Stockholm statt Hackensack: ein Pianist tritt nach vorn
Auf vielen bedeutenden Jazzplatten der fünfziger Jahre steht Tommy Flanagans Name in der Besetzung. Overseas dreht die Perspektive um. Hier ist der Pianist selbst der Bandleader, und die Geschichte führt für einmal nicht in Rudy Van Gelders Studio nach New Jersey, sondern nach Stockholm. Am 15. August 1957 nimmt Flanagan mit dem Bassisten Wilbur Little und dem Schlagzeuger Elvin Jones im Metronome Studio auf. Gösta Wiholm betreut die Aufnahme. Eine Europareise mit J. J. Johnsons Band schafft den Zusammenhang, in dem dieses frühe eigene Projekt möglich wird.
Der Titel ist damit mehr als eine atmosphärische Ortsangabe. Drei amerikanische Musiker nutzen eine Gelegenheit jenseits des Atlantiks, um ein Trio in den Mittelpunkt zu stellen. Flanagan ist 27 Jahre alt und hat bereits an Sonny Rollins‘ Saxophone Colossus mitgewirkt. Bei Overseas kann er nun nicht nur als Partner eines Bläsers reagieren, sondern die Auswahl der Stücke und die Gewichtung des Klaviers als eigene Aussage entfalten. Das Album gilt als sein Debüt unter eigenem Namen. Die neun Titel zeigen, dass hinter dem zuverlässigen Begleiter zugleich ein Komponist mit einem bemerkenswerten eigenen Vorrat an Ideen steht.
Sechs der neun Stücke stammen von Flanagan. Die übrigen drei führen zu Charlie Parker, Billy Strayhorn und Ann Ronell. Diese Mischung ist für das Profil der Aufnahme entscheidend. Es geht weder um ein reines Standardsprogramm noch um eine ausschließlich neue Kompositionssammlung. Flanagan stellt seine Musik in Beziehung zu Vorlagen, die unterschiedliche melodische und harmonische Anforderungen mitbringen. Wilbur Little und Elvin Jones bleiben auf allen neun Titeln seine Partner. So erhält das Album eine klare personelle Kontinuität, während sich die Perspektiven innerhalb des Programms verändern.

Neun Stücke zwischen vertrauten Melodien und eigenen Ideen
Den Anfang macht Charlie Parkers Relaxin‘ At Camarillo. Schon dieser Einstieg verweist auf eine Sprache, in der Beweglichkeit und präzise Form zusammengehören. Danach folgt mit Billy Strayhorns Chelsea Bridge ein ganz anderer melodischer Bezugspunkt. Statt die beiden Stücke auf eine einheitliche Haltung zuzuschneiden, lohnt es sich, auf die jeweiligen Anforderungen zu achten: Wie führt Flanagan eine Linie, wie gewichtet er Akkorde, und wie viel Raum lässt er Bass und Schlagzeug zwischen den Aussagen des Klaviers? Das Trioformat macht diese Entscheidungen besonders gut nachvollziehbar.
Mit Eclypso beginnt der Block der sechs Eigenkompositionen. Es folgen Beat’s Up, Skål Brothers, Little Rock, Verdandi und Dalarna. Schon die Namen bewahren etwas von der skandinavischen Umgebung dieses Projekts, ohne dass daraus für jedes Stück eine konkrete Entstehungsgeschichte abgeleitet werden müsste. Musikalisch ist vor allem interessant, wie Flanagan zwischen knapperen und ausgedehnteren Formen wechselt. Ein Stück muss nicht lang sein, um ein eigenes Profil zu besitzen; ein längerer Verlauf muss wiederum durch Ideen und Wechselwirkungen getragen werden.
Die Folge endet mit Ann Ronells Willow Weep For Me. Nach den sechs eigenen Stücken kehrt das Programm damit zu einer bekannten Komposition zurück. Das gibt der Aufnahme einen nachvollziehbaren Bogen: zwei Vorlagen am Anfang, ein ausgedehnter eigener Kern und ein Standard zum Schluss. Auf dieser SACD bleibt es bei den neun Albumtiteln. Wer spätere Veröffentlichungen mit dem Namen The Complete Overseas kennt, sollte daraus keine zusätzlichen Titel für diese konkrete Ausgabe ableiten. Hier steht das ursprüngliche Albumprogramm im Mittelpunkt, nicht eine erweiterte Sammlung sämtlicher überlieferter Sessionaufnahmen.

Wilbur Little und Elvin Jones: mehr als eine Begleitung
Ein Klaviertrio lässt sich leicht über den Pianisten beschreiben und dabei um zwei Drittel seiner Persönlichkeit verkürzen. Wilbur Little gehört auf Overseas von Anfang bis Ende dazu. Sein Kontrabass verbindet das rhythmische Fundament mit der Möglichkeit einer eigenen melodischen Linie. Wer einmal gezielt bei dieser Stimme bleibt, kann verfolgen, wie sie Flanagans Phrasen trägt und zugleich die Übergänge mitgestaltet. Gerade ohne Bläser rückt die Beziehung zwischen Klavier und Bass stärker ins Zentrum: Harmonie und Bewegung werden unmittelbar zwischen diesen Instrumenten ausgehandelt.
Elvin Jones ist hier bereits als eigenständiger Musiker zu erleben, Jahre vor jenen Aufnahmen mit John Coltrane, die viele Hörer zuerst mit seinem Namen verbinden. Es wäre zu einfach, diese Stockholmer Session nur als Vorstufe späterer Berühmtheit zu behandeln. In Flanagans Trio erfüllt Jones eine konkrete Aufgabe: Er reagiert auf das Material dieses Albums und auf seine beiden Partner. Die Aufmerksamkeit kann dabei vom deutlichen Puls zu den Akzenten innerhalb einer Phrase wandern. So wird das Schlagzeug als mitgestaltende Stimme wahrnehmbar, ohne dass jede Bewegung als spektakulärer Ausbruch beschrieben werden muss.
Für Sammler, die Flanagan von anderen Platten kennen, eröffnet Overseas einen besonders schönen Perspektivwechsel. Derselbe Pianist, der in einer größeren Besetzung den Zusammenhang sichern kann, trägt hier den Mittelpunkt und stellt sechs eigene Kompositionen vor. Das Album verbindet seine Rolle im musikalischen Umfeld der Zeit mit einer frühen persönlichen Aussage. Auch die Aufnahmegeschichte besitzt einen eigenen Charakter: Stockholm, das Metronome Studio und ein schwedischer Toningenieur gehören zu dieser Musik. Sie darf nicht allein deshalb nach Hackensack verlegt werden, weil auf der amerikanischen Ausgabe später Prestige und Rudy Van Gelder erscheinen.
Die Mono-SACD und ihre klar getrennten Produktionsrollen
Die hier angebotene Veröffentlichung ist CPRJ 7134 SA, eine Hybrid-Mono-SACD von Analogue Productions aus der Prestige Mono Series. Für diese Ausgabe ist Kevin Gray bei Cohearent Audio als Mastering-Ingenieur kreditiert. Rudy Van Gelders Name gehört dagegen zum Mastering der historischen amerikanischen LP-Veröffentlichung. Die ursprüngliche Aufnahme in Stockholm betreute Gösta Wiholm. Diese drei Aufgaben liegen in unterschiedlichen Produktionsschritten und dürfen nicht zu einem einzigen Aufnahmecredit zusammengezogen werden.
Als Quelle nennt die Ausgabe die originalen analogen Mono-Master. Das ist die dokumentierte Herkunftsangabe zur Wiederveröffentlichung, keine Behauptung einer vollständig analogen SACD-Wiedergabe. Die Hybrid-Disc enthält eine CD-Schicht für herkömmliche CD-Spieler und eine SACD-Schicht für kompatible Geräte. Das Album wird mono präsentiert. Die Verpackung ist eine kleine LP-artige Klapphülle aus Karton. Es handelt sich um eine einzelne Disc; Vinylgewicht, Drehzahl oder ein LP-Presswerk sind entsprechend keine Eigenschaften dieses Angebots.
Für die Sammlung ist die genaue Edition ebenso hilfreich wie die Sessiongeschichte: das neun Titel umfassende Trioalbum, Kevin Grays Mastering und die Katalognummer CPRJ 7134 SA ergeben eine klare Zuordnung. Die Tracklist verwendet Dalarna, wie der Titel in den dokumentierten Ausgaben geführt wird. Hinter solchen Details steht kein Selbstzweck, sondern der Wunsch, die Aufnahme als das zu zeigen, was sie ist: Flanagans konzentrierte eigene Aussage mit Little und Jones an einem Stockholmer Aufnahmetag. Du bestellst bei Michael 45 in Deutschland. Wir organisieren den US-Import und versenden aus Hilden.
Auch als Mono-LP: Overseas
Kundenfrage: Analogue Productions in Europa kaufen
Beteiligte Musiker
Mitwirkende und dokumentierter Creditstand. Titelnummern beziehen sich auf die Tracklist.
- Tommy FlanaganKlavierMitwirkung: Alle 9 Titel
- Wilbur LittleKontrabassMitwirkung: Alle 9 Titel
- Elvin JonesSchlagzeugMitwirkung: Alle 9 Titel
Titelnummern und Seitenangaben beziehen sich auf die Tracklist dieser Ausgabe.










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