Das Quartett vor einem großen Schritt
Crescent gehört zu den Alben, bei denen ein Blick auf das Entstehungsjahr besonders aufschlussreich ist. Im Frühjahr 1964 arbeiteten John Coltrane, McCoy Tyner, Jimmy Garrison und Elvin Jones an diesen fünf Kompositionen; im Dezember desselben Jahres sollte A Love Supreme entstehen. Die zeitliche Nähe ist wichtig, aber sie erklärt nicht die ganze Platte. Crescent verdient es, als eigenständiges Werk gehört zu werden: ein konzentriertes Bild des klassischen Quartetts, in dem Coltranes eigene Stücke und die unterschiedlichen Persönlichkeiten seiner Partner gemeinsam das Album formen.
Die veröffentlichten Fassungen stammen aus zwei Sitzungen im Van Gelder Studio in Englewood Cliffs. Am 27. April 1964 entstanden „Wise One“, „Lonnie’s Lament“ und „The Drum Thing“. Die Albumversionen des Titelstücks und von „Bessie’s Blues“ wurden am 1. Juni 1964 aufgenommen. Am Apriltermin hatte die Gruppe bereits frühere Fassungen dieser beiden Stücke eingespielt; sie sind nicht mit den später für die LP ausgewählten Aufnahmen zu verwechseln. Bob Thiele produzierte, Rudy Van Gelder betreute die Tonaufnahme. Impulse! veröffentlichte Crescent im Juli 1964 als A-66 beziehungsweise AS-66.
Alle fünf Kompositionen stammen von Coltrane. Das schafft Zusammenhang, ohne die Band auf eine einzige Perspektive zu beschränken. Gerade die zweite Seite lenkt die Aufmerksamkeit sehr entschieden auf Bass und Schlagzeug. Der Name des Leaders bleibt auf dem Cover, doch die musikalische Erzählung entsteht aus dem ganzen Quartett. Darin liegt ein guter Zugang für Hörer, die Coltrane bislang vor allem als überragenden Saxofonsolisten kennen: Diese Platte lässt sich auch als Einladung verstehen, seine Musik über die Menschen kennenzulernen, mit denen er sie entwickelt.

Vier Persönlichkeiten und die Bedeutung des Raums
Coltrane spielt auf Crescent Tenorsaxofon. Diese Präzision ist sinnvoll, weil er selbstverständlich auch mit dem Sopransaxofon verbunden wird und einzelne Ausgabendaten beide Instrumente aufführen. Für die hier dokumentierten Album-Sessions ist Tenor die belegte Zuordnung. McCoy Tyner am Klavier, Jimmy Garrison am Kontrabass und Elvin Jones am Schlagzeug vervollständigen die Besetzung. Es gibt keine zusätzlichen Bläser, keine Streicher und keine Gäste, die für neue Farben hinzukommen. Alles entsteht aus den Möglichkeiten dieser vier Musiker.
Die erste Seite führt vom Titelstück über „Wise One“ zum kompakteren „Bessie’s Blues“. Schon die unterschiedlichen Ausmaße geben einen Hinweis auf die Anlage: Zwei ausgedehntere Stücke werden von einer kürzeren Blueskomposition gefolgt. Das lädt dazu ein, nicht nur nach einem einheitlichen „Coltrane-Sound“ zu suchen, sondern die wechselnde Funktion der einzelnen Stücke im Album wahrzunehmen. Wie viel Zeit bekommt die Entfaltung eines Themas? Wann wird eine Bewegung verdichtet? Wie verändert der Übergang zu einem kürzeren Stück die Aufmerksamkeit nach zwei längeren Bögen?
Auf Seite B stehen „Lonnie’s Lament“ und „The Drum Thing“. Das erste Stück bietet Jimmy Garrison einen ausgedehnten solistischen Raum; das zweite rückt Elvin Jones ins Zentrum. Dabei bedeutet das Schlagzeug-Feature nicht, dass Coltranes Tenor aus dem Stück vollständig verschwunden wäre: Tenor und Bass rahmen Teile des Geschehens. Die Besonderheit liegt vielmehr darin, dass Coltrane auf dieser Seite die übliche Erwartung an fortlaufende Saxofonsoli zurücknimmt. Ein Album unter seinem Namen kann gerade dadurch viel über sein musikalisches Denken erzählen, dass es anderen Stimmen lange zuhört.

Eine zweite Seite, die das Hören verändert
Für einen ersten Durchgang kann man Crescent einfach in seiner Reihenfolge folgen. Beim Wiederhören lohnt sich ein bewusster Perspektivwechsel. Statt stets auf den nächsten Einsatz des Saxofons zu warten, lässt sich die Platte vom Bass oder vom Schlagzeug aus erschließen. Garrison ist nicht nur die tiefe Linie unter einem Solisten, Jones nicht bloß der Motor einer Begleitung. Ihre exponierten Räume auf der zweiten Seite machen sichtbar, wie viel Eigenständigkeit bereits in der Besetzung des Quartetts angelegt ist. Auch Tyner gehört zu diesem Zusammenhang: Das Verhältnis von Klavier, Bass und Schlagzeug bildet mehr als eine Unterlage für den Leader.
Diese Rollen lassen sich anschließend auch auf der ersten Seite bewusster verfolgen. Hat das Album die Eigenständigkeit der Rhythmusgruppe einmal hervorgehoben, müssen die früheren Stücke nicht wieder als Solist vor anonymer Begleitung erscheinen. Dieselben Musiker nehmen innerhalb des Ganzen andere Plätze ein. Das ist ein guter Grund, der Reihenfolge zunächst zu folgen, bevor man Lieblingstitel herausgreift: Die Anordnung der Stücke erzählt selbst etwas über die Band.
