Ein Tenorist mit mehr als einem berühmten Titel
Jimmy Forrest wird häufig zuerst mit „Night Train“ verbunden. Seine Aufnahme wurde 1952 ein Nummer-eins-Hit der amerikanischen R&B-Charts und blieb dort sieben Wochen an der Spitze. Ein solcher Erfolg kann einen Namen über Jahrzehnte tragen – und zugleich andere Seiten eines Musikers verdecken. Out of the Forrest bietet die Gelegenheit, den Blick zu erweitern. Die Prestige-Session vom 18. April 1961 zeigt Forrest als Leiter eines Quartetts, das eigene Stücke mit Songs aus unterschiedlichen Traditionen verbindet. „Night Train“ steht nicht auf dieser Platte. Sie besitzt ihr eigenes Repertoire und verdient einen Platz jenseits der Erinnerung an den großen Hit.
Forrest, 1920 in St. Louis geboren, hatte bereits eine lange Laufbahn hinter sich. Zu seinen frühen Arbeitsstationen gehörten Fate Marable und Jay McShann, anschließend Andy Kirk und Duke Ellington. Diese Namen stehen für unterschiedliche Orchesterwelten, in denen ein Tenorsaxofon sowohl als Einzelstimme als auch als Teil eines größeren Ganzen funktionieren musste. Auf Out of the Forrest bleibt es die einzige Bläserstimme. Der Wechsel zur kleinen Besetzung ist deshalb nicht bloß eine Frage der Musikerzahl. Er verändert auch, wie unmittelbar eine Melodie, ein rhythmischer Akzent oder eine Pause mit den drei Begleitern in Beziehung tritt.
Die Aufnahme entstand in Rudy Van Gelders Studio in Englewood Cliffs. Esmond Edwards betreute die Produktion; Joe Goldberg schrieb die Begleitnotizen, Don Schlitten verantwortete Gestaltung und Fotografie. Prestige veröffentlichte das Album 1961 als PRLP 7202. Die acht Titel gehören zu einer Session mit derselben Besetzung. Es handelt sich also nicht um ein später zusammengestelltes Panorama von Forrests Karriere. Der Reiz liegt in einem konkreten Zusammentreffen – an einem Frühlingstag, mit einem Pianisten aus Österreich und einer Rhythmusgruppe, deren Namen aufmerksames Lesen verdienen.

Zawinul, Potter und Johnston
Joe Zawinul spielt hier akustisches Klavier. Wer ihn vor allem mit späteren elektrischen Klangwelten verbindet, begegnet auf dieser Platte einem früheren Kapitel seiner Arbeit. Der Herausgeber bezeichnet ihn als jungen österreichischen Pianisten und beschreibt die Besetzung als aus Harry „Sweets“ Edisons Combo hervorgegangen. Das bietet einen hilfreichen Zusammenhang: Vier Musiker treten nicht zwangsläufig als zufällig zusammengestellte Studiogruppe zusammen. Zugleich sollte daraus keine unbelegte Geschichte über den genauen Ablauf des Aufnahmetags entstehen. Belegt sind die Namen und Instrumente; das musikalische Verhältnis muss die Platte selbst zeigen.
Tommy Potter am Kontrabass und Clarence Johnston am Schlagzeug vervollständigen das Quartett. Potter gehört auch zur Geschichte von Charlie Parkers Quintett in den 1940er-Jahren. Auf dieser Session ist er jedoch Forrests Bassist, nicht ein Stellvertreter für eine frühere Band. Johnston hat zusätzlich Anteil am Repertoire: „Crash Program“ wird Forrest und ihm gemeinsam zugeschrieben. Sein Nachname lautet Johnston; die gelegentlich anzutreffende Verkürzung zu Johnson sollte den beteiligten Musiker nicht unsichtbar machen. Gerade ein kleines Detail im Komponistencredit kann den Blick auf einen Begleiter verändern.
Eine mögliche Hörfrage ergibt sich aus dieser Besetzung ganz von selbst. Wie führt Forrest eine bekannte Melodie, und wie antwortet Zawinul, wenn der Tenor Platz lässt? Wie halten Potter und Johnston die Bewegung zusammen, ohne die melodische Linie zu verdoppeln? Man muss dazu keine angeblich gehörten Einzelereignisse erfinden. Das Quartett bietet bereits durch seine Anlage genügend Ansatzpunkte für aufmerksames Hören. Der Herausgeber zieht in seiner Charakterisierung von Forrest gelegentlich eine Verbindung zu Ben Webster. Das ist ein Vergleich, keine Gleichsetzung: Forrests Biografie und die Auswahl dieses Albums bleiben seine eigenen.

