischen Beziehungen schon vorher bestanden und wie eine andere Gruppe von Kompositionen denselben Beteiligten einen anderen Rahmen geben kann.
Auch zeitgenössisch wurde Screamin‘ the Blues wahrgenommen: Leonard Feather besprach es im März 1961 in DownBeat und bewertete es als Nelsons bis dahin beste Platte. Ein solches Urteil gehört zur Rezeptionsgeschichte, ist aber kein Ersatz für die eigene Begegnung mit der Musik. Für heutige Sammler ist vor allem wertvoll, dass Nelson hier zugleich als Spieler, Komponist und Leiter greifbar wird. Seine spätere Bekanntheit als Arrangeur muss dieses frühe Kapitel nicht überstrahlen. Das Album dokumentiert eine Band mit sechs Namen und sechs Stücken, in der seine Arbeit im unmittelbaren Maßstab eines Sextetts stattfindet.
Die Analogue-Productions-LP im richtigen Zusammenhang
Die angebotene Ausgabe trägt APRJ 8243 und gehört zur Prestige-Stereo-Reihe von Analogue Productions. Sie enthält das Album als eine Stereo-LP mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute. Kevin Gray wird für den Schnitt genannt, Quality Record Pressings für die Pressung und Gary Salstrom für die Galvanik. Der Herausgeber beschreibt die Reihe als von den analogen Masterbändern gemastert; zur Ausstattung gehört ein Tip-on-Cover. Diese Angaben betreffen die AP-Wiederveröffentlichung des New-Jazz-Albums und nicht eine neu zusammengestellte Edition mit zusätzlichen Stücken.
Die Auflagen unterscheiden sich in Details. Eine frühere nummerierte AP-Ausgabe von 2015 ist mit 200 Gramm und Deep-Groove-Etiketten dokumentiert. Eine spätere Ausgabe von 2022 wird mit 180 Gramm und ohne Deep Groove geführt; auch die aktuelle Herausgeberangabe nennt 180 Gramm. Diese Merkmale sollten nicht vermischt werden. Ohne Besichtigung des einzelnen Lagerexemplars sind historische Nummerierung und ein bestimmtes Etikettendetail keine Zusage für jede heute angebotene Platte. Katalognummer, Stereoformat und das originale Sechs-Titel-Programm bilden die sichere Grundlage der Zuordnung.
Mit drei Titeln pro Seite bleibt die Albumform übersichtlich. Ein Seitenwechsel trennt zwei zusammenhängende Gruppen von Kompositionen, ohne die Besetzung zu verändern. Für Musikliebhaber ist Screamin‘ the Blues damit eine Gelegenheit, Nelsons frühe Arbeit in einem konzentrierten Rahmen kennenzulernen; für Sammler ergänzt es die Geschichte von Nelson, Dolphy und Haynes um eine konkret datierte Begegnung. Man muss dem Album keinen Rang als vermeintlich einzig richtige Vorstufe geben. Seine eigenen Stücke, seine ungewöhnlich vielseitige Bläserbesetzung und seine drei rhythmischen Partner liefern genügend Gründe, ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Analogue Productions Prestige – alle 50 Platten, Musiker und Session-Pfade
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Oliver NelsonTenorsaxofon, AltsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung
- Eric DolphyAltsaxofon, BassklarinetteMitwirkung: Album-Besetzung
- Richard WilliamsTrompeteMitwirkung: Album-Besetzung
- Richard WyandsKlavierMitwirkung: Album-Besetzung
- George DuvivierKontrabassMitwirkung: Album-Besetzung
- Roy HaynesSchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung
Aufnahme: 27. Mai 1960, Englewood Cliffs. Rudy Van Gelder, Toningenieur. Analogue Productions: Kevin Gray, Schnitt; QRP, Pressung. Nelson und Dolphy: Instrumentwechsel nicht titelgenau gesichert.











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