Die 33⅓-U/min-LP erhält die ursprüngliche Dramaturgie besonders anschaulich. Drei Stücke auf Seite A führen in die Welt des Albums; nach dem Wenden stehen die beiden ausgedehnten Stücke der zweiten Seite zusammen. Für „Lonnie’s Lament“ und „The Drum Thing“ ist diese Nachbarschaft bedeutungsvoll. Bass und Schlagzeug erhalten einen gemeinsamen großen Abschnitt, der ohne weiteren Seitenwechsel durchgehört werden kann. Das ist ein konkreter musikalischer Grund, diese Ein-LP-Ausgabe zu schätzen. Eine generelle Aussage über die klangliche Überlegenheit einer Drehzahl ist dafür weder nötig noch sinnvoll.
Im Regal neben A Love Supreme öffnet Crescent einen Blick auf dasselbe Quartett wenige Monate zuvor. Es wäre jedoch schade, jeden Moment ausschließlich als Vorzeichen des späteren Werks zu behandeln. Die fünf eigenständigen Kompositionen besitzen ihre eigene Ordnung, und der Platz, den Garrison und Jones erhalten, ist ein wesentliches Merkmal dieser Platte. Für Sammler liegt der Reiz auch darin, die Entwicklung einer Gruppe über konkrete Aufnahmen zu verfolgen: nicht als abstrakte Fortschrittsgeschichte, sondern als Folge unterschiedlicher Entscheidungen darüber, wer wann spricht und wie ein Album seine Zeit verteilt.
Acoustic Sounds Series: AIMP 78301
Diese Stereo-Ausgabe der Acoustic Sounds Series von Verve/UMe wird unter AIMP 78301 angeboten; die dokumentierte Veröffentlichung trägt die Labelnummer B0033783-01. Es handelt sich um eine 180-Gramm-LP mit 33⅓ U/min, gepresst bei Quality Record Pressings, in einer Stoughton-Tip-on-Klapphülle. Das Mastering stammt von Ryan K. Smith bei Sterling Sound, laut Herausgeber von den Analogbändern. Chad Kassem betreute das Wiederveröffentlichungsprojekt. Die Serie ist von einer eigenständigen Analogue-Productions-Ausgabe zu unterscheiden, auch wenn personelle und technische Verbindungen bestehen.
Die genaue Editionszuordnung ist bei Coltrane besonders hilfreich: Derselbe Albumtitel kann in verschiedenen Ländern, auf unterschiedlichen Trägern und mit anderem Mastering erscheinen. Die hier beschriebene LP ist die Acoustic-Sounds-Series-Fassung, nicht eine japanische SACD oder eine beliebige ältere Impulse!-Pressung. Ihr Wert für die Sammlung lässt sich deshalb anhand klarer Merkmale bestimmen: Format, Schnitt, Presswerk und Hüllenausstattung gehören zusammen. Sie liefern eine nachvollziehbare Grundlage, ohne einen persönlichen Hörvergleich oder die Behauptung einer „besten“ Ausgabe vorwegzunehmen.
Die Klapphülle unterstützt außerdem den Charakter eines Albums, mit dem man sich Zeit nehmen kann, statt es lediglich als Träger von fünf Einzelaufnahmen zu betrachten. Das passt zu einem Werk, dessen Abfolge so wichtig ist. Aufnahmedaten, Besetzung und Ausgabenmerkmale klären, was man vor sich hat; die zusammenhängenden Seiten lassen die musikalischen Proportionen erkennbar bleiben. Die Produktionsinformationen begleiten diese Begegnung, ohne dem Quartett die Aufmerksamkeit nehmen zu müssen.
Crescent ist eine Einladung, dem Quartett als Gemeinschaft zuzuhören. Coltranes Kompositionen geben die Richtung vor, aber die Platte gewinnt ihre Gestalt auch aus dem Raum, den er seinen Partnern überlässt. Wer nach dem letzten Stück noch einmal zur ersten Seite zurückkehrt, kann den Tenor deshalb anders wahrnehmen: als eine Stimme in einem außerordentlich eigenständigen Gefüge, dessen vier Namen man sich einzeln merken sollte. Diese konzentrierte Ein-LP-Ausgabe bewahrt den Ablauf, in dem sich das besonders gut entdecken lässt.
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Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- John ColtranePorträt: frühere VorlageTenorsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung; siehe Credits
- McCoy TynerPorträt: 1973KlavierMitwirkung: Album-Besetzung; siehe Credits
- Jimmy GarrisonPorträt: BestandsporträtKontrabassMitwirkung: Album-Besetzung; siehe Credits
- Elvin JonesPorträt: 1960er-JahreSchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung; siehe Credits
27. April 1964: Wise One, Lonnie’s Lament, The Drum Thing. 1. Juni 1964: Crescent, Bessie’s Blues. Van Gelder Studio, Englewood Cliffs; Produktion Bob Thiele, Ton Rudy Van Gelder. John Coltrane nur Tenorsaxofon; Quartett als Albumcredit, keine pauschale Behauptung durchgehender Beteiligung auf jedem Titel. Seite B ohne Saxofonsolo; The Drum Thing ist ein Schlagzeug-Feature mit Tenor/Bass-Rahmen.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael beschreibt sein Exemplar als plan und ausgesprochen ruhig und bewertet den Klang mit einer starken Neun von zehn. Das Urteil bezieht sich auf die Acoustic-Sounds-Ausgabe; ein Vergleich mit einer Mono-Ausgabe wird im Video nur als Wunsch genannt.
🎧 Review video: John Coltrane Crescent Acoustic Sound Series
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