Mingus wechselt ans Klavier
Am 6. November 1961 nimmt Charles Mingus in den Atlantic Studios in New York Oh Yeah auf. Die erste Überraschung liegt in seiner eigenen Rolle: Der berühmte Bassist spielt hier Klavier und singt. Den Kontrabass übernimmt Doug Watkins. Diese Verschiebung verändert den Ausgangspunkt des Ensembles. Mingus bleibt Komponist und Bandleader, kann aber aus einer anderen Position heraus auf das Geschehen einwirken. Das 1962 erschienene Album führt Blues, Gospelbezüge und klangliche Experimente in einem Programm von sieben eigenen Kompositionen zusammen.
Produzent Nesuhi Ertegun und die Toningenieure Tom Dowd und Phil Iehle begleiten eine Besetzung, in der starke individuelle Stimmen aufeinandertreffen. Das Album lässt sich als Ausdruck von Mingus‘ Vorstellungskraft hören: vertraute musikalische Formen werden zum Material für etwas sehr Persönliches. Dabei stehen Humor und Ernst, gemeinsamer Impuls und Eigenwilligkeit nebeneinander. Wer Mingus bislang vor allem als Bassisten kennt, bekommt hier einen anderen Zugang zu seinem musikalischen Denken. Die veränderte Instrumentenrolle gehört ausdrücklich zur Identität dieser Aufnahme.

Roland Kirk, Booker Ervin und die Rhythmusgruppe
Roland Kirk bringt Tenorsaxofon, Manzello, Stritch, Flöte und Sirene in den instrumentalen Vorrat des Albums ein. Booker Ervin spielt ebenfalls Tenorsaxofon, Jimmy Knepper Posaune. Doug Watkins am Bass und Dannie Richmond am Schlagzeug halten das rhythmische Fundament. Die Instrumente Kirks sind als Albumcredits dokumentiert; daraus lässt sich nicht automatisch eine genaue Zuordnung jedes Instruments zu jedem Stück ableiten. Entscheidend für den musikalischen Zugang ist zunächst die Vielfalt der Stimmen, die Mingus für dieses Sextett zusammenbringt.
Mit Watkins am Bass entsteht Platz für Mingus‘ Klavier und seine vokalen Einwürfe. Die Bläser können Linien übernehmen, verdichten oder gegeneinanderstellen. Ein aufmerksamer Durchlauf lohnt sich allein für die Frage, wie individuelle Ausdruckskraft und gemeinsamer Verlauf zusammenfinden. Wann tritt ein Solist hervor? Wann wird das Ensemble selbst zur Hauptstimme? Bei Mingus gehören solche Wechsel zum musikalischen Erzählen. Die Besetzung bietet genügend unterschiedliche Charaktere, um auch wiederkehrende Formen jedes Mal anders erscheinen zu lassen.

Blues, Gebet und Widerspruch
„Hog Callin‘ Blues“ eröffnet das Album. „Devil Woman“ und „Wham Bam Thank You Ma’am“ folgen, bevor „Ecclusiastics“ die zweite Hälfte einleitet. Mit „Oh Lord Don’t Let Them Drop That Atomic Bomb On Me“ erhält die Musik einen ausdrücklich zeitgeschichtlichen Horizont. „Eat That Chicken“ und „Passions Of A Man“ schließen das Programm ab. Die Titel lassen bereits erkennen, dass Mingus hier mehrere Tonlagen miteinander verbindet. Alltäglicher Witz, Anrufung und Bedrohung stehen in derselben musikalischen Welt.
„Devil Woman“ und „Eat That Chicken“ sind sichere Anlaufpunkte für Mingus als Sänger. Das abschließende „Passions Of A Man“ erweitert den Blick auf das Album durch seinen experimentellen Charakter. Wer nur nach einem einheitlichen Stil sucht, würde einen wesentlichen Reiz übersehen. Oh Yeah hält seine Teile durch Persönlichkeit zusammen. Für das Hören bedeutet das: den unterschiedlichen Formen Raum geben und sich darauf einlassen, dass ein Album sowohl mitreißen als auch irritieren darf. Diese Offenheit gehört zu seiner bleibenden Anziehungskraft.
Die 45-RPM-Ausgabe von Analogue Productions
AAPA 039-45 ist die Stereo-Doppel-LP der Atlantic 75 Series. Die sieben Titel sind auf vier Seiten mit 45 U/min verteilt, gepresst auf jeweils 180 Gramm Vinyl. Kevin Gray hat das Mastering bei Cohearent Audio verantwortet. Analogue Productions nennt das analoge Originalmasterband als Quelle. „Hog Callin‘ Blues“ erhält die erste Seite für sich; „Devil Woman“ und „Wham Bam Thank You Ma’am“ teilen sich Seite B. So bleibt die Reihenfolge des Albums erhalten, während sich seine physische Gliederung verändert.
Die ersten 2.000 nummerierten Exemplare wurden bei Quality Record Pressings hergestellt; spätere Pressungen können von QRP oder RTI stammen. Ein Tip-on-Klappcover mit zwei Taschen von Stoughton Printing gehört zur Ausstattung. Diese Vinylfassung ist eine eigene Ausgabe neben der separat erhältlichen Hybrid-SACD. Sie lädt dazu ein, das Album in vier konzentrierten Etappen zu hören. Hinter dem Aufwand des Tonträgers steht eine Musik, die auch nach vielen Begegnungen unberechenbar bleiben kann: persönlich, körperlich, eigensinnig und voller Lust am gemeinsamen Ausdruck.
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Auch als SACD: Oh Yeah
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Kundenfragen: Atlantic 75: welche Titel lohnen sich? · Analogue Productions in Europa kaufen
Serie: Atlantic 75 Series – alle 75 Alben, Zeitreise und die Menschen hinter Atlantic
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Charles MingusKlavier, BandleaderMitwirkung: Album-Besetzung
- Charles MingusGesangMitwirkung: B1, D1
- Roland KirkFlöte, Sirene, Tenorsaxofon, Manzello, StritchMitwirkung: Album-Besetzung
- Booker ErvinTenorsaxofonMitwirkung: Album-Besetzung
- Jimmy KnepperPosauneMitwirkung: Album-Besetzung
- Doug WatkinsKontrabassMitwirkung: Album-Besetzung
- Dannie RichmondSchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung
Charles Mingus (Klavier, Gesang; Gesang auf drei Stücken laut Nachlass; belegt auf „Devil Woman“ und „Eat That Chicken“, das dritte ist in den Quellen strittig) · Roland Kirk (Flöte, Sirene, Tenorsaxofon, Manzello, Stritch) · Booker Ervin (Tenorsaxofon) · Jimmy Knepper (Posaune) · Doug Watkins (Kontrabass) · Dannie Richmond (Schlagzeug) — aufgenommen am 6. November 1961 in den Atlantic Studios, New York. Produktion: Nesuhi Ertegun · Aufnahme: Tom Dowd und Phil Iehle · Hülle (Original): Loring Eutemey · Liner Notes der Stereo-Erstausgabe: Nat Hentoff. Alle Kompositionen von Charles Mingus. Diese Ausgabe: Stereo, Mastering Kevin Gray (Cohearent Audio) vom analogen Originalband (Herstellerangabe), gepresst bei Quality Record Pressings (erste 2.000 Exemplare nummeriert), Klappcover von Stoughton Printing.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael hört trotz der dicht gefüllten Musik jedes Instrument an seinem Platz. Zugleich vermittelt ihm diese Studioaufnahme eine ausgeprägte Liveatmosphäre – als würde die Band auf einer Bühne spielen.












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