Zwei Stimmen, die einander Platz lassen
Auf Roots stehen zwei Persönlichkeiten nebeneinander, deren musikalische Mittel verschieden sind und die doch dieselbe Sprache teilen. Jimmy Witherspoon singt, Ben Webster spielt Tenorsaxofon. Beide können einer einzelnen Phrase Gewicht geben, ohne sie mit möglichst vielen Tönen zu füllen. Das Album von 1961, ursprünglich bei Reprise erschienen, verbindet diese Hauptstimmen in einer kleinen Besetzung. Sein Titel weist auf einen gemeinsamen musikalischen Boden: Blues als Lied, als Erzählweise und als Form des Zusammenspiels. Dabei bleibt genug Platz für unterschiedliche Temperamente, für einen nachdrücklichen Satz ebenso wie für eine zurückgenommene Antwort.
Die Aufnahmen entstanden bei Radio Recorders in Hollywood. Neben Witherspoon und Webster sind Gerald Wilson an der Trompete, Ernie Freeman am Klavier, Ralph Hamilton am Kontrabass und Jimmy Miller am Schlagzeug dokumentiert. Dieses Sextett erklärt bereits viel von der Anlage der Platte. Zwei Bläser können einander ergänzen, während Klavier, Bass und Schlagzeug den Ablauf tragen und dem Gesang einen verlässlichen Rahmen geben. Es ist kein großes Orchester, das die Stimme umgibt, sondern eine überschaubare Gruppe eigenständiger Musiker. Die Beziehungen zwischen ihnen sind ein wesentlicher Teil dessen, was hier gesammelt wurde.
Gerade für Hörer, die Witherspoon über seine Bluesaufnahmen und Webster über den Jazz kennengelernt haben, ist diese Begegnung reizvoll. Die vertrauten Kategorien helfen bei der Orientierung, beschreiben aber nicht die ganze Platte. Ein gesungener Blues kann Raum für eine instrumentale Erzählung öffnen; ein Saxofonsatz kann die Wirkung einer Textzeile verlängern, ohne sie wörtlich zu wiederholen. Roots lässt sich deshalb als gemeinsamer Gesprächsraum hören. Die Musiker müssen ihre Unterschiede nicht aufgeben, um zusammenzugehören. Der Sammlerwert liegt auch in dieser konkreten Begegnung, mit diesen sechs Namen und diesem sorgfältig zusammengestellten Repertoire.

Zwölf Lieder mit einem gemeinsamen Gedächtnis
Die erste Seite beginnt mit I’d Rather Drink Muddy Water und führt über I’m Gonna Move to the Outskirts of Town zu Key to the Highway. Schon diese Titel öffnen unterschiedliche Bilder: Entschlossenheit, Abstand, Aufbruch. Es sind Lieder, deren Geschichte größer ist als eine einzelne Aufnahme, die hier aber eine neue konkrete Gestalt erhalten. Bei vertrautem Material lohnt es sich, nicht nur auf die Melodie zu achten, sondern auf die Länge eines Satzes, den Zeitpunkt einer Antwort und die Art, wie ein Text vorgetragen wird. Wiedererkennen kann dann zum Ausgangspunkt genauerer Aufmerksamkeit werden, statt das Hören vorzeitig zu beenden.
Did You Ever, Confessin‘ the Blues und Nobody Knows You When You’re Down and Out vervollständigen die erste Hälfte. Die Autorenverbindungen reichen unter anderem zu Jimmy Rushing, Jay McShann und Walter Brown sowie Jimmy Cox. Diese Namen gehören zur Geschichte der Lieder; sie werden damit nicht zu Mitspielern der Hollywood-Aufnahme. Gerade bei einem solchen Repertoire ist die Unterscheidung hilfreich. Die Platte lebt von überliefertem Material und von dessen gegenwärtiger Ausführung zugleich. Wer ein Stück aus einer anderen Fassung kennt, kann verfolgen, was bei Witherspoon im Mittelpunkt steht: die Erzählung, eine bestimmte Wendung oder der Raum zwischen zwei Zeilen.
Auf der zweiten Seite stehen Your Red Wagon, Rain Is Such a Lonesome Sound, Cherry Red, It’s a Low Down Dirty Shame und Just a Dream vor dem Schlussstück Please, Mr. Webster. Dieser letzte Titel richtet die Aufmerksamkeit schon mit seinem Namen auf den Tenorsaxofonisten. Die zwölf Stücke ergeben keine einförmige Folge derselben Aussage, sondern unterschiedliche Ansichten eines gemeinsamen musikalischen Umfelds. Sechs Titel pro Seite geben dem Album eine klare Ordnung. Die einzelnen Songs bleiben überschaubar, während ihre Nachbarschaft allmählich ein größeres Bild entstehen lässt: von Sprache, Erinnerung und den vielen Möglichkeiten, einen Blues zu gestalten.

