Eine Stimme unter Musikern
New York, Dezember 1954: Sarah Vaughan nimmt bei Fine Sound ein Album auf, das 1955 unter ihrem eigenen Namen bei EmArcy erscheint. Häufig wird es mit dem Zusatz With Clifford Brown bezeichnet. Das ist verständlich, denn Browns Trompete gehört zu seinen prägenden Stimmen. Im Zentrum steht jedoch eine Sängerin, die eine Melodie mit der Beweglichkeit eines Instrumentalisten behandeln kann. Vaughan verbindet die Verständlichkeit eines Liedes mit harmonischer Vorstellungskraft. Ein vertrauter Standard kann dadurch zugleich nah und neu wirken.
Die kleine Besetzung ist dafür ein wichtiger Rahmen. Hier stehen Stimme und Bläser unmittelbar miteinander in Beziehung; eine große Orchesterfläche bestimmt den Raum nicht. Produzent Bob Shad bringt Vaughan mit Musikern zusammen, deren unterschiedliche Klangfarben das Programm bereichern. Es lohnt sich, den Albumtitel wörtlich zu nehmen: Dieses ist ein Porträt Sarah Vaughans, gezeichnet durch ihre Auswahl, ihre Phrasierung und ihre musikalischen Partner. Die Begleitung gehört zu diesem Porträt ebenso wie der Gesang selbst.

Clifford Brown und die Farben des Sextetts
Neben Clifford Brown spielen Paul Quinichette Tenorsaxofon und Herbie Mann Flöte. Jimmy Jones am Klavier, Joe Benjamin am Bass und Roy Haynes am Schlagzeug bilden die Rhythmusgruppe. Drei unterschiedliche Bläserstimmen eröffnen mehrere Möglichkeiten für Antworten auf den Gesang. Die Trompete kann eine Linie weiterführen, der Tenor einen anderen Tonfall einbringen, die Flöte die Farbe des Ensembles verändern. Es ist eine Besetzung, die Jazzgesang als Teil eines gemeinsamen musikalischen Geschehens verständlich macht.
Jimmy Jones ist dabei mehr als ein Name im Hintergrund. Seine Begleitung gehört zum harmonischen Fundament, auf dem Vaughan ihre Melodien bewegen kann. Mit Benjamin und Haynes entsteht ein Rahmen, der den Vortrag stützt und zugleich in Bewegung hält. Wer sich beim Hören einmal bewusst von der Hauptstimme löst, entdeckt eine zweite Ebene des Albums: kleine rhythmische Entscheidungen und instrumentale Übergänge. Gerade ihre Verbindung mit der Sängerin macht die Aufnahme zu einem Ensemblealbum, das auch jenseits der berühmten Namen Aufmerksamkeit verdient.

Neun Standards, viele Perspektiven
„Lullaby Of Birdland“ eröffnet das Programm, danach folgen unter anderem „April In Paris“, „He’s My Guy“ und „Jim“. Die zweite Seite führt von „You’re Not The Kind“ über „Embraceable You“ zu „I’m Glad There Is You“, „September Song“ und „It’s Crazy“. Die Auswahl bringt unterschiedliche Temperamente zusammen. Ein Lied verlangt rhythmische Wendigkeit, ein anderes Geduld und einen langen melodischen Atem. Vaughan kann diesen Wechsel gestalten, ohne dass die Persönlichkeit hinter der Stimme verloren geht.
„Embraceable You“ bietet einen besonders guten Anlass, die Beziehung zwischen Gesang und Begleitung zu verfolgen. Bei „September Song“ lässt sich beobachten, wie melodische Weite und Textgewicht zusammenwirken; der Abschluss „It’s Crazy“ setzt einen anderen Akzent. Für diese LP ist außerdem der Umfang eindeutig: Sie enthält neun Titel. Eine zusätzliche, ungeschnittene Fassung von „Lullaby Of Birdland“, die man von CD-Veröffentlichungen kennen kann, gehört nicht dazu. Das ursprüngliche Albumprogramm bewahrt seine eigene konzentrierte Dramaturgie.
EmArcy in Mono
Die Ausgabe AEMA 41301 gehört zur Acoustic Sounds Series und präsentiert das Album auf einer 180-Gramm-LP mit 33⅓ U/min in Mono. Ryan K. Smith verantwortet Mastering und Lackschnitt bei Sterling Sound. Als Quelle nennt der Herausgeber die originalen Analogbänder. Die Pressung stammt von Quality Record Pressings. Mono gehört hier zur Identität der Ausgabe: Stimme und Ensemble treffen in einem gemeinsamen Klangbild zusammen. Eine räumliche Aufteilung auf links und rechts ist nicht der Maßstab dieses Albums.
Die LP steckt in einem Tip-on-Klappcover von Stoughton Printing; im Inneren finden sich Fotografien von Herman Leonard. Diese sorgfältige Präsentation passt zu einer Aufnahme, die von der Aufmerksamkeit für Nuancen lebt. Man kann sie wegen Sarah Vaughan auflegen und beim nächsten Mal wegen Clifford Brown zurückkehren. Schließlich führen beide Wege zum selben Vergnügen: Musiker hören einander zu, gestalten bekannte Lieder und geben ihnen einen persönlichen Ton. Genau deshalb bleibt dieses Album mehr als ein berühmter Titel in der Geschichte des Jazzgesangs.
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Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Sarah VaughanGesang, LeiterinMitwirkung: Album-Besetzung
- Clifford BrownTrompeteMitwirkung: A1, A2, A3, A4, B1, B3, B4, B5
- Paul QuinichetteTenorsaxofonMitwirkung: A1, A2, A3, A4, B1, B3, B4, B5
- Herbie MannFlöteMitwirkung: A1, A2, A3, A4, B1, B3, B4, B5
- Jimmy JonesKlavierMitwirkung: Album-Besetzung
- Joe BenjaminBassMitwirkung: Album-Besetzung
- Roy HaynesSchlagzeugMitwirkung: Album-Besetzung
Sarah Vaughan (Gesang); Clifford Brown (Trompete), Paul Quinichette (Tenorsaxofon), Herbie Mann (Flöte) – laut AllMusic nicht auf B2 „Embraceable You“; Jimmy Jones (Klavier); Joe Benjamin (Bass); Roy Haynes (Schlagzeug). Arrangements: Ernie Wilkins (laut späteren CD-Credits; auf dieser LP nicht als Credit erfasst). Aufgenommen am 16. und 18.12.1954 bei Fine Sound, New York; Toningenieur nicht belegt. Produzent: Bob Shad. Originalveröffentlichung: EmArcy MG-36004 (1955, Mono). Diese Ausgabe: Mastering und Lackschnitt Ryan K. Smith (Sterling Sound); gepresst bei Quality Record Pressings; Klappcover von Stoughton Printing mit Fotos von Herman Leonard; Reissue-Betreuung Chad Kassem. Neun Titel; die CD-Bonusfassung von „Lullaby Of Birdland“ ist nicht enthalten.
So hört Michael diese Ausgabe
Höreindruck · sinngemäß zusammengefasst
Michael beschreibt Sarah Vaughans Stimme als so präsent, dass sie für ihn direkt im Raum steht. Gerade die Qualität dieser Wiedergabe löst bei ihm Gänsehaut aus.














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