Zwischen „Bolo Blues“ und „That’s All“
„Bolo Blues“ eröffnet die erste Seite. Forrest hatte das Stück bereits früher im Repertoire; hier erscheint es in der Quartettaufnahme von 1961. Danach stehen „I Cried for You“, „I’ve Got a Right to Cry“ und „This Can’t Be Love“. Die Zusammenstellung bewegt sich damit zwischen eigenem Blues, älterem populärem Liedgut, Joe Liggins’ R&B-Repertoire und Rodgers/Hart. Solche Nachbarschaften erzählen etwas über die Durchlässigkeit dieser musikalischen Welt. Ein Jazzalbum muss nicht jede Herkunft des Materials gleich klingen lassen, um daraus ein zusammenhängendes Programm zu formen.
Die zweite Seite beginnt mit „By the River Sainte Marie“ und führt über Jerome Kerns und Otto Harbachs „Yesterdays“ zu „Crash Program“. Den Abschluss bildet „That’s All“ von Alan Brandt und Bob Haymes. Acht Titel, eine Besetzung, zwei Seiten: Diese klare Anlage erlaubt es, den Wechsel zwischen vertrautem Song und eigener Komposition bewusst wahrzunehmen. Die Standards bringen andere Vorgeschichten mit als Forrests Stücke. Auf der Platte begegnen sie derselben Tenorstimme und denselben drei Partnern. Gerade dadurch wird aus einer Liste bekannter Titel ein Album eines bestimmten Leaders.
Bei „Crash Program“ lohnt es sich, den gemeinsamen Komponistencredit im Hinterkopf zu behalten. Johnston ist nicht nur ein Name am Ende der Besetzungsliste. Das bedeutet nicht, dass man ohne weitere Dokumente genau sagen könnte, welcher Musiker welchen Teil des Stücks geschrieben hat. Die belegte gemeinsame Urheberschaft reicht bereits aus, um die übliche Trennung zwischen „Leader“ und „Begleitung“ etwas zu öffnen. Ähnlich kann Zawinuls frühe Arbeit am akustischen Klavier einen bekannten Künstler aus einer unerwarteten Perspektive zeigen. Solche kleinen Entdeckungen machen die Platte für ein gewachsenes Jazzregal besonders interessant.
Forrests großer Hit bleibt ein sinnvoller biografischer Ausgangspunkt, aber nicht das Maß aller Dinge. Wer Out of the Forrest allein auf die Suche nach einer weiteren „Night Train“-Fassung reduziert, verpasst gerade die Eigenständigkeit dieses Programms. Die Platte eröffnet einen anderen Zugang zu einem Musiker zwischen Big Band, R&B und Jazzquartett. Für Sammler liegt darin ein doppelter Reiz: ein klar dokumentiertes Prestige-Album des Leaders und zugleich ein frühes Kapitel Zawinuls. Die beiden Geschichten treffen sich in denselben acht Aufnahmen, ohne dass die eine die andere verdrängen müsste.
Analogue Productions, Prestige Stereo und die konkrete Ausgabe
Die hier angebotene Ausgabe ist APRJ 7202 aus der Prestige-Stereo-Reihe von Analogue Productions. Das Album liegt als eine LP mit 33⅓ Umdrehungen pro Minute in Stereo vor. Kevin Gray wird für den Schnitt genannt, Quality Record Pressings für die Pressung und Gary Salstrom für die Galvanik. Der Herausgeber beschreibt die Reihe als von den analogen Masterbändern gemastert; ein Tip-on-Cover gehört zur Ausstattung. Die achtteilige Originalfolge bleibt der Bezugspunkt dieser Wiederveröffentlichung. Aufnahmegeschichte, spätere Bearbeitung und physische Herstellung sind dabei unterschiedliche Ebenen der Ausgabe.
Die heutige Herausgeberangabe lautet 180 Gramm. Eine frühere nummerierte AP-Ausgabe von 2016 ist mit 200 Gramm dokumentiert, eine spätere Ausgabe von 2023 mit 180 Gramm. Ohne Prüfung des einzelnen Lagerexemplars lässt sich daraus keine bestimmte Charge oder Nummerierung zusagen. Für einen sorgfältigen Vergleich sollte man deshalb die Katalognummer und die konkrete Auflage beachten, statt jedes Merkmal einer früheren Pressung auf die gesamte Reihe zu übertragen. Die Angaben zur ursprünglichen Session bleiben davon unberührt: 18. April 1961, Englewood Cliffs, Forrest, Zawinul, Potter und Johnston.
Zwei zusammenhängende Seiten passen gut zu einem Album, dessen Reiz aus dem Wechsel des Materials und der Beständigkeit der Besetzung entsteht. Man kann zunächst Forrests Weg durch die Songs verfolgen und sich danach dem Klavier oder der Rhythmusgruppe zuwenden. Die Platte verlangt keine erfundene Legende, um Aufmerksamkeit zu verdienen. Sie bietet einen bedeutenden Tenoristen außerhalb seines bekanntesten Titels, einen jungen Zawinul und zwei Begleiter mit eigenem Anteil am musikalischen Geschehen. Genau diese Konstellation macht Out of the Forrest zu einer lohnenden Ergänzung innerhalb des Prestige-Katalogs. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Analogue Productions Prestige – alle 50 Platten, Musiker und Session-Pfade
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Jimmy ForrestTenorsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung
- Joe ZawinulPorträt 2006KlavierMitwirkung: Album-Besetzung
- Tommy PotterPorträt 1947KontrabassMitwirkung: Album-Besetzung
- Clarence JohnstonSchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung
Aufnahme: 18. April 1961, Englewood Cliffs. Rudy Van Gelder, Toningenieur. Analogue Productions: Kevin Gray, Schnitt; QRP, Pressung. Besetzung auf allen Titeln.









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