Das Sextett hinter den beiden Hauptnamen
Gerald Wilsons Trompete ist neben Websters Tenorsaxofon eine zweite instrumentale Bläserstimme. Für den Zugang zur Besetzung ist diese Unterscheidung wichtiger als eine allgemeine Rede vom Bläsersatz. Trompete und Tenor haben unterschiedliche Möglichkeiten, eine Linie anzusetzen, zu verlängern oder gegen eine andere Stimme zu stellen. Wilson ist als Mitwirkender des Albums dokumentiert; eine zusätzliche Rolle als Arrangeur sämtlicher Titel wird daraus nicht abgeleitet. Dass ein Musiker auch als Komponist und Bandleader bekannt ist, ersetzt keinen konkreten Credit. Hier erhält er seinen Platz für das Instrument, mit dem er in der Besetzung dieser Platte geführt wird.
Ernie Freeman, Ralph Hamilton und Jimmy Miller bilden mit Klavier, Kontrabass und Schlagzeug den rhythmischen und harmonischen Untergrund. Eine schöne Hörperspektive ist, ihnen auch dann Aufmerksamkeit zu schenken, wenn gerade der Gesang oder das Saxofon führt. Wie wird ein neuer Abschnitt vorbereitet? Bleibt die Begleitung gleich, oder setzt eine kleine Veränderung die folgende Phrase in ein anderes Licht? Solche Fragen behandeln die Rhythmusgruppe als Teil der Erzählung und nicht bloß als Hintergrund. Eine titelgenaue Aufteilung aller Einsätze ist in den geprüften Credits nicht dokumentiert. Deshalb wird die Albumbesetzung nicht in erfundene Sololisten umgewandelt.
Der Schlagzeuger wird als Jimmy Miller, beim Herausgeber verkürzt auch als Jim Miller, geführt. Er ist nicht mit dem gleichnamigen, später vor allem aus Rockproduktionen bekannten Produzenten gleichzusetzen. Diese Sorgfalt gehört auch zu den Porträts: Ein passender Name allein genügt nicht, um ein Gesicht einzusetzen. Witherspoon und Webster stehen als eigenständige Illustrationen im Haupttext; gesicherte vorhandene Musikerporträts begleiten den Besetzungsblock. Wo eine eindeutige Bildgrundlage fehlt, bleibt der Name mit seiner Rolle erhalten. Das ist der Musik angemessener, als die vollständige Besetzung optisch mit fremden Personen zu vervollständigen.
Roots als sorgfältig zugeordnete Analogue-Productions-Ausgabe
Diese Veröffentlichung trägt die Katalognummer AAPP 6057 und bietet das Album als Stereo-LP mit 33⅓ U/min. Kevin Gray schnitt die Ausgabe bei Cohearent Audio vom originalen analogen Masterband. Für Galvanik und Pressung nennt der Herausgeber Quality Record Pressings. Die ursprüngliche Reprise-Ausgabe ist unter R9-6057 dokumentiert. Nat Hentoff schrieb die damaligen Begleittexte, Mary Ella Warren wird für das Coverbild und Merle Shore für die künstlerische Gestaltung genannt. Diese historischen Hüllencredits beschreiben das Original und bleiben von den neu geschaffenen Illustrationen dieser Produktgeschichte getrennt.
Die heutige Herausgeberseite nennt 180 Gramm; eine ältere dokumentierte Pressung der Analogue-Productions-Ausgabe ist mit 200 Gramm verzeichnet. Beide Angaben werden nicht zu einer vermeintlich eindeutigen Aussage über jede Lagercharge zusammengezogen. Für die musikalische Entscheidung steht ohnehin zunächst die konkrete Form im Vordergrund: alle zwölf Titel auf einer Platte, sechs auf jeder Seite. Das 33⅓-Format passt gut zu einem Album, dessen Wirkung aus der Folge kurzer, in sich geschlossener Songs entsteht. Nur ein Seitenwechsel unterbricht den Weg von der Eröffnung bis zur abschließenden Anrede an Webster, und die ursprüngliche Programmlänge bleibt unmittelbar erfahrbar.
Roots bietet sich für eine Sammlung an, in der Blues und Jazz miteinander in Verbindung treten dürfen. Die Platte enthält keine abstrakte Stilgeschichte, sondern eine tatsächliche Begegnung: Witherspoons Stimme, Websters Tenor, Wilsons Trompete und eine dreiköpfige Rhythmusgruppe in Hollywood. Bekannte Lieder werden damit zum Material gemeinsamer Gegenwart, ohne ihre ältere Geschichte zu verlieren. Wer Webster bereits als Solisten schätzt, findet hier einen besonderen Rahmen für ihn; wer Witherspoons Gesang folgt, begegnet einer Besetzung, die dessen Erzählungen mit eigenen Stimmen umgibt. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Jimmy WitherspoonPorträt um 1963; Gesichtsreferenz um 1960GesangMitwirkung: Albumbesetzung; keine titelgenaue Aufteilung belegt
- Ben WebsterPorträt der frühen 1960er-JahreTenorsaxofonMitwirkung: Albumbesetzung; keine titelgenaue Aufteilung belegt
- Gerald WilsonTrompeteMitwirkung: Albumbesetzung; keine titelgenaue Aufteilung belegt
- Ernie FreemanKlavierMitwirkung: Albumbesetzung; keine titelgenaue Aufteilung belegt
- Ralph HamiltonKontrabassMitwirkung: Albumbesetzung; keine titelgenaue Aufteilung belegt
- Jimmy MillerSchlagzeugMitwirkung: Albumcredit; nicht der gleichnamige Rockproduzent
Radio Recorders, Hollywood, 1961. Dokumentiertes Sextett; keine titelgenauen Einsätze belegt. Jimmy/Jim Miller am Schlagzeug ist nicht der gleichnamige Rockproduzent. Nat Hentoff: Liner Notes; Mary Ella Warren: Coverbild; Merle Shore: Art Direction.









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