Coltrane im Februar 1958
Soultrane zeigt John Coltrane in einem Moment, in dem seine musikalische Sprache mit großer Geschwindigkeit an Eigenständigkeit gewann. Die Aufnahme entstand am 7. Februar 1958 bei Rudy Van Gelder in Hackensack. Am Tenorsaxofon steht Coltrane allein vor Red Garland, Paul Chambers und Art Taylor. Keine Trompete teilt sich mit ihm die Melodieführung, kein größerer Bläsersatz gibt dem Album seine Farbe. Das Quartett lässt sich dadurch besonders unmittelbar als Begegnung eines Solisten mit drei Partnern hören, die auf sehr unterschiedliche Weise an seiner Bewegung beteiligt sind.
Coltrane und Garland kannten einander aus Miles Davis‘ Quintett; auch Chambers gehörte zu diesem musikalischen Zusammenhang. Taylor wiederum war mit Garlands Trioarbeit vertraut. Solche Verbindungen sind mehr als biografische Fußnoten. Sie erklären, weshalb eine Session nicht bei null beginnen muss, obwohl die Platte einen einzelnen Aufnahmetag dokumentiert. Gemeinsame Erfahrungen schaffen einen Vorrat an Reaktionen: Wie lange kann eine Phrase offenbleiben? Wann verträgt sie eine deutliche harmonische Antwort? Wie trägt die Rhythmusgruppe einen Solisten, der seine Linien immer weiter verdichtet? Die Antworten entstehen im Spielen, nicht allein aus den Namen auf dem Cover.
Das Album erschien 1958 bei Prestige unter der Nummer 7142. Es umfasst fünf Kompositionen, keine davon von Coltrane selbst. Gerade das macht es zu einer interessanten Station in seiner Entwicklung. Die Eigenständigkeit liegt hier nicht in einem neuen Repertoire aus eigener Feder, sondern im Umgang mit bereits vorhandenen Melodien und harmonischen Formen. Ein bekannter Song kann bei einem Musiker zu einer so persönlichen Aussage werden, dass die Unterscheidung zwischen Interpretation und schöpferischer Arbeit wenig hilfreich erscheint. Soultrane lädt dazu ein, diese Arbeit an der Form über längere Strecken zu verfolgen.

Red Garland, Paul Chambers und Art Taylor
Red Garland ist für die Gestalt dieses Albums entscheidend. Sein Klavier kann dem Tenorsaxofon einen klaren harmonischen Boden geben, aber auch einen anderen zeitlichen Maßstab eröffnen. Während eine Bläserlinie vorwärtsdrängt, kann ein gesetzter Akkord Gewicht und Ruhe schaffen. Garlands eigene Solopassagen lenken die Aufmerksamkeit auf eine weitere Art, dieselben Veränderungen zu durchschreiten. Wer zunächst wegen Coltrane zu dieser Platte greift, sollte bei einem weiteren Durchgang dem Pianisten folgen. Die Beziehung beider Musiker gehört zu den beständigen Reizen dieser Aufnahme.
Paul Chambers am Kontrabass und Art Taylor am Schlagzeug vervollständigen das Quartett. Der Bass verbindet die Akkordbewegung mit einer hörbaren Linie, die auch dann ihre eigene Richtung behält, wenn das Tenor sehr dicht spielt. Das Schlagzeug gliedert diese gemeinsame Zeit und kann die Energie eines Abschnitts mit kleinen Entscheidungen verändern. Es lohnt sich, zwischen tragendem Puls und kommentierendem Akzent zu unterscheiden. Beides wirkt zusammen, ohne dieselbe Aufgabe zu erfüllen. Gerade in einer Besetzung mit nur einem Bläser lässt sich die Verantwortung jedes einzelnen Musikers gut verfolgen.
Die berühmte Vorstellung von Coltranes „Sheets of Sound“ ist eng mit dieser Phase und Ira Gitlers Beschreibung seines Spiels verbunden. Der Ausdruck kann hilfreich sein, solange er nicht zur einzigen Erwartung an das Album wird. Soultrane besteht nicht aus einem einzigen ununterbrochenen Strom schneller Noten. Die Balladen stellen andere Anforderungen, und selbst in bewegteren Passagen bleiben Phrasen, Atem und harmonische Orientierung wichtig. Ein guter Hörzugang ist deshalb, Verdichtung und Entspannung nebeneinander wahrzunehmen. Dann wird aus einem Schlagwort wieder eine musikalische Frage: Wie verändert sich eine Linie, wenn sie mehr Material auf engem Raum unterbringt?

Fünf fremde Kompositionen, eine persönliche Sprache
Good Bait, mit Tadd Dameron und Count Basie verbunden, eröffnet die erste Seite. Die ausgedehnte Darbietung gibt dem Quartett Zeit, einen gemeinsamen Verlauf aufzubauen. Ihr folgt Billy Eckstines I Want to Talk About You, eine Ballade, die Coltrane später wieder aufgreifen sollte. Auf dieser Platte steht sie in einem frühen Quartettzusammenhang. Die beiden Stücke bilden eine reizvolle Paarung: nicht einfach schnell gegen langsam, sondern zwei unterschiedliche Möglichkeiten, eine Melodie über längere Zeit lebendig zu halten. Das Thema bleibt ein Bezugspunkt, auch wenn sich die Improvisation weit davon entfernt.
Auf der zweiten Seite führt You Say You Care von Jule Styne und Leo Robin in die Welt des amerikanischen Musicals. Theme for Ernie von Fred Lacey ist dem Altsaxofonisten Ernie Henry gewidmet, der Ende 1957 starb. Ein solcher Hintergrund verändert nicht automatisch das Hören, kann aber die Aufmerksamkeit auf die Zurückhaltung und die Gewichtung einer Ballade lenken. Es geht nicht darum, eine bestimmte Emotion vorgeschrieben zu bekommen. Interessant ist, wie ein Instrument eine Melodie sprechen lässt, welche Töne es auskostet und wo es Platz zwischen den Sätzen lässt.
Den Abschluss bildet Irving Berlins Russian Lullaby. Garlands freies Vorspiel und der anschließende bewegte Verlauf schaffen innerhalb eines einzigen Titels einen deutlichen Wechsel der Perspektive. Der Name „Wiegenlied“ legt dabei nicht fest, in welchem Tempo die Musiker das Material behandeln müssen. Auch der Albumtitel verdient eine kleine Klarstellung: Tadd Damerons Komposition Soultrane, die Coltrane zuvor auf Mating Call aufgenommen hatte, steht nicht auf dieser LP. Die fünf Stücke dieses Albums besitzen ihre eigenen Autoren und Geschichten. Gerade diese Auswahl macht sichtbar, wie Coltrane sehr verschiedenes Material durch seine persönliche Sprache miteinander verbinden konnte.
Eine LP, zwei lange musikalische Bögen
Analogue Productions veröffentlicht diese Mono-Ausgabe unter APRJ 7142 innerhalb der Prestige-Mono-Reihe. Kevin Gray wird vom Herausgeber für den Schnitt von analogen Masterbändern genannt; die Pressung erfolgt laut aktueller Produktbeschreibung bei Quality Record Pressings auf 180-Gramm-Vinyl. Dazu gehört eine hochglänzende Tip-on-Hülle. Die Edition hält Coltranes fünfteilige Auswahl als geschlossenes Album zusammen. Gerade neben seinen späteren großen Werken verdient diese Aufnahme einen eigenen Platz: Sie verbindet den vertrauten Song mit weit gespannten Improvisationen und zeigt, wie tragfähig die Zusammenarbeit mit Garland, Chambers und Taylor für seine musikalischen Gedanken war.
Die einzelne LP läuft mit 33⅓ Umdrehungen. Auf der ersten Seite bleiben die beiden langen Darbietungen Good Bait und I Want to Talk About You zusammen; die zweite Seite führt durch drei weitere Charaktere. Das ist bei diesem Album mehr als eine technische Aufteilung. Die Musik kann längere Bögen entwickeln, und die beiden Seiten bilden jeweils einen eigenen Abschnitt des Programms. Wer Coltranes Aufbau einer Improvisation verfolgen möchte, profitiert von dieser Kontinuität. Der Seitenwechsel setzt eine Pause, ohne die einzelnen Darbietungen zusätzlich zu zerteilen.
Mono bündelt die Aufmerksamkeit auf das gemeinsame Geschehen. Statt einer demonstrativen Verteilung der Instrumente im Stereopanorama interessieren die Abstufungen innerhalb des Quartetts: die Kontur des Tenors, Garlands harmonische Antworten, Chambers‘ Linie und Taylors Akzente. Soultrane ist eine besonders ergiebige Wahl für Hörer, die Coltranes Entwicklung nicht nur über die späteren großen Wendepunkte kennenlernen möchten. Die Aufnahme verbindet ausgedehnte Improvisation mit Liedmelodien und Balladen, technische Dichte mit der Arbeit an einem einzelnen Ton. Sie besitzt genügend Eigenleben, um nicht lediglich als Vorstufe einer späteren Musik in der Sammlung zu stehen.
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Auch als SACD: Soultrane
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Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Analogue Productions Prestige – alle 50 Platten, Musiker und Session-Pfade
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Paul ChambersKontrabassMitwirkung: Album-Besetzung
- Art TaylorSchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung
- Red GarlandKlavierMitwirkung: Album-Besetzung
- John ColtraneTenorsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung
Titel- und Seitenangaben beziehen sich auf diese LP-Ausgabe